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Projekt-Erfolgsstorys - Verborgene Schätze des Kulturtourismus in Europa

Touristen in Europa haben ganz unbestreitbar die Qual der Wahl. Ein Problem, vor dem viele attraktive Reiseziele stehen, ist immer die Frage, wie man das Potenzial des Kulturtourismus noch besser ausschöpfen kann. Europäische Forscher beschäftigen sich damit, diesen wachsenden Sektor in ein optimal gemanagtes und verknüpftes Paket von Informationen, e-Diensten und Erfahrungen umzugestalten, die wirklich dabei helfen, eine Stadt auf der Weltkarte ganz groß rauszubringen.
Projekt-Erfolgsstorys - Verborgene Schätze des Kulturtourismus in Europa
Europa ist das weltweit führende internationale Touristenziel. Rund 500 Millionen Besucher sind pro Jahr zu verzeichnen (das entspricht 53 Prozent des gesamten Tourismus). Seine geschichtsträchtigen Städte und das kulturelle Erbe sind Hauptanziehungspunkt für internationale und einheimische Touristen. Diese Popularität bringt allerdings auch neue Herausforderungen mit sich.

Tourismus und städtische Behörden stehen im ständigen Wettlauf, um mit der wachsenden Nachfrage der Besucher nach anspruchsvolleren, miteinander verschmolzenen touristischen Erfahrungen Schritt zu halten. Dies beginnt online bereits vor Antritt der Reise und endet mit Nutzerbeiträgen nach der Heimkehr noch lange nicht. Man denke dabei nur an die Einstellung von Bildern, Hinweisen und Meinungen auf den verschiedenen Webseiten sozialer Netzwerke.

Besucherziele müssen Wege finden, um das Potenzial des Kulturtourismus für Besucher und Bürger gleichermaßen auszunutzen, aber gleichzeitig die populärsten Kulturerbestätten vor zerstörerischen Touristenmassen zu schützen. Neue Anreize müssen geschaffen werden, um größeres Interesse und Engagement für kulturelles Erbe und dessen Erhaltung anzuregen.

Ein europäisches Konsortium aus Forschern und Akteuren des Kulturtourismus, das kürzlich seine Arbeit beendete, kann nun eine mögliche Lösung vorweisen. Es hat eine ganze Reihe integrierter e-Services für den verbesserten Zugang zum kulturellen Erbe an Touristenzielen ("Integrated e-services for advanced access to heritage in cultural tourist destinations", Isaac) entwickelt, die Isaac-Koordinatorin Krassimira Paskaleva-Shapira von der Manchester Business School als einen "offenen Pool für den Kulturtourismus" bezeichnet.

Die Projektpartner gestalteten eine einzigartige nutzerorientierte Internetplattform, die sowohl als eine dezentralisierte Fundgrube "intelligenter Inhalte zum kulturellen Erbe" als auch als eine serviceorientierte Softwarearchitektur für die Anpassung der Art und Weise dient, wie Inhalte präsentiert werden und für die Nutzer zugänglich sind.

Die Isaac-Plattform nutzt den Reichtum an kulturellem Wissen, der einer Stadt in Form von aktuellen Internetinhalten und Archivmaterial bereits zur Verfügung steht, und fordert unter Einsatz der modernen Web 2.0-Technologie zu Beiträgen aus der Öffentlichkeit (von Einheimischen und Touristen) auf, um das Material zu bereichern und aktualisieren. Gemeinsam tragen diese Quellen dazu bei, den Bereich kulturtouristischer Anlaufpunkte zu erweitern, was auch den Druck von den in all zu vielen Reiseführern vorgestellten beliebtesten Sehenswürdigkeiten nehmen soll.

Die Projektpartner haben zudem einen zuverlässigen Weg gezeigt, wie die Beiträge und Interessen verschiedener Akteure aus Tourismus und städtischen Behörden bis hin zu touristischen Dienstleistern, Einwohnern und den Touristen selbst einbezogen werden können. Die Plattform ist in Amsterdam, Genua und Leipzig erfolgreich umgesetzt worden und erfährt nun wachsende Unterstützung an der Basis - in den betroffenen Städten.

"Die Einwohner stellen ihre eigenen Geschichten, Fotos und Informationen zu Kulturerbe und kulturellen Veranstaltungen in ihrer Nachbarschaft ein, die auch außerhalb Interesse wecken könnten", erklärt Dr. Paskaleva-Shapira. "Dies ergibt eine einzigartige Mischung von Einheimischen und Touristen, wodurch die erwartete und unerwartete Kultur an einem Besucherziel - Museen, wenig bekannte Feste, öffentliche Kunst, Traditionen, Boutiquen usw. – intensiver erlebt werden kann.

