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Projekt-Erfolgsstorys - Den Europäern aufs Rad helfen

Preisfrage: Womit können Sie gleichzeitig Ihre Herzfrequenz auf Trab bringen, Geld sparen und auch noch die globale Erwärmung reduzieren? Die Antwort ist ziemlich einfach: Natürlich Radfahren! Ein europäisches Forschungsprojekt sorgt für eine sichere und problemlose Fahrt mit dem Fahrrad.
Projekt-Erfolgsstorys - Den Europäern aufs Rad helfen
Stellt sich die nächste Frage: Wenn also die Vorteile so überzeugend und attraktiv sind, warum fährt dann nicht jeder von uns Fahrrad - wenigstens ab und zu in der Freizeit? Es scheint da eine Gesetzmäßigkeit zu geben, dass die Menschen nicht immer unbedingt das tun, was gut für sie ist. Doch mit den richtigen Anreizen und Lockmittelchen könnte sich das durchaus ändern.

Möhren schmecken süßer, wenn es auf die Auslösung einer Änderung des Lebensstils hinausläuft. Also: Die Bedürfnisse und Vorlieben von Otto Normalverbraucher müssen an erster Stelle der Förderprogramme von Regierungsbehörden, karitativen Einrichtungen oder privaten Unternehmen stehen.

Das EU-finanzierte Projekt "BYPAD-Plattform" hat dieses Konzept soeben übernommen und in seiner Laufzeit bereits das Verhalten von Scharen von Europäern verändert. Mit Hilfe von Antworten und Reaktionen auf Fragen in einem speziell zugeschnittenen Fragebogen für lokale und regionale Behörden konnte das Projekt das Radfahren attraktiver und zugänglicher machen.

Seit ihrem Start vor fast zehn Jahren als "Bicycle Policy Audit" (BYPAD) hat die BYPAD-Plattform bereits einen langen Weg zurückgelegt. BYPAD konnte sich unter der Finanzierung innerhalb des Sechsten EU-Rahmenprogramms und der Initiative "Intelligente Energie für Europa" (IEE) zur weiteren Verbesserung der Audits zum Thema Fahrradfahren zu einem anerkannten Audit-Tool entwickeln, das im Kontext Radverkehr zu allen europäischen Länder passt.

Fünfunddreißig relevante Fragen werden auf das Land, die Region, die Stadt oder die Gemeinde des Befragten abgestimmt. "Wie gut ist die Radverkehrspolitik in Ihrer Gemeinde, Stadt oder Region? Ist sie wirksam und effizient? Wie könnte sie verbessert werden?" Die BYPAD-Auditoren suchen nach Wegen, um die in den Fragebögen gesammelten Daten in praktikable Lösungen umzuwandeln und letztlich die Radfahrbedingungen vor Ort zu verbessern.

Die Auditoren sind bestrebt sicherzustellen, dass die online oder im realen Leben erarbeiteten Informationen nicht etwa im Regal Staub ansetzen. Sie sind Berater oder Mitarbeiter von Organisationen, die sich mit dem Thema Radfahren in ihrem Land auskennen. Es obliegt diesen Radfahrenthusiasten, Städte und Regionen bei der Umsetzung und Entwicklung der BYPAD-Aktionspläne anzuleiten. Mehr als 80 Auditoren in 100 Städten, Regionen und Gemeinden sind geschult und zertifiziert worden, um in der Welt des Radfahrens fortschrittliche Veränderungen auf den Weg zu bringen.

Die BYPAD-Plattform betrachtet die Radverkehrspolitik als einen dynamischen Prozess. Der BYPAD-Qualitätskreis fasst das System zusammen und ist in Planung, Maßnahmen und Wirksamkeit unterteilt. Mehr dazu erfahren Sie auf der Audit-Webseite: www.bypad.org.

Wachsendes Interesse

Europa hat sich im letzten Jahrzehnt geografisch und politisch erweitert: Seit den Anfängen von BYPAD sind sechs neue Länder, darunter auch Estland und Kosovo, aufgenommen worden. Die BYPAD-Plattform hat dafür gesorgt, dass die Sprache kein Hindernis sein muss. Der Fragebogen steht derzeit in nicht weniger als 17 Sprachen aus 21 Ländern online und in gedruckter Form zur Verfügung.

Das Ausfüllen eines Fragebogens hat durchaus unerwartete Nebenwirkungen, wie Peter Weiss, Radverkehrskoordinator in Salzburg, Österreich, anmerkt: "Durch die Auseinandersetzung mit dem Fragenkatalog wurde ich angeregt, unsere Arbeit aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und zu überprüfen. Aus den Inhalten des Frage-Antwort-Katalogs konnte ich viele Anregungen für die Zukunft holen."

Abgeschlossene Audits können auch auf andere Weise aufschlussreich sein. So können Fragen, die eher schlecht abschneiden, zur speziellen Behandlung ausgesondert werden, beispielsweise Empfehlungen zur Verbesserung der Situation innerhalb einer bestimmten Frist.

Die Audit-Zusammenfassung beinhaltet anzustrebende Ziele, die Identifizierung möglicher Finanzierungsquellen und nützliche Synergien zwischen Interessengruppen. Außerdem werden dort die wichtigsten Akteure genannt, die für eine Umsetzung der Ziele in die Tat verantwortlich sind. Mehr ins Negative gehend, aber durchaus auch wichtig ist eine Liste möglicher Einwände, die gegen die Vorschläge sprechen.

Europa ist - auch innerhalb der Regionen - eine vielfältige soziale und politische Mischung; aber einige Merkmale der Radverkehrsinitiative sind in allen Gebieten sinnvoll. Radfahrenthusiasten werden unter bewährten Praktiken vereint: Die bestehende BYPAD-Website wurde erweitert, damit sie eine gute Praxisdatenbank zum Inhalt hat, die außerdem die Datenbank des Europäischen Nahverkehrs-Informationsdienstes (ELTIS) mit aktuellen Informationen zur Radverkehrspolitik versorgt.

In den letzten Jahren hat sich die ELