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Verbesserte Forstwirtschaftsmethoden für maximales Klimaschutzpotential

Forstverwaltungen stehen oft vor der Herausforderung, einen Kompromiss zwischen CO2-Sequestrierung und der Nutzung von Biomasse zur Energieerzeugung zu finden. Die Mitglieder des FORMIT-Projekts werden in Kürze die Ergebnisse einer Multi-Szenarioanalyse vorstellen, die Entscheidungsträgern aus ganz Europa fundiertere Entscheidungen ermöglichen werden.
Verbesserte Forstwirtschaftsmethoden für maximales Klimaschutzpotential
FORMIT (FORest management strategies to enhance the MITigation potential of European forests) entstand aus der Forderung nach besserer Ausbalancierung verschiedener Arten der Waldnutzung in Europa. Dabei werden Kohlenstoffspeicherung, Holzproduktion und Erhalt der Artenvielfalt ebenso wie mögliche Zielkonflikte berücksichtigt, mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf Europas Wälder analysiert und Bewirtschaftungsoptionen und Umsetzungsstrategien erbracht.

Das Projekt, das noch bis September 2016 läuft, befindet sich derzeit in seiner Schlussphase. Prof. Dr. Frits Mohren, Koordinator von FORMIT und Lehrstuhlinhaber für Waldökologie und Forstwirtschaft an der Universität Wageningen, berichtet über den Erfolg seiner Forschung und ihrem Potential zur Veränderung der Forstwirtschaftsmethoden in Europa.

Weshalb war es wichtig, neue Forstwirtschaftsmethoden für Kohlenstoffsequestrierung zu entwickeln?

Kohlenstoffsequestrierung ist eine relativ neues Planziel in der Forstwirtschaft. Die Rolle, die Wälder im weltweiten Kohlenstoffumsatz spielen, ist erst während der letzten Jahrzehnte interessant geworden, nachdem der Klimawandel als Problem erkannt und es notwendig wurde, diesen durch Reduzierung des CO2-Ausstoßes und Erhöhung der CO2-Sequestrierung in Ökosystemen auf dem Festland, insbesondere in Wäldern, abzumildern. Wälder speichern große Mengen Kohlenstoff, und durch Anpassung der Forstwirtschaft kann diese noch erhöht werden, insbesondere in wirtschaftlich genutzten Wäldern wie jene in Europa.

Des Weiteren könnten Wälder eine Rolle bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes aufgrund Nutzung fossiler Brennstoffe spielen, indem sie Biomasse zur Energieproduktion beisteuern. Dies könnte letztendlich zu einer verstärkten Waldnutzung führen, die wiederum zu CO2-Ausstoß durch Störung des Waldökosystems zur Folge haben könnte.

Daher müssen die Ziele und Vorgaben der Forstwirtschaft überdacht werden, ebenso wie ihre praktische Handhabung, um ihre Rolle heute und möglicherweise in der Zukunft für die regionale wie globale Kohlenstoffbilanz zu begreifen.

Gegenwärtig sammeln alle Waldgebiete in Europa Biomasse an, da die Holzernte geringer ausfällt als die gesamte Holzzuwachsrate. Infolgedessen könnte die Sequestrierung von Kohlenstoff in Waldökosystemen ca. 10 % des gesamten CO2-Ausstoßes in Europa entsprechen. Da im Grunde alle diese Wälder bewirtschaftet werden, müssen wir verstehen, was diese Kohlenstoffsequestrierung vorantreibt, wie lange sie noch andauern könnte und wie sie durch Forstwirtschaft beeinflusst wird.

Was sind für Sie die wichtigsten Erfolge des Projekts unter diesem Gesichtspunkt?

Der Erfolg von FORMIT besteht in der Analyse von Forstwirtschaftsmethoden für den gesamten Waldbestand in Europa. Dabei wird zwischen geographischen Regionen und Waldarten in Hinblick auf die Senkung des CO2-Ausstoßes unterschieden. Auch andere wichtige Waldfunktionen wie Holzproduktion und Erhalt der Artenvielfalt werden berücksichtigt, ebenso wie die erwartete Intensivierung der Waldnutzung als Teil der Entwicklungen, die mit einer verstärkten Betonung auf Bio-Ökonomie einhergehen, durch die voraussichtlich die Nachfrage nach Holz als Rohstoff stark ansteigen wird.

Auf welche Gegenden in Europa haben Sie sich konzentriert und aus welchem Grund?

Wir haben die Regionen Europas verwendet, die in Berichten von Forest Europe behandelt wurden: Nordeuropa, westliches Mitteleuropa, östliches Mitteleuropa, Südwest-Europa und Südost-Europa. Dies sind zwar grobe Kategorien, doch unsere Grundlage stellen die Informationen von National Forest Inventory dar, erweitert auf der Basis von Fernerkundungsdaten (MODIS), um alle Wälder in Europa erfassen zu können. Diese Informationen werden dann erneut für die in Erwägung gezogenen, großen Gebiete zusammengetragen.

Was haben Sie hinsichtlich des Klimaschutzpotentials über Europas Wälder gelernt?