"Unsere integrierten Portal- und e-Services bringen den Besucher dazu, das kulturelle Erbe zu spüren, zu fühlen, darüber nachzudenken, seinen Anregungen zu folgen und es sich nicht einfach nur passiv anzuschauen. Es geht darum, auf Erlebnissen beruhende Verkaufsargumente zu fördern und ein Gefühl für Lokalität und die Bedeutung des lokalen Erbes zu vermitteln."

Tourismus öffnet Türen

Laut dem Leipziger Büro für Stadterneuerung und Wohnungsbauentwicklung, das die Isaac-Projekttools auf Herz und Nieren prüfte, waren diese "eindeutig ... ein Türöffner für die weitergehende Nutzung von e-Services und e-Governance innerhalb der Stadtverwaltung und darüber hinaus".

Den Leipziger Partnern zufolge erzeugt Tourismus wertvollen Fußgängerverkehr - gemessen an der Anzahl von Personen, die Läden oder den öffentlichen Raum betreten, - für bestehende kulturelle Einrichtungen, Einzelhandelsgeschäfte und dazugehörige Dienstleistungen. Tourismus bringt neue Nutzungsmöglichkeiten für ausgediente Gebäude und stillgelegte Industrieanlagen mit sich und hilft dabei, die lokale Wirtschaft zu stabilisieren und Investoren anziehen, wobei der Aufbau von Strukturen und Kulturerbeprojekten gefördert und das äußere Bild bestimmter Viertel aufgebessert werden.

Die Kommune von Genua kam zu einer ähnlichen Einschätzung des Wertes des Kulturtourismus in der Stadt und des Beitrags von Isaac zur Umorientierung des allgemeinen touristischen Angebots von einer "alten industriellen Hafenstadt zu einem neuen, jungen und lebhaften Touristenziel [Sic!]". Isaac half den Behörden dabei, völlig neue Perspektiven zu entwickeln: ein neues Portal, eine neue Vision; das Ganze unterstützt durch ausgefeilte IT-Werkzeuge für die Unterstützung von Stadt- und Bereitstellungsdiensten wie interaktive Landkarten, neue öffentlich-private Partnerschaften und eine stärkere Beteiligung am Phänomen der sozialen Netzwerke innerhalb des Web 2.0.

Genuas interaktive Karten machen die vielen Burgen und UNESCO-Stätten der Stadt mit "anklickbaren" Fakten, Bildern und Geschichten regelrecht lebendig. "Man kann dort die gesamte Vorgeschichte der Menschen, die dort lebten, erfahren: welche Bedeutung sie für die Stadt hatten, ihre Traditionen, Vorlieben, was sie aßen, und vieles mehr," erzählt Dr. Paskaleva-Shapira.

Tourismus: Checkliste Innovation

Die Ergebnisse der Isaac-Innovationscheckliste zeigen zum Beispiel, dass Amsterdam sowohl in technischer als auch in nicht-technischer auf Kulturtourismus ausgerichteter Innovation weit fortgeschritten ist. Leipzig, so zeigen die Ergebnisse, investierte am meisten in nicht-technische Aspekte. Alle drei Versuchsstädte erprobten neue Formen betriebsinterner Allianzen oder der Reorganisation interner Prozesse und Teams, um die Ziele im Kulturtourismus zu erreichen.

"Um ehrlich zu sein - die Isaac-Resultate zeigen, dass die Modernisierung der IKT nicht ausreicht, um die Erbringung von Dienstleistungen im Kulturtourismus komplett zu wandeln", erklärt Dr. Paskaleva-Shapira. "Veränderungen in der Arbeitsweise staatlicher Organisationen und ein Wandel in den Beziehungen zwischen Regierung und Interessengruppen können das Potenzial für bessere und wertvollere e-Services [in diesem Bereich] umgehend freisetzen."

Isaac entdeckte, dass es sowohl im technischen als auch im nicht-technischen Bereich wichtig war, sich eine neue Denkweise zu eigen zu machen und Chancen für Innovation zu identifizieren. Dies kann die bessere Nutzung von e-Services und eine bessere Koordination zwischen Kulturvereinen, Tourismusvermarktern und nationalen Tourismusorganisationen nach sich ziehen, um verborgene Kulturschätze am Urlaubsort zu entdecken.

Es werden Dienste wie etwa personalisierte Routen und Geo-Positionsdaten genutzt, um Orte abseits der üblichen Touristenwege zu finden; auf diese Weise entsteht dann "eine Reise ins städtische Kulturerbe." So etwas kann geplant werden, bevor der Besucher auch nur ein Hotel bucht. "Mit Isaac-Diensten kann man sehen, ob sich das Hotel in einer 'interessanten Nachbarschaft' befindet; man kann sich dann eine schöne Route heraussuchen - das erleichtert die Reiseplanung, macht Spaß und bringt außerdem auch noch eine Lernerfahrung mit sich", bestätigt die Koordinatorin.

