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Öffentliche Bibliotheken und die Informationsgesellschaft - eine Studie


Dokument erstellt am 05. Mai 1997

INHALTSANGABE

Hintergrund, Kontext, Ziele : Die Informationsgesellschaft braucht Bibliotheken
Schlußfolgerungen und Empfehlungen - Was sollte getan werden?
Aktuelle Lage : Die öffentlichen Bibliotheken in Europa entwickeln sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit
Die Vision : Die öffentlichen Bibliotheken als wichtiger Akteur bei der Verwirklichung der Informationsgesellschaft auf lokaler Ebene
Schlüsselrolle der öffentlichen Bibliotheken
Hindernisse : Mangelndes Bewußtsein auf politischer Ebene, unzureichende Mittel, unzulängliche Fachausbildung und starre Verhaltensweisen

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Hintergrund, Kontext, Ziele: Die Informationsgesellschaft braucht Bibliotheken

In der Informationsgesellschaft ist Wissen ein ausschlaggebender Faktor für den Wettbewerb. Die Art, in der wir mit Information umgehen, gewinnt um so mehr an Bedeutung, je stärker die digitale Revolution unsere Arbeitswelt und unseren privaten Alltag beeinflußt.

Die Veränderungen müssen wir so gut wie möglich bewältigen, denn sie sind wichtig für Wirtschaft, Demokratie und Gesellschaft. Die Informationsgesellschaft bietet den Bürgern neue Möglichkeiten, zu Wohlstand zu gelangen, und erlaubt ihnen ein aktiveres Mitwirken an der Gesellschaft. Die Kluft zwischen Informationsreichen und Informationsarmen wird indessen immer größer und führt unter Umständen zu sozialen Spannungen.

Notwendigkeit einer Strategie

Aus diesen Gründen wird eine Strategie benötigt, um:

  • in einem demokratischen Geist Zugang zu sämtlichen veröffentlichten Informationen bereitzustellen;
  • Möglichkeiten des lebenslangen Lernens zu eröffnen;
  • sicherzustellen, daß die Bürger mit dem Computer umgehen können und Zugang zur benötigten Hardware und Software haben;
  • in einer sich rasch wandelnden Welt die kulturelle Identität zu wahren.

Die öffentlichen Bibliotheken haben von jeher Lösungen geboten. Es gibt mehr als 40.000 öffentliche Bibliotheken in der Europäischen Union. Sind sie überhaupt in der Lage, die neuen Herausforderungen anzunehmen?

Für sie spricht:

  • Sie haben zahlreiche Benutzer, in einigen Ländern mehr als die Hälfte der Bevölkerung.
  • Sie verfügen über eine lange Tradition als örtliche Informationszentren.
  • Sie können das Potential der Informationstechnologien nutzen.

In Europa haben dynamische öffentliche Bibliotheken die Bürger und Politiker in ihrem Einzugsbereich schon jetzt davon überzeugt, daß sie als Antwort auf die entstehende Informationsgesellschaft effiziente Dienste anbieten können.

Die meisten öffentlichen Bibliotheken sind jedoch im Rückstand. Wollen sie aber den heutigen Bedürfnissen gerecht werden, müssen sie ihre Aufgabenstellung neu definieren und Strategien zur Herbeiführung des Wandels entwickeln.

Angesichts der entstehenden Informationsgesellschaft ist das oberste Ziel: Jedermann soll jederzeit und an jedem Ort Zugang zu jeder Art von Information haben. Die Technik macht dies bereits möglich, zunächst müssen wir aber unsere weitverbreitete Abhängigkeit von den traditionellen Medien überwinden. Die durch die Bibliotheksvernetzung gebotenen Möglichkeiten müssen für andere geöffnet werden.

Das Buch wird zwar noch viele Jahre der wichtigste Informationsträger bleiben, aber sich selbst auf gedrucktes Material beschränken hieße für die Bibliotheken zunehmend in den Rückstand geraten gegenüber denjenigen, die - häufig mit großem Erfolg - moderne Netzdienste bereitstellen.