Wir befinden uns noch mitten in der Szenarioanalyse, daher kann ich Ihnen noch keine endgültige Antwort darauf geben. Es ist jedoch klar, dass das Klimaschutzpotential groß und bedeutsam ist und dass die Forstwirtschaft ausschlaggebend ist für das Erreichen einer Minderung des CO2-Ausstoßes.

Wie bereits erwähnt, entspricht die Kohlenstoffsequestrierung gegenwärtig 10 % der gesamten Emissionen. Dieser Wert muss aufrechterhalten und vielleicht sogar erhöht werden, doch der Zielkonflikt mit anderen Waldfunktionen, insbesondere die erwartete Intensivierung der Nutzung durch Bio-Ökonomie, ist ausschlaggebend und muss verstanden und quantitativ bestimmt werden. Durch FORMIT leisten wir einen bedeutenden Beitrag dazu.

Halten Sie es für möglich, dass ein zufriedenstellender Kompromiss zwischen Kohlenstoffspeicherung, Holzproduktion und anderen Ökosystemdienstleistungen gefunden werden kann?

Ein Kompromiss wird immer von den örtlichen Gegebenheiten abhängen, also von der gesellschaftlichen Nachfrage nach forstwirtschaftlichen Produkten und anderen Ökosystemdienstleistungen. Dies wird sich von Region zu Region in Europa und unter verschiedenen sozio-ökonomischen Bedingungen unterscheiden.

Es gibt eindeutig ein Zusammenspiel von Kohlenstoffspeicherung und Erhalt der Artenvielfalt; aber auch, wenn ein Wald intensiv genutzt wird, kann die Kohlenstoffspeicherung verbessert werden. Doch die Gesellschaft kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Der große Vorteil von Wäldern ist die Möglichkeit auf eine Versorgung mit erneuerbaren Rohstoffen unter naturnahen Gegebenheiten. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff und wird nicht zur Mangelware werden. Dennoch gibt es weitere Zielkonflikte und Kompromisse, über die verhandelt werden muss. Unsere Szenarioanalyse stellt wissenschaftlich fundierte Informationen zu möglichen Optionen und den Grenzen des Entscheidungsspielraums, innerhalb dessen Politiker Kompromisse finden müssen, zur Verfügung.

Wie wollen Sie die Regionen in Europa davon überzeugen, auf Ihre Bewirtschaftungsoptionen und Umsetzungsstrategien zu vertrauen?

Zu allererst durch das Verfügbarmachen von fundierten wissenschaftlichen Informationen über die Optionen und Bewirtschaftungsstrategien - und deren Auswirkungen - die wir gegenwärtig erfassen können. Wir wollen niemandem Vorschriften machen, aber unser Ziel ist es, politikrelevante Informationen in Form von realistischen, anpassbaren Bewirtschaftungsstrategien zur Verfügung zu stellen. Die Projektteilnehmer werden Bewirtschaftungsoptionen und Umsetzungsstrategien für Europas Wälder erstellen, die sich auf Klimaschutz bei gleichzeitigem Schutz anderer Waldfunktionen konzentrieren, sowie auf regionale Unterschiede bezüglich der Umwelt und sozio-ökonomischen Gegebenheiten. Mithilfe dieser „Repräsentativen Anpassungs- und Abmilderungsmaßnahmen“ (Representative adaptation and mitigation pathways, RAMPs), wie wir sie nennen, werden aktuelle Kenntnisse zusammengeführt und politische Entscheidungsträger sowie Forstwirte unterstützt.

Das Projekt wird im September abgeschlossen. Was planen Sie für die Zeit danach?

Die Arbeit ist derzeit noch im Gange. Die von uns entwickelten Mittel und Verfahren werden von den Partnern auch weiterhin für noch detailliertere nationale Analysen angewendet werden, um auch auf nationaler Ebene mögliche Abmilderungsstrategien und Möglichkeiten für adaptive Forstwirtschaft anbieten zu können. Hinsichtlich der Grundlagenforschung entstehen im Rahmen des FORMIT-Projekts einige Doktorarbeiten, die sich bereits im fortgeschrittenen Stadium befinden nach Projektende abgeschlossen werden. Diese werden sowohl zu methodologischen als auch praktisch orientierten Nachfolgeprojekten führen.

Wir setzen uns auch mit der Möglichkeit auseinander, mit lokalen und nationalen Interessengruppen Demonstrationsprojekte ins Leben zu rufen, um verfügbare Bewirtschaftungsoptionen zu zeigen und näher zu dokumentieren. Dies ist natürlich von weiterer nationaler und internationaler Unterstützung abhängig. Ich bin mir jedoch sicher, dass unsere Ergebnisse ausreichend Interesse wecken werden, um uns zu ermöglichen, unsere Forschung weiterzuverfolgen. So werden wir die Forstwirtschaft bei der Herausforderung unterstützen, eine nachhaltigere Waldnutzung zu erreichen und gleichzeitig auch in Zukunft entscheidend zur Abmilderung des Klimawandels beizutragen.

FORMIT
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Quelle: Interview aus dem Magazin research*eu Ergebnisse, Ausgabe 54, Seiten 14–15

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Datensatznummer: 125879 / Zuletzt geändert am: 2016-07-26
Kategorie: Interviews
Anbieter: ec