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Wie kann die Struktur des Finanzsystems besser auf die Anforderungen der Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt ausgelegt werden?

An der Abschlusskonferenz des FESSUD-Projekts, die vom 27. bis 28. September in Brüssel abgehalten wurde, waren führende Akademiker, Ökonomen und Finanzexperten beteiligt, die dort ihre wichtigsten Forschungsergebnisse präsentierten und diskutierten, wie die Struktur des Finanzsystems besser auf die Anforderungen der Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt ausgelegt werden könnte.
Wie kann die Struktur des Finanzsystems besser auf die Anforderungen der Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt ausgelegt werden?
Vor dem Hintergrund der schweren Finanzkrise und dem darauf folgenden Konjunkturabschwung in den Jahren 2008-2009, von dem sich Europa möglicherweise immer noch nicht vollständig erholt hat, wurde das von der EU finanzierte Projekt FESSUD ins Leben gerufen. Die Projektteilnehmer haben sich zum Ziel gesetzt herauszufinden, wie verhindert werden kann, dass sich künftig erneut eine Finanzkrise mit derart gravierenden Folgen ereignet. Im Rahmen des auf fünf Jahre angelegten Projekts, das im November 2016 abgeschlossen werden soll, haben sich die Teilnehmer mit dem in den vergangenen 30 Jahren zunehmend verbreiteten Finanzmarkt-Kapitalismus befasst. Sie haben analysiert, inwiefern sich dieser Prozess auf die Nachhaltigkeit des Finanzsystems sowie auf das Erreichen bestimmter Ziele für die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Umwelt auswirkt.

Finanzmarkt-Kapitalismus und Regulierung

Angesichts der Tatsache, dass die Weltwirtschaft seit den 1980er Jahren immer stärker vom sogenannten Finanzmarkt-Kapitalismus (dem Prozess, der wachsenden und immer mehr Einfluss gewinnenden Finanzinstitutionen und -märkte) geprägt ist, standen die verfügbaren Maßnahmen zur Regulierung des Finanzsystems mit im Fokus der Projektteilnehmer. In seiner Rede bei der Projektkonferenz merkte Jan Kreugel von der Technischen Universität Tallinn an, dass es nur so scheinen würde als hätten Politiker und Regulierungsbehörden bei der Regulierung der Finanzmärkte „die Fäden in der Hand“. Seiner Ansicht nach führen Regulierungsmaßnahmen nicht wie gedacht zur Abwendung einer künftigen Finanzkrise, sondern begünstigen diese sogar.

Weiter wies er darauf hin, dass mit einer Universallösung zur Regulierung der Finanzmärkte nicht verhindert werden könnte, dass sich eine weitere Finanzkrise ereignet. Die Projektteilnehmer befassten sich mit sieben europäischen Ländern, die zum Teil zu den Gründungsmitgliedern der Europäischen Gemeinschaft zählten, zum Teil später beitraten und zum Teil in der Vergangenheit als Zentralverwaltungswirtschaft regiert wurden. Sie stellten Folgendes fest: Möchte man in Europa und weltweit beschlossene Regulierungsmaßnahmen für die Finanzmärkte in die nationale Gesetzgebung einbinden, müssen diese an die Gegebenheiten im jeweiligen Land angepasst werden.

Er kam zu dem Schluss, dass mit neuen Regulierungsmaßnahmen für die Finanzmärkte sichergestellt werden sollte, dass ausschließlich Zentralbanken für internationale Finanzsysteme und die Gewährleistung der Liquidität des Finanzsystems verantwortlich sein dürfen. So könnte ein eher allgemein gefasster und dennoch effektiver regulatorischer Rahmen geschaffen werden und zudem gewährleistet werden, dass Regulierungsmaßnahmen für bestimmte Ländern nicht zu eng gefasst sind.