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Die moderne Bibliothek

In der Studie wird der Begriff "moderne Bibliothek" (updated library) benutzt, um öffentliche Bibliotheken zu beschreiben, die parallel zu ihren herkömmlichen Diensten auch neue Dienste und Techniken anbieten; das ist bei den meisten Bibliotheken in Europa der Fall.

Die Studie stützt sich auf elf Länderstudien, sechs Fallstudien, in denen beispielhafte Bibliotheken und nachahmenswerte regionale Kooperationen beschrieben sind, sowie auf Schreibtischforschung.

Die Frage lautet: Wie sollen die Bibliotheken vorgehen, um ihre herkömmlichen Dienste anzupassen und neue anzubieten, damit sie den Bedürfnissen ihrer Benutzer im Kontext der Informationsgesellschaft gerecht werden.

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Schlußfolgerungen und Empfehlungen - Was sollte getan werden?

Wenn die öffentlichen Bibliotheken ihr Potential voll nutzen sollen, müssen sie Strategien erarbeiten, um neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu entwickeln und neue, verbesserte Dienste für den Bürger anzubieten. Gebraucht wird eine umfassende Unterstützung bei Schulung, Ausbildung und Implementierung.

Allgemeine Empfehlungen, die im wesentlichen auf nationaler oder regionaler Ebene umzusetzen wären

Maßnahmen werden in zwei Bereichen empfohlen:

Politische Konzepte und Strategien

Auf nationaler Ebene sollte für die öffentlichen Bibliotheken eine Politik formuliert werden, eng verbunden mit einem Konzept speziell für öffentliche Bibliotheksdienste in Schlüsselbereichen, wie z.B. Ausleihe zwischen Bibliotheken und Bibliotheksvernetzung.

Die Informationspolitik in den einzelnen Ländern sollte bewirken, daß die Rolle der öffentlichen Bibliotheken anerkannt wird.

Implementierungsstrategien für neue Dienste und technische Unterstützung sollten auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene entwickelt werden.

Verbesserung der Kenntnisse: Dringender Bedarf an modernen Schulungsprogrammen

Es sollte sichergestellt werden, daß angemessene Möglichkeiten für fachliche Fortbildung und Schulung bereitgestellt und genutzt werden.

Eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Arten von Bibliotheken - insbesondere zwischen öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken - mit anderen Institutionen sollte intensiv gefördert werden.

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Besondere Empfehlungen, die auf europäischer Ebene umzusetzen wären

Zuständig für die örtlichen öffentlichen Bibliotheken sind die Gemeinden. Auf europäischer Ebene wären Maßnahmen sinnvoll, die nationale, regionale und lokale Initiativen unterstützen. Empfohlen werden Maßnahmen in mehreren Bereichen, z.B. konzertierte Aktionen und Studien zu Politik und Planung, Initiativen zur Verbesserung der Fähigkeiten und Kompetenzen; Studien und Projekte zur Entwicklung neuer Werkzeuge.

Konzertierte Aktionen, Studien zu Politik und Planung, Schaffung neuer Dienste

Empfohlen werden:

  • Konzertierte Aktionen, um Konzepte zu entwickeln: für die Änderung politischer Prioritäten sowie für die Formulierung einer Politik und infolgedessen Bereitstellung von mehr Finanzierungsmitteln in den einzelnen Ländern, so daß alle Bibliotheken nach und nach einen angemessenen Entwicklungsstand in der Telematik erreichen;
  • Fallstudien über beispielhafte Entwicklungen: von der Vision über die Formulierung einer Politik hin zu neuen Diensten;
  • Studien oder Projekte, die sich mit der Beziehung zwischen neuen Technologien, neuen Diensten und sich wandelnden Organisations- und Verwaltungsstrukturen befassen;
  • Studien über die Auswirkung der öffentlichen Bibliotheken unter Berücksichtigung ihrer Funktionen;
  • Initiierung von Pilotprojekten im Zusammenhang mit neuen Diensten;
  • Verbreitung von Wissen über neue IT-Entwicklungen.

