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Wissenschaft im Trend: Die zunehmende Bedeutung der Netzwerkforschung am Beispiel von „Game of Thrones“

In diesem Monat startet die sechste Staffel der populären, von HBO produzierten Fantasyserie „Game of Thrones“. Im Vorfeld des Staffelauftakts wendeten US-amerikanische Forscher einen mathematischen Algorithmus an, um die wichtigste Frage über die Welt von Westeros zu beantworten: Wer ist eigentlich der wahre Hauptcharakter?
Wissenschaft im Trend: Die zunehmende Bedeutung der Netzwerkforschung am Beispiel von „Game of Thrones“
Fans sowohl der TV-Serie als auch der zugrunde liegenden Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin diskutieren seit langem, wer der wahre Protagonist der komplexen Geschichte ist, in der dutzende Charaktere miteinander interagieren. Ist es Daenerys Targaryen, die „Mutter der Drachen“, oder ein Mitglied der Familie Stark wie Arya oder Sansa? Jon Snow, Anführer der Nachtwache? Oder doch der gerissene und schlagfertige Tyrion Lannister?

Andrew J. Beveridge, Associate Professor für Mathematik am Macalester College in Minnesota, wendete gemeinsam mit dem enthusiastischen Studenten Jie Shan einen mathematischen Algorithmus an, der auf dem an Bedeutung gewinnenden Feld der Netzwerkforschung basiert, um diese Frage zu beantworten.

Netzwerkforschung in Westeros

Die Netzwerkforschung ist im Grunde ein Zweig der angewandten Graphentheorie zur Untersuchung komplexer Netzwerke wie Computer- und Telekommunikationsnetzwerke, biologischer Netzwerke, kognitiver und semantischer sowie sozialer Netzwerke. Zahlreiche Disziplinen fließen in dieses Feld ein, darunter Mathematik, Physik, Ökonomie, Soziologie und Informatik. In der Netzwerkforschung werden einzelne Elemente oder Akteure durch „Knoten“ dargestellt, die über „Kanten“ miteinander verbunden sind. Im Wesentlichen wird untersucht, wie Informationen von einem Knoten zum nächsten gelangen.

Für die Forscher war die Welt von „Game of Thrones“ mit ihren sich stetig ändernden Bündnissen, dem Kommen und (oft gewaltsam herbeigeführten) Gehen von Hauptcharakteren und den häufig wechselnden Schauplätzen daher ein ideales Versuchsumfeld, um die Bedeutung der Netzwerkforschung in unserer immer dichter vernetzten Welt zu demonstrieren.

„Dies ist eine ausgefallene Anwendung der Netzwerkforschung“, erklärte Prof. Beveridge. „Doch diese populärwissenschaftliche Aufbereitung veranschaulicht, worum es in der Mathematik geht: Muster finden und erklären.“ Die Forschungsarbeit mit dem Titel „Network of Thrones“ wurde in der renommierten Fachzeitschrift „Math Horizons“ der Mathematical Association of America veröffentlicht.

Das Team beschäftigte sich mit dem dritten Band der Serie („A Storm of Swords“, der in Deutschland zweigeteilt als „Sturm der Schwerter“ und „Die Königin der Drachen“ erschien), und markierte jede Stelle, an der zwei Charaktere innerhalb von 15 Wörtern erwähnt wurden. Je häufiger zwei Namen zusammen auftauchten, desto stärker wurde die Verbindung zwischen diesen beiden Charakteren gewichtet. Auf diese Weise wurde ein groß angelegtes Netzwerk geknüpft, das alle Charaktere enthält und sehr genau in einzelne Gruppen einordnet, um geografische, familiäre und sogar konfliktäre Verbindungen hervorzuheben. „Wir haben ihm [dem Netzwerk] diese Gruppen nie vorgegeben, sondern diese sind beim Vernetzungsvorgang selbst entstanden“, so Prof. Beveridge.

Nachdem die Wissenschaftler das komplexe soziale Netzwerk zwischen den Charakteren erstellt hatten, werteten sie die Verbindungen mit verschiedenen Verfahren aus, um die Protagonisten zu bewerten. Bei einem dieser Verfahren („Degree Centrality“) wurden die Charaktere lediglich danach beurteilt, mit wie vielen anderen sie verbunden sind. Bei einem weiteren Verfahren namens „PageRank“, das auch als Algorithmus bei der Suchmaschine Google zum Einsatz kommt, wurde auch berücksichtigt, wie wichtig diese Verbindungen sind.

Ermitteln des wichtigsten Charakters

Wer ist also der wichtigste Charakter? Bei allen Verfahren bis auf einem erreichte Tyrion Lannister den ersten Platz, was ihn, dicht gefolgt von Jon Schnee, zum Dreh- und Angelpunkt der Serie macht. Interessanterweise schlug Jon Schnee Tyrion im Verfahren „Betweenness“, mit dem der Einfluss eines Charakters auf andere Gruppen ausgewertet wurde.

Auf dem dritten Platz lag überraschenderweise Sansa Stark, die laut den Forschern von den meisten Lesern und Zuschauern als schwacher Charakter abgetan wird. „Andere Akteure [des Netzwerks] sind sich jedoch Sansas Wert bewusst“, schrieben die Wissenschaftler in ihrem Artikel. „Sollte sie in Zukunft raffinierter handeln, könnte sie von ihrer Bedeutung im Netzwerk profitieren und den Verlauf der Geschichte stark beeinflussen.“

Auch das Ergebnis von Daenerys Targaryen war interessant, da es tiefer als erwartet lag. Dies begründet sich darin, dass sie in „A Storm of Swords“ von vielen anderen Hauptcharakteren geografisch isoliert ist. In den späteren Büchern gewinnt sie allerdings erheblich an Bedeutung – was vom Netzwerk des Forschungsteams in gewisser Weise vorhergesagt wird, da sie zwar über wenige Verbindungen verfügt, diese jedoch mit anderen äußerst wichtigen Charakteren bestehen.

Praktische Anwendungen in der Realität

Obwohl es sehr amüsant ist, ein seriöses wissenschaftliches Gebiet auf eine fiktive Welt zu übertragen, die Millionen Menschen fasziniert und begeistert, entstehen für die Netzwerkforschung derzeit auch zahlreiche praktische Anwendungsmöglichkeiten in der echten Welt.

Die zweifellos dringendste Anwendung dieses Gebiets besteht darin, nationale Sicherheitsbehörden und Polizeikräfte beim Untersuchen und Zerschlagen globaler Terrornetzwerke zu unterstützen. Da das Modell der Netzwerkforschung im düsteren und komplexen Westeros funktionierte, könnte es durchaus auch für diese kritischen staatlichen Prozesse geeignet sein.

Quelle: Gestützt auf Medienberichte

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