Auswirkungen des Finanzmarkt-Kapitalismus auf die Gesellschaft

Die Teilnehmer des FESSUD-Projekts befassten sich mitunter auch mit den Auswirkungen, die dieser Trend auf die Gesellschaft hat, besonders auf benachteiligte und wirtschaftlich weniger starke Bevölkerungsgruppen. Ihre europaweite Umfrage ergab, dass diese Bevölkerungsgruppen sich aufgrund der Tatsache, dass Banken die einzige Schnittfläche zwischen Finanzsystem und Gesellschaft darstellen, deren Macht mehr oder minder ausgesetzt fühlten.

Finanzinstitutionen scheinen nur geringfügig auf die Anforderungen von Randgruppen einzugehen und ermutigen sie selbst dann, wenn es eigentlich nicht in deren Interesse läge, zur Aufnahme weiterer Kredite, weil sie dabei an die Ankurbelung der Wirtschaft denken. Die Umfrageteilnehmer gaben an, das Gefühl zu haben, auf eine Kontonummer reduziert worden zu sein. Aufgrund der fehlenden Möglichkeiten des Austauschs bezüglich der Anpassung der Finanzstrukturen an die Anforderungen dieser Randgruppen, ist deren Misstrauen in die Banken gewachsen, sodass sie jegliche Zusammenarbeit scheuen.

Die Teilnehmer des FESSUD-Projekts zeigten zudem auf, wie Bürger sich zusammengeschlossen haben, um sich gegen den Einfluss der Finanzwelt auf ihr Leben zu wehren. So lehnen beispielsweise viele Bürger des Vereinigten Königreichs und Deutschlands eine Kreditkarte ab, und so mancher Belgier bevorzugt es, seine Ersparnisse im eigenen Heim aufzubewahren, anstatt sie einer Bank anzuvertrauen. Insgesamt wurde klar, dass Finanzinstitutionen neue Wege finden müssen, um besser mit den Bürgern zusammenarbeiten und auf deren tatsächliche Anforderungen eingehen zu können.

Finanzierung von Umweltinvestitionen

Ein weiteres Thema, dass umfassend diskutiert wurde, war die Frage, wie die Entwicklung zu einer umweltbewussteren Wirtschaft und Umweltinvestitionen vom Finanzsystem und dem Finanzmarkt-Kapitalismus unterstützt werden könnten.

Alessandro Vercelli von der Universität Siena ist der Ansicht, dass „wichtige“ Banken in ein dediziertes Netzwerk eingegliedert werden sollten, in dessen Rahmen deren Maßnahmen koordiniert, Best Practices ausgetauscht und internationale Umweltprojekte oder Umweltprojekte, deren Teilnehmer besonders ambitioniert sind, gefördert werden. Er vertrat weiter den Standpunkt, dass der Finanzierungsspielraum dieser zentralen Banken in Bezug auf Umweltprojekte nicht auf das eigene Land beschränkt sein sollte.

Dabei hätten sich diese Banken an bestimmte, angemessene Kennzahlen zu halten – sowohl an finanzielle Kennzahlen als auch Metriken, die auf Nachhaltigkeitszielen basieren (beispielsweise in puncto CO2-Emissionen, Energieeffizienz und der Schaffung grüner Arbeitsplätze).

Die Zukunft der europäischen Finanzmärkte

Einer weiteren, von den Projektteilnehmern durchgeführten Umfrage unter 50 Ökonomen zufolge sind die Aussichten für das kommende Jahrzehnt eher düster. Die Ökonomen schätzen, dass die privaten Haushalte wieder vermehrt Kredite aufnehmen werden, primär in Form von Hypotheken, und sehen darin ein mäßiges bis ernstes Risiko. Zudem prognostizieren sie eine zunehmende Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung, die wohl kaum dazu beitragen wird, das aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise verloren gegangene Vertrauen in das Finanzsystem wieder zu stärken.

Das FESSUD-Projekt, dessen Teilnehmer klar aufgezeigt haben, wie unabdingbar eine umfassende und tiefgreifende Reform der Struktur der Finanzwelt ist, wurde mit nahezu 8 Millionen Euro von der EU unterstützt.

Quelle: Gestützt auf einen Veranstaltungsbesuch und Projektinformationen

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