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LONGWOOD klärt die menschlichen Einflüsse auf mährische Wälder aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven

Genauere Kenntnisse darüber, wie sich die Zusammensetzung der europäischen Wälder über die letzten Jahrhunderte entwickelte, könnten für den Entwurf moderner Forstwirtschaftsstrategien von unschätzbarem Wert sein. Im LONGWOOD-Projekt kamen Experten verschiedenster Fachgebiete zusammen, um gemeinsam genutzte Datenbanken zu erstellen und Richtlinien für eine bessere Forstwirtschaft auszuarbeiten, wobei sie sich auf die mitteleuropäische Region Mähren konzentrierten.
LONGWOOD klärt die menschlichen Einflüsse auf mährische Wälder aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven
Wie wirkte sich die Waldbewirtschaftung durch den Menschen im Lauf der Zeit auf die Vegetation in Mitteleuropa aus? Wieso besteht so eine große Wissenslücke hinsichtlich dieses Vorgangs, und wie kann sie geschlossen werden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des LONGWOOD-(Long-term-woodland-dynamics in Central Europe: from estimations to a realistic model) Projekts.

Einige Monate vor Abschluss des Projekts spricht Prof. Péter Szabó, Koordinator von LONGWOOD, über die bislang geleistete Arbeit, das Potential des Projekts und darüber, wie es zukünftige Naturschutzmaßnahmen beeinflussen könnte.

Wie erklären Sie sich, dass vor Beginn des Projekts so wenig über die Entwicklung des Waldaufbaus bekannt war?

Tatsächlich war sehr viel bekannt, jedoch stellte ich fest, dass zwischen den wissenschaftlichen Fachgebieten, aus denen dieses Wissen stammt, relativ wenig Austausch stattfand. Auf jedem Fachgebiet werden eigene Quellen und Mittel herangezogen, um Ergebnisse zu erhalten, die für einen bestimmten Zweck anwendbar sind. Mit der Pollenanalyse zum Beispiel kann der Waldaufbau detailgetreu rekonstruiert werden, doch der geographische Nutzen ist eher begrenzt.

Einerseits ist die Zusammenarbeit in mehrfacher Hinsicht tatsächlich schwierig, da sich die zeitlichen und räumlichen Maßstäbe verschiedener Quellen voneinander unterscheiden. Andererseits sah ich keinen Grund, warum auf den involvierten Fachgebieten zur Beantwortung dieser an sich allgemeinen Fragen nicht zusammengearbeitet werden sollte. Ich war überzeugt, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, diese unterschiedlichen Methoden in einer Region zusammenzuführen. Diese Region musste ausreichend groß sein, um zumindest für Mitteleuropa repräsentativ sein zu können, und gleichzeitig für eine hochauflösende Analyse zur Verfügung stehen.

Wie konnten Sie ältere Daten über den Waldaufbau Mitteleuropas beschaffen?

Wir planten die Studie zusammen mit Kollegen aus unterschiedlichen Fachgebieten. Dies war eine entscheidende Phase des Projekts, denn wir waren uns alle im Klaren, dass wir auf unserem jeweiligen Gebiet tätig sein könnten, jedoch einen zeitlichen und räumlichen Maßstab finden mussten, in dem eine sinnvolle Zusammenarbeit möglich ist. Zudem war eine Plattform zur Speicherung der unterschiedlichen Daten erforderlich. Für mich war außerdem wichtig, für jedes Fachgebiet Spitzenforscher zu finden – denn hätte man auf einem Fachgebiet mit veralteten Methoden gearbeitet, hätte dies das ganze Projekt beeinträchtigt.

Bei unserer Forschung werden vier Datentypen eingesetzt: fossiler Blütenstaub, Archivdokumente, die derzeitige Vegetation und archäologische Daten. All diese unterschiedlichen Daten werden in Datenbanken „Geographischer Informationssysteme“ (GIS) gespeichert, wodurch sie untereinander kompatibel und vergleichbar werden. Gerade weil es unserer Ansicht nach eine große Lücke zwischen den ausführlichen lokalen Studien und den groß angelegten, in gewissem Maß spekulativen Modellen gab, entschieden wir uns, so viele Daten wie nur irgend möglich für eine größere Region (Mähren im Osten der Tschechischen Republik, ca. 27.000 km²) zu erheben.

Jetzt, kurz vor dem Ende des Projekts, verfügen wir über Daten zu tausenden permanenten und erneut geprüften semi-permanenten Vegetationsflächen, dutzende palynologische Profile und zehntausende historische Aufzeichnungen zu Waldaufbau und Forstwirtschaft. Dazu kommt eine vollständige Datenbank mit allen archäologischen Funden, die jemals für dieses Gebiet verzeichnet wurden. Dies verschafft uns die einzigartige Gelegenheit, die Entwicklung der Wälder und den Einfluss des Menschen seit dem Ende der letzten Eiszeit auf komplexe Weise zu betrachten.

Was sind Ihre Erkenntnisse im Hinblick auf die Entwicklung des Waldaufbaus in Mitteleuropa?

Wir sind gerade mit den abschließenden Analysen und Synthesen beschäftigt, aber ich denke, wir haben zunächst einmal gelernt, bereits vorhandenes Wissen zu hinterfragen.