Ein Besuch bei "I amsterdam", einem vom Isaac-Ansatz und entsprechenden Tools inspirierten virtuellen Portal, ist ein guter Ausgangspunkt, um einen Eindruck von der Kraft einfacher, gut vernetzter Tourismus-Informationen zu bekommen. Herzstück ist ein "aktiver" Stadtplan mit vielen "virtuellen Touren", Geschichten und Wegoptionen. Klickt man die "Reise durch das Goldene Zeitalter" an, zeigt die Karte sofort eine ideale Route, auf der man kulturelle Kostbarkeiten in der Stadt zu sehen bekommt, die in diese Zeit der niederländischen Geschichte passen.

Virtuelle Besucher können durch Anklicken der einzelnen Positionsdaten weiter in den Informationspool eintauchen. Ein Popup bietet Fotos, 360-Grad-Touren sowie Beschreibungen und Geschichten zu dem entsprechenden Ort an. So erfährt man etwa, dass die erste Ehefrau des Malers Rembrandt im Jahre 1642 in der Oudekerk (Alte Kirche) begraben wurde. Seine Tochter Cornelia wurde 1654 dort getauft. Heute nun ist die Kirche ein Ausstellungsraum. Eine anschließende "echte" Besichtigung der Kirche wird dann, wenn man über die persönliche Verbindung des berühmten Malers zu dem Gebäude Bescheid weiß, natürlich besonders interessant. Außerdem werden mithilfe der in die Website integrierten Funktionen des Web 2.0 ― wie es auch im Fall von Genua geplant ist ― die eigenen Erfahrungen (Musik, Fotos, Geschichten und Multimedia-Kombinationen usw.) der Besucher Teil der Informationspakets. Ebenso verhält es sich mit den Beiträgen der Nutzer auf TripAdvisor.

Greifbare Ergebnisse

Das Projekt lieferte eine integrierte und anpassbare IKT-Plattform für e-Kulturerbe-Reiseziele und besiedelte es mit zugreifbaren e-Services und einem e-Toolkit, um strategische Entscheidungen in diesem Sektor zu unterstützen. Es erbrachte außerdem einen neuen Governance-Rahmen und ein Werkzeug zur Verwaltung von elektronischen Diensten für den Kulturtourismus an städtischen Zielen, vor allem die Isaac-e-Governance-Webseite für Genua. Außerdem führte das Projekt die Idee der "interpretativen Strategien" ein, bei denen die Versuchsstädte ihre e-Kulturerbeziele mit Hilfe von Erzählungen und Geschichten positionieren oder kennzeichnen.

Das Isaac-Team, bestehend aus 14 Partnern in 5 Ländern, bietet viele weitere Tipps und (technische und nicht-technische) e-Tools an, die auf der aktuellen Webseite zur Verfügung stehen. Andere Städte sind gleichfalls dazu aufgefordert, sich Isaac anzuschließen.

Das Isaac-Team konnte das Projekt auf mehreren wichtigen Veranstaltungen erfolgreich präsentieren; so auch auf der letzten e-Challenges in der Türkei. "Die Isaac-Plattform und -Services haben großes Interesse bei verschiedenen Gemeinschaften und e-Commerce-Anbietern erweckt", bestätigt die Koordinatorin. Mit der MFG Baden-Württemberg mbH, der Innovationsagentur des Landes für IT und Medien in dieser Region Deutschlands, finden derzeit Gespräche zu dem Thema statt, wie alle Projektplattformen und e-Services oder ein Teil davon umzusetzen sind.

Die Isaac-Partner schließen außerdem eine künftige Zusammenarbeit mit einem anderen EU-finanzierten Projekt mit der Bezeichnung Imageo nicht aus, bei welchem Smart-Phone-Technologie mit Mapping- und Geo-Location-Anwendungen kombiniert werden, die Touristenfotos zum Leben erwecken. Das Smart-Phone sucht für das Bild auf dem Telefondisplay Übereinstimmungen im Internet und weist den Benutzer darauf hin, was er oder sie sich gerade ansieht.

Isaac leistete in vielen Bereichen gute Arbeit. Das Projekt kann sich die Schaffung der Mittel zugute schreiben, um den wachsenden Tourismussektor in ein gut verwaltetes, vernetztes Paket von Informationen, Innovationstools, e-Services und Erfahrungen (Spaß und Lernen) zu verwandeln, das wirklich dabei behilflich ist, die elektronischen Kulturerbeziele auf der Landkarte zu platzieren.

Isaac erhielt eine Forschungsfinanzierung aus dem Sechsten Rahmenprogramm der EU. Das Projekt wurde vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Karlsruhe Institute of Technology koordiniert.

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