Entwicklung, bzw. Unterstützung von Maßnahmen zur Aus- und Weiterbildung

  • Fernlernprogramme;
  • Selbstlernprogramme;
  • Qualifikation von Ausbildern auf europäischer Ebene;
  • europäisches Schulungszentrum.

Studien und Projekte zur Entwicklung neuer Werkzeuge und Dienste

  • Studie über die Weiterentwicklung von Verwaltungs- und Organisationsstrukturen;
  • Studie über Gebühren;
  • Studie über das angemessene Dienstleistungsniveau einzelner Arten von öffentlichen Bibliotheken;
  • Projekte zur Entwicklung neuer Modelle für kleine öffentliche Bibliotheken, die auf vernetzten Diensten basieren;
  • Projekte zur Entwicklung neuer Dienste und Werkzeuge, die dem lokalen Bedarf entsprechend realisiert werden: Tools für Benutzerschulung, Informationsberatung, IT-basiertes Marketing;
  • universell einsatzfähiges Konzept für die Bereitstellung des Zugangs für verschiedene Benutzertypen;
  • Bibliothekars-Workbench - Organisation und Präsentation multimedia-basierter Information für das Netz

Anregung des Marktes für Telematikprodukte

Initiierung einer konzertierten Aktion zur Unterstützung einer Plattform, die einen intensiveren Dialog zwischen öffentlichen Bibliotheken und Systemanbietern ermöglicht.

Im Vorausgehenden wurden Vorschläge für konkrete Schritte gemacht. Benötigt werden nun Finanzierungsmittel. Eine europäische Finanzierungsquelle wäre äußerst wünschenswert: dadurch würde der Wandel in den öffentlichen Bibliotheken beschleunigt.

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Aktuelle Lage:

Die öffentlichen Bibliotheken in Europa entwickeln sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit

Die Entwicklung erfolgt in drei Stufen:

  1. Automatisierung der routinemäßigen Verwaltungsfunktionen mit dem Ziel, der breiten Öffentlichkeit Online-Zugang zum Katalog zu gewähren;
  2. Online-Zugang zu Datenbanken für Personal und Benutzer, einschließlich Internet-Zugang;
  3. serverbasierte Internet Dienste auf der Homepage der Bibliothek, die per Fernzugang benutzt werden können.

Was Stufe Nr.1 anbelangt, so bestehen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten beträchtliche Unterschiede: Der Prozentsatz der Bibliotheken, in denen bereits eine Automatisierung stattgefunden hat, schwankt zwischen 20 und 100%. In einigen Ländern läßt sich bereits ein deutlicher Schritt in Richtung Stufe Nr.2 feststellen: Dort verfügt nahezu die Hälfte der Bibliotheken über Internet-Zugang in irgendeiner Form. In anderen Ländern ist diese Zugriffsmöglichkeit dagegen eher die Ausnahme. Das gleiche gilt für CD-ROM-Zugang. Auf europäischer Ebene sind die öffentlichen Bibliotheken, die Fernzugriff auf ihre Kataloge anbieten, eine kleine Minderheit. Auch gibt es nur sehr wenige Bibliotheken, die elektronische Dokumentlieferdienste bereitstellen. Die Studie beschreibt eine Zukunftsvision, deren Verwirklichung die Entwicklung beschleunigen würde. Ausgangsbasis für das Modell sind öffentliche Bibliotheken, die auf beispielhafte Art modernisiert haben.