Zum Beispiel scheint der wichtigste Vorgang des 20. Jahrhunderts, der sich auf diese Wälder auswirkte, die wegen ihrer Biodiversität heutzutage sehr geschätzt werden, die Abkehr von der traditionellen Bewirtschaftung zu sein. Stickstoffablagerungen und andere Faktoren spielen natürlich ebenso eine Rolle, aber wenn ein Wald nach hunderten oder vielleicht tausenden von Jahren plötzlich anders bewirtschaftet wird, dann verändert das nahezu alles, von den Blumen bis hin zu den Schmetterlingen. Unsere historischen Daten zeigten, dass selbst im Mittelalter jeder Wald bewirtschaftet wurde und dass die ökologisch wichtigsten Faktoren nicht unbedingt die am besten dokumentierten sind. Zum Beispiel wurde Waldstreu, entgegen früherer Annahmen, fast überall für landwirtschaftliche Zwecke genutzt, wodurch den Wäldern möglicherweise genauso viele Nährstoffe genommen wurden wie durch das Fällen von Bäumen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass es oft unmöglich ist, bei der Entwicklung von Ökosystemen zwischen menschlichen Einflüssen und natürlichen Vorgängen zu unterscheiden. Es stellte sich heraus, dass das floristisch äußerst wertvolle Eichenholz aus Südmähren ursprünglich nur einen geringen Verbreitungsgrad hatte, bevor Menschen im 14. Jahrhundert die Bewirtschaftung der entsprechenden Bäume änderten. Wird es dadurch hinsichtlich des Naturschutzes weniger „natürlich“?

Andererseits dreht sich nicht alles um Veränderung. Wir konnten auch Elemente von erstaunlicher Stabilität feststellen. In einem kombinierten palynologischen, archäologischen und paläoklimatologischen Modell fanden wir heraus, dass weite Felder während des Holozäns einen großen Teil des Flachlandes ausmachten, aber auch hier ist es schwierig, genau zu bestimmen, in welchem Ausmaß dies von Menschen oder vom Klima verursacht wurde.

Eines der zentralen Ergebnisse des Projekts ist ein räumliches und zeitliches Waldlandschaftsmodell. Was wären für die Interessengruppen typische Anwendungen dieses Modells?

Die Hauptbereiche, für die unsere Ergebnisse von Nutzen sind, sind der Naturschutz und die Forstwirtschaft. Unsere Ergebnisse eröffnen uns die Möglichkeit, langfristige Änderungen zu beobachten und aktuelle Änderungen, einschließlich diejenigen, die durch den Klimawandel ausgelöst wurden, historisch korrekt einzuordnen. Konkret sollen unsere Datenbanken öffentlich zugänglich sein. Wenn also z. B. Förster etwas über die Struktur der Baumarten in ihrer Gegend über den Zeitraum einiger Jahrhunderte herausfinden möchten, um einen besseren Bewirtschaftungsplan zu entwickeln, dann können sie diese Daten von uns erhalten.

Zudem versuchen wir, bestehende Modelle zu den natürlichen Verbreitungsgebieten bestimmter Baumarten neu zu bewerten. Außerdem arbeiten wir mit Naturschutzbehörden in verschiedenen Gebieten zusammen, in denen die Folgen der Wiederaufnahme traditioneller Forstwirtschaftsmethoden – teilweise mit Anwendung unserer Forschungsergebnisse – von uns beobachtet und auch im Kontext der gesamten Veränderungen im 20. Jahrhundert bewertet werden. Idealerweise könnten unsere Ergebnisse zur Reform der tschechischen Förstereipolitik beitragen, vor allem im Bezug auf die gewünschte Zusammensetzung des Waldes und auf die Rolle der traditionellen Forstwirtschaft. Vieles davon ist derzeit außerhalb speziell dafür vorgesehener Gebiete verboten.

Sie haben auch Richtlinien für einen angemesseneren Erhalt der Waldgebiete ermittelt. Was sind Ihre zentralen Empfehlungen?

Ich würde von großen Naturschutzmaßnahmen abraten. Es ist sehr verlockend, den örtlichen Wald anhand einer bestehenden Kategorisierung einzuordnen, aber dadurch riskiert man, die besonderen Aspekte dieses Waldes zu übersehen. Mich interessiert nicht, wie sehr sich Wälder untereinander ähneln, sondern was sie voneinander unterscheidet.

Außerdem werden übergeordnete Naturschutzprogramme und -richtlinien selten richtig hinterfragt und lassen kaum neue Erkenntnisse zu – ein Thema, mit dem wir uns auch in unserer Forschung auseinandergesetzt haben. Ich würde es begrüßen, wenn die Geschichte eines Gebietes bei den Naturschutzprogrammen für Waldgebiete mehr berücksichtigt würde. Wälder sind nicht nur natürliche Gebiete, sondern haben auch eine kulturelle Bedeutung, und wie ich bereits vorhin erwähnte, ist es oft unmöglich zu bestimmen, wo die Kultur aufhört und die Natur anfängt. Ich betrachte das nicht als ein Problem, sondern eher als etwas, dass wir, gerade in Europa, verinnerlichen sollten. Wälder sind extrem komplex, also sollten wir sie auch auf eine komplexe Weise betrachten, anstatt nur einer Liste mit gewünschten Arten zu erstellen.

Ihre Arbeit konzentrierte sich auf die Region Mähren. Hoffen Sie, dass Ihre Methodologie vergleichbare Initiativen in anderen Regionen Europas unterstützen wird?

Das hoffe ich. Es würde mich freuen, wenn unsere Arbeit andere inspirieren könnte, vor allem im Hinblick darauf, dass die Kombination verschiedener Quellen und Methoden synergetische Ergebnisse erschaffen kann, mehr als die einfache Summe einzelner Komponenten.

LONGWOOD
Gefördert unter FP7-IDEAS-ERC
Projektwebsite

Quelle: Interview aus dem Magazin research*eu Ergebnisse, Ausgabe 54, Seiten 11–13

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Datensatznummer: 125864 / Zuletzt geändert am: 2016-07-25
Kategorie: Interviews
Anbieter: ec