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Finnlands Weg zum Wohlstand

Das finnische Wirtschaftswunder ist ein Phänomen, das rund um die Welt mit Staunen beobachtet wird. Auch in Finnland selbst ist man verständlicherweise stolz auf den Erfolg. Wie konnte sich ein kleines nordeuropäisches Land, das noch in den 1970er Jahren technologisch völlig u...
Finnlands Weg zum Wohlstand
Das finnische Wirtschaftswunder ist ein Phänomen, das rund um die Welt mit Staunen beobachtet wird. Auch in Finnland selbst ist man verständlicherweise stolz auf den Erfolg. Wie konnte sich ein kleines nordeuropäisches Land, das noch in den 1970er Jahren technologisch völlig unbedeutend war, in die Innovations-Supermacht von heute verwandeln?

Finnland gilt nach wie vor als die wettbewerbsfähigste Wirtschaft der Welt: In den letzten fünf Jahren stand das Land viermal auf Position 1 der Liste des Weltwirtschaftsforums. Auf der Suche nach einer Antwort auf dieses "Wie" sprach CORDIS-Nachrichten mit Esko-Olavi Seppälä, Mitglied des finnischen Wissenschafts- und Technologierats und intimer Kenner des Innovations- und Entwicklungsprozesses in Finnland, sowie mit Dr. Erkki Ormala, Vizepräsident für Technologiepolitik beim finnischen Technologie-Riesen Nokia, der eine allgemeinere Industrieperspektive vermittelt.

Zu den technologischen Kronjuwelen Finnlands gehören Dr. Ormalas Unternehmen Nokia, weltweiter Spitzenreiter in der Handytechnologie, sowie Linux, das weltweit größte kollaborative Informationstechnologieprojekt mit seinem Gründer Linus Torvalds. Auch wenn der große Durchbruch in die Innovation erst in den 1990er Jahren erfolgte, so waren die Fundamente schon in den 1960er Jahren gelegt worden. Seppälä führte CORDIS-Nachrichten kurz durch die Geschichte des finnischen Innovationswunders:

"Die finnische Industrie hatte schon während der 1960er Jahre in technische Entwicklung investiert, das bedeutet, diese Investition in F&E [Forschung und Entwicklung] war eine Investition in sie selbst. Ab Mitte der 1960er Jahre wurden besondere Anstrengungen unternommen, um das Hochschulwesen auszubauen, so wurde zum Beispiel 1966 ein Hochschulgesetz verabschiedet. Dieses Gesetzt ist auch heute noch in Kraft, und es ist ihm zu verdanken, dass die Anzahl der Studenten und Lehrer enorm gestiegen ist. Es wurden jedoch nicht nur die bestehenden Institutionen erweitert, sondern auch in mehreren Regionen neue Universitäten gegründet."

Die Bedeutung dieser Politik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie gab Finnland eine gut ausgebildete Bevölkerung mit einer positiven Einstellung zu Forschung und Entwicklung, unabhängig von der Herkunft der Menschen. Nichts, was später passierte, hätte ohne diese wesentliche Maßnahme geschehen können. Heute steht Finnland bei zahlreichen Bildungsindikatoren an erster Stelle, darunter Lesen, Problemlösen und Mathematik.

Dr. Ormala ist der Ansicht, dass die Grundlage des Strukturwandels ein "öffentlich-privater" Dialog war, durch den eine gemeinsame Vision entstehen konnte: "Es gab zwei Trends. Erstens wurde es insbesondere in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren offensichtlich, dass wirtschaftliches und industrielles Wachstum nicht allein auf dem Handel mit der Sowjetunion basieren konnte, auch wenn dieser nach wie vor ein wichtiger Faktor sein würde. Für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum brauchte Finnland Zugang zu den europäischen Märkten. Ein Mehrwert war gefordert, denn nur ein Wettbewerbsvorteil und bessere Produkte konnten den Marktanteil vergrößern."

"Zweitens gab es eine visionäre junge Managergeneration, die die globalen Märkte als Chance begriff. Die 1980er Jahre waren das Jahrzehnt, in dem sich Finnland internationalen Institutionen und ausländischen Märkten öffnete", so Dr. Ormala. Der Pool an Managementpotenzial war ebenfalls der soliden Schulbildung zu verdanken. Aber der Übergang zur Technologie geschah nicht reibungslos.

