Forschungs- & Entwicklungsinformationsdienst der Gemeinschaft - CORDIS

Migration und Fruchtbarkeitsrückgang in Frankreich

Ein EU-Team untersuchte für den Zeitraum zwischen 1861 und 1911 die Migrationsbewegungen in Frankreich im Verhältnis zu der landesweiten Fruchtbarkeit. Insgesamt gesehen ging die Fruchtbarkeit aufgrund der Migration von Menschen aus Regionen mit hoher Fruchtbarkeit in Regionen mit geringer Fruchtbarkeit zurück und der Zuzug nach Paris machte ein Viertel der Gesamtveränderung aus.
Migration und Fruchtbarkeitsrückgang in Frankreich
Angesichts der Theorie, dass ein Fruchtbarkeitsrückgang ein zentraler Faktor beim Übergang zu einem modernen Wirtschaftswachstum ist, stellt Frankreich eine Anomalie dar. Obwohl die französischen Geburtenraten vor dem Ersten Weltkrieg durchweg niedrig waren, reichten die wirtschaftlichen Veränderungen nicht aus, um den demographischen Wandel zu erklären.

Das EU-finanzierte Projekt TCDOFT (The cultural diffusion of the fertility transition: Internal migrations in nineteenth century France) bot eine neue Theorie an. Das Team argumentierte, dass es trotz der geringen Migration von Franzosen in die Neue Welt während des 19. Jahrhunderts eine große Binnenmigration gegeben hätte. Forscher gingen der Hypothese unter besonderer Berücksichtigung spezifischer Migrationsmuster in den französischen Provinzen zwischen 1861 und 1911 nach.

Im Zuge von TCDOFT wurden historische Aufzeichnungen, einschließlich von Geburtsorten und Sterbeorten, von 3 000 Familien untersucht, deren Nachnamen mit T, R oder A begannen. In Kombination mit Fruchtbarkeitsaufzeichnungen zu jeder Provinz ermöglichten die Daten eine Rekonstruktion der Fruchtbarkeitsnormen von Emigranten und Immigranten für die jeweiligen Provinzen. Hierdurch ermittelte das Team über gewichtete Mittelwerte von Fruchtbarkeitsraten in den Heimat- und Zielprovinzen der Migranten den schätzungsweisen Beitrag der Emigranten zum demographischen Wandel.

Parallel dazu verfolgten die Forscher die Entwicklung des französischen Schienennetzes und die damit zusammenhängende Senkung der Verkehrskosten zurück. Entwicklungen dieser Art sorgten für eine erhöhte Binnenmigration.

Die Ergebnisse legen nahe, dass die Fruchtbarkeit vor allem in Bereichen mit hoher Migration zurückging, da Migranten in Regionen mit geringer Fruchtbarkeit, insbesondere Paris, zogen. Die Daten berücksichtigten verzerrende Faktoren wie unter anderem eine sinkende Kindersterblichkeit, ein steigendes Bildungsniveau, Industrialisierung und Religiosität auf robuste Weise. Die Forscher interpretierten die Ergebnisse folgendermaßen: Migranten, die aus Regionen mit hoher Fruchtbarkeit in Regionen mit geringer Fruchtbarkeit gezogen seien, hätten die neuen Fruchtbarkeitsnormen und Kosten für die Aufbringung von Kindern an ihre Bekannten zu Hause weiter kommuniziert. Diese Informationen haben sich möglicherweise auf die Motivation potenzieller Immigranten ausgewirkt.

Diese Auslegung wird von der folgenden Tatsache gestützt: Die Emigration nach Paris machte ein Viertel der Migration innerhalb Frankreichs während des untersuchten Zeitraums aus. Dies erklärt die Hälfte des landesweiten Fruchtbarkeitsrückgangs. Die Kindersterblichkeit war die einzige andere Variable, die in signifikanter Weise mit dem Fruchtbarkeitsrückgang korrelierte.

Die TCDOFT-Ergebnisse leisten einen Beitrag zu themenverwandten akademischen Debatten und zur modernen Staatspolitik. Die Studie hat die Bedeutung der Migration für den Fruchtbarkeitsrückgang aufgezeigt.

Verwandte Informationen

Fachgebiete

Life Sciences

Schlüsselwörter

Migration, Fruchtbarkeit, demographischer Wandel, TCDOFT, Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts
Datensatznummer: 198904 / Zuletzt geändert am: 2017-06-19
Folgen Sie uns auf: RSS Facebook Twitter YouTube Verwaltet vom Amt für Veröffentlichungen der EU Nach oben