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Die Vision:

Die öffentlichen Bibliotheken als wichtiger Akteur bei der Verwirklichung der Informationsgesellschaft auf lokaler Ebene

Die moderne öffentliche Bibliothek bietet folgendes:

  • Zugang zum gesamten menschlichen Wissen, in welcher Form auch immer es gespeichert ist;
  • eine zur Ausleihe bestimmte Sammlung von gedrucktem und Multimedia-Material;
  • Zugang zu Netzen und Unterstützung für Netznavigation und Informationsrecherchen;
  • Arbeitsplätze für Bibliotheksbenutzer;
  • Möglichkeiten für Fernlernen und Schulung;
  • Räumlichkeiten, einschließlich Ausstattung für Sitzungen;
  • elektronische Dokumentlieferdienste;

Die moderne Bibliothek

  • verfügt über einen Zugang zu EU-weiten Katalogen für die Ausleihe zwischen Bibliotheken;
  • beteiligt sich zu gegebener Zeit an einem weltweiten Bibliotheksnetz;
  • arbeitet eng mit anderen "wissensspeichernden Einrichtungen", Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen zusammen;
  • fungiert als Informationsanbieter für ihre Benutzergemeinde;
  • bietet Dienste für bestimmte Zielgruppen an - angefangen von Wirtschaftsinformation bis hin zu Diensten für ethnische Minderheiten oder für Blinde.

Die örtlichen öffentlichen Bibliotheken werden sich entsprechend dem Bedarf vor Ort entwickeln. In den einzelnen Regionen wird es die unterschiedlichsten Bibliotheken geben, aber sie werden dank Koordinierung in der Lage sein, das gesamte Spektrum an Bibliotheksdiensten in diesem Gebiet abzudecken.

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Schlüsselrolle der öffentlichen Bibliotheken

Hier geht es um eine weitere Sicht der öffentlichen Bibliotheken als Institutionen, denen bei der Realisierung der Informationsgesellschaft auf lokaler Ebene eine Reihe von Schlüsselaufgaben zukommen, u.a.:

  • Aktives Mitwirken am Erhalt der Demokratie durch Bereitstellung eines uneingeschränkten Zugangs zu sämtlichem veröffentlichten Material;
  • Unterstützung von Ausbildung und Lernen auf vielen Ebenen durch Bereitstellen des "Rohmaterials";
  • Tätigkeit als lokales IT-Zentrum, das Zugang zu Hardware, Software und Netzen bietet und dadurch dem Bürger eine Möglichkeit eröffnet, mit den neuen, allgegenwärtigen Techniken fertig zu werden;
  • Funktion als Kulturinstitution.

Wenn der modernen Bibliothek eine so fundamentale Bedeutung zukommt, weshalb ist sie dann nicht weiter verbreitet? Welche Hindernisse stehen im Wege? Kann man diese beseitigen?

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Hindernisse

Mangelndes Bewußtsein auf politischer Ebene, unzureichende Mittel

Die Kluft zwischen tatsächlicher Lage und Vision ist auf zwei Ebenen spürbar. Von außen gesehen herrscht ein Mangel an politischem Bewußtsein, oder es fehlt an Vertrauen in das Potential der öffentlichen Bibliotheken, den Wandel zur Informationsgesellschaft zu unterstützen. Effizienz, Bandbreite der Dienste und technische Entwicklung sind eindeutig unterschiedlich, je nach dem, ob die betreffende öffentliche Bibliothek in einem Land oder einem Gebiet angesiedelt ist, das über ein entsprechendes politisches Konzept verfügt. Mangeln kann es aber auch an konkreten Plänen für die Vernetzung, an Finanzierungsmitteln und geeigneter technischer Unterstützung zur Implementierung der neuen Technologien.

unzulängliche Fachausbildung und starre Verhaltensweisen

Betrachtet man die Problematik von innen, so stellt sich heraus, daß die Hindernisse mit der Entwicklung des Bibliothekspersonals zu tun haben. Infolge nicht mehr zeitgemäßer Ausbildung oder fehlender Fortbildungs- und Schulungsmöglichkeiten sind die Mitarbeiter unzureichend ausgebildet. Benötigt wird demnach eine Strategie zur Entwicklung des Berufsstands auf nationaler, regionaler und institutioneller Ebene. Gründe für das Fehlen einer solchen Strategie sind unter anderem: Kompetenzmangel auf Führungsebene; fehlende Bereitschaft, die neuen Medien in den Griff zu bekommen; Furcht vor Veränderungen; nur wenige neue Mitarbeiter mit aktuellen IT-Kenntnissen.

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