Die Gewerkschaften nahmen 1979 und 1980 die Idee, die finnische Wirtschaft stärker in die Bereiche Technologie und Mikroelektronik zu verschieben, mit Besorgnis auf, da sie in mehreren Branchen den Verlust von Arbeitsplätzen befürchteten. Am Ende setzte sich jedoch Pragmatismus durch, und die Gewerkschaften beschlossen, sich nicht von vorneherein zu widersetzen, sondern abzuwarten, ob der Schritt in Richtung technologische Gesellschaft tatsächlich Arbeitsplätze kosten würde.

Der so genannte Große Technologieausschuss der Gewerkschaften fand heraus, dass die negativen Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze minimal sein würden - vielleicht könnten sogar Arbeitsplätze geschaffen werden. Dieses überraschende Ergebnis "änderte die Richtung, denn die Gewerkschaften und die Arbeiter begannen, den technologischen Prozessen positiv gegenüberzustehen", erklärte Seppälä.

1982 fällte die Regierung auf der Grundlage der Ergebnisse des Großen Technologieausschusses eine wichtige Entscheidung: Das Prinzip Technologie, das heißt eine breitere Sicht von Technologie und Technologiepolitik, sollte gefördert werden. "Technologie erhielt die Position, in der andere Länder nach dem zweiten Weltkrieg waren", erklärte er. "Es ging nicht nur um Ingenieure. Technologie wurde vielmehr als ein gesellschaftliches Phänomen gesehen, das sich auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Gesellschaft manifestiert."

Dr. Ormala zufolge kam die Wende in Richtung Technologie in großem Maße aus der Industrie, die hervorragende Kommunikationskanäle zur Regierung unterhielt. Anstatt Geld zu fordern, investierte die Industrie selbst Geld, und diese privaten Mittel ergänzte die Regierung mit öffentlichen Mitteln. "Ein Eckpfeiler der Entwicklung war die intensive Diskussion oder Konsultation zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor. Es entstand ein Konsensmechanismus, der beiden eine gemeinsame Vision ermöglichte. Das war sehr wichtig. Es wurde eine gewisse Vorhersehbarkeit geschaffen, sodass Industrien in Finnland investierten - es wurde Vertrauen gezeigt", so Dr. Ormala.

1983 wurde Tekes gegründet, die finnische Agentur für Technologie- und Innovationsförderung. Danach begann die Technologie eine viel sichtbarere Rolle zu spielen. Aber eigenartigerweise war der Katalysator, der schnelle Veränderungen hervorbrachte, die Reaktion auf die wirtschaftliche Instabilität ein Jahrzehnt später.

"Ende der 1980er Jahre war die öffentliche Beteiligung sehr gut, aber dann gab es ab 1990 eine ernsthafte Rezession. 1993 war das schlimmste Jahr der Krise: zwischen 1991 und 1993 fiel das BIP um mehr als zehn Prozent. 400.000 Menschen verloren ihre Arbeit, das heißt die Arbeitslosigkeit stieg in diesem kurzen Zeitraum von 3,5 Prozent auf 20 Prozent an", erinnerte sich Seppälä.

Ironischerweise wurde an diesem wirtschaftlichen Tiefpunkt, im Juli 1991, in Helsinki der erste kommerzielle Anruf von einem Handy aus getätigt. "Ein glücklicher Start für die Wirtschaft", so Seppälä. "Das zeigte sich auch in den F&E-Investitionen: Ab 1993 stiegen die nationalen F&E-Ausgaben jedes Jahr um ca. zehn Prozent. Das war der Ausdruck des IKT-Booms, angeführt von Nokia. Exportorientierte Hightech-Innovationen waren der Weg aus der Rezession. Diese Entwicklung betraf nicht nur die Investitionen im privaten sondern auch die im öffentlichen Sektor."

Ab 1995 ging Paavo Lipponens Sozialdemokratische Partei noch weiter. In der ersten Amtsperiode von 1996 bis 1999 stiegen die öffentlichen F&E-Ausgaben um 25 Prozent.

Die Regierung steckte immense Summen in Forschung, Innovation und Unternehmertum. Aber wie konnte sich die finnische Regierung diese enormen Finanzspritzen leisten? "Privatisierung. Nach der wirtschaftlichen Erholung, die auf die Rezession folgte. Der Aufschwung ging ab 1996 kontinuierlich weiter. Man konnte zusätzliche Gelder vom Staat bekommen, und die öffentliche Hand signalisierte klar und deutlich, dass man weitere Investitionen in die Wissensbasis wünschte. Unterstützt von öffentlich-privaten Partnerschaften in der Bildung, den IKT [Informations- und Kommunikationstechnologien] und verwandten Bereichen", erläuterte Seppälä.

Ein weiteres Geheimnis des finnischen Erfolgs ist vielleicht die kontinuierliche Prüfung und Bewertung des Forschungssystems und die schnelle Reaktion auf die Marktnachfrage. So bestand zum Beispiel in den späten 1990er Jahren eine hohe Nachfrage nach IKT-Experten. Daraufhin richtete die Regierung zwischen 1998 und 2002 in einem gemeinsamen Programm zwischen Regierung, Industrie und den Kommunen Studienplätze zur Ausbildung von IKT-Experten ein. Das Programm war ein voller Erfolg.

Parallel zu den technologischen Verbesserungen gab es Verbesserungen im Bildungswesen. "Mit dem schnellen Anstieg des F&E-Volumens kam auch ein rascher Anstieg der Anzahl der in der F&E Beschäftigten. Das durchschnittliche Bildungsniveau stieg zusammen mit dem Volumen, das heißt, das durchschnittliche Bildungsniveau ist wesentlich höher als in den 1980er Jahren, obwohl es dreimal so viele Beschäftigte gibt."

Seppälä erklärte diesen doppelten Fortschritt: "Es gibt dafür zwei Gründe: Erstens sind Frauen in die F&E-Berufe gekommen. Seit 1990 ist der Anteil der Frauen kontinuierlich gestiegen, und er steigt noch weiter. Heute sind 46 Prozent der Doktoranden und ein Drittel der F&E-Beschäftigten Frauen. Zweitens ist ab 1995 das System der universitären Forscherausbildung gewachsen -das System der Graduiertenkollegs, die heute Vollzeitstudienplätze für MSc (Master of Sciences) und Doktoranden anbieten. Heute werden mehr als 100 Graduiertenkollegs und Universitäten und 1.500 Studienplätze von der Regierung finanziert."

Aber Bildung allein, obgleich wichtig, ist nicht genug. "Natürlich sollte das Bildungsniveau der gesamten Bevölkerung so hoch wie möglich sein - das ist die Grundlage für alles andere. Aber man braucht auch den Wettbewerb auf den globalen Märkten, das Know-how, die Entwicklung von Spitzenforschung, die Werte für den Wettbewerb um die globalen Märkte schaffen. Man braucht Top-Leute an den Universitäten und Top-Unternehmen, und man muss in den globalen Wissenschafts- und Technologiemärkten wettbewerbsfähig sein."

Seppälä ist sich sehr wohl bewusst, dass einem Land von der Größe Finnlands Grenzen gesetzt sind. Daher hat sich das Land auf ganz bestimmte Bereiche konzentriert. "Finnland ist klein, bevölkerungsmäßig gesehen - 5,3 Millionen Menschen. Das beschränkt die Möglichkeiten, dass es breitbasierte wettbewerbsfähige Unternehmen gibt. Aber das ist es, was wir anstreben: Global erfolgreich in Wissenschaft, Technologie und Kommunikation zu sein." Dr. Ormala stimmt zu: "Um global zu sein, muss man sich spezialisieren. Man kann nicht gut in allem sein. Globale Unternehmen sind anders als solche in lokalen Märkten."

Jetzt hat man schon die nächste Revolution im Auge. Von außen betrachtet sieht Finnland hervorragend aus. Dennoch gibt es Stimmen im Land, die aufgrund einer nachlassenden binnenwirtschaftlichen Leistung das Überdenken der Strategien fordern.

"Die wichtigsten öffentlichen Akteure in Wissenschaft und Technologie in den 1990er Jahren waren drei Organisationen - alle drei hervorragende Finanzierungsorganisationen: Die Akademie von Finnland, ein Netz aus nationalen Forschungsräten, das Grundlagenforschung an den Universitäten finanziert. Tekes hat eine ähnliche Rolle. Allerdings ist seine Aufgabe die Förderung von angewandter Technik an Universitäten und in öffentlichen Forschungszentren sowie die Kanalisierung von Fördermitteln für die Technologie in Unternehmen. SITRA ist der nationale finnische Forschungs- und Entwicklungsfonds, der wichtigste öffentliche Risikokapitalfonds."

"Diese drei Organisationen decken den gesamten Innovationsprozess ab. Es ist wichtig, dass sie in ihren Bereichen nationale Programme durchführen und dass sie horizontal gut zusammenarbeiten. Getrennt und zusammen sind sie bis jetzt der wichtigste Faktor des Erfolgs, und sie werden dies auch in Zukunft sein. Jetzt müssen wir nur selektiver vorgehen, und wir müssen große Entscheidungen schneller fällen als bisher", so Seppälä.

Seppälä ist überzeugt, dass schon in naher Zukunft größere Entscheidungen anstehen. "Eine normale Forschungseinheit wird meist von einer Gruppe geleitet. Angesichts EU-weiter Projekte und der verschiedenen Netzwerke sollten wir jedoch darauf vorbereitet sein, größere finanzielle Entscheidungen zu treffen. Dazu gehören auch die weiter gefassten Verantwortlichkeiten der drei Organisationen, nicht allein ihre eigenen Aktivitäten. Sie sollten ein breiter angelegtes Bild der künftigen Entwicklung in Wissenschaft, Technologie und Innovation haben. Dazu müssen sie ihre horizontalen Aktivitäten und die politische Entscheidungsfindung verbessern und ihre Aktivitäten stärken."

Innovation hat Nebenwirkungen und manchmal unerwartete. Der Prozess der Innovation, der die finnische Wirtschaft so dynamisiert hat, hat auch Folgen. "Mit der Konzentration auf Wissenschaft und Technologie ist Finnland auf einen Schlag komplett in die Rezession gestürzt. Alles fiel gleichzeitig. Aber die Erholung kam regional unterschiedlich schnell - am schnellsten in Helsinki, dann in den großen Universitätsstädten in Finnland, dann in den kleineren Städten und am langsamsten in den abgelegenen Gebieten."

"Eine Lehre ist die Tatsache, dass technische Innovation die Konzentration auf Aktivitäten begünstigt: IKT-Industrien lassen sich in den größten Zentren nieder, wo es auch ein Freizeitangebot und Flughäfen etc. gibt. Das ist ein Faktor: Konzentration bringt schnelle wirtschaftliche Entwicklung und Zuwanderung aus den ländlichen und wenig besiedelten Gebieten. In der Rezession vor 15 Jahren hat sich die öffentliche Hand aus diesen Regionen zurückgezogen. Das heißt, man muss differenziert auf Entwicklungsniveaus und Entwicklungsgeschwindigkeiten schauen - die Geschwindigkeit, mit der sich die Regionen heute entwickeln. Wir müssen langfristig vorsichtig mit der Entwicklung sein."

Der finnische EU-Ratsvorsitz kommt genau zum richtigen Zeitpunkt für all die in Europa, die sich über die Technologiekluft in Europa Sorgen machen. Das finnische Beispiel muss nicht auf Finnland beschränkt bleiben. Das Modell kann genutzt werden, um ganz Europa nach vorne zu bringen. Folglich werden auch Forschung und Innovation in den kommenden sechs Monaten ganz oben auf der Tagesordnung stehen - keinen Augenblick zu früh.

Quelle: Interviews von CORDIS-Nachrichten mit Esko-Olavi Seppälä und Erkki Ormala

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Datensatznummer: 25919 / Zuletzt geändert am: 2006-06-30
Kategorie: Interviews
Anbieter: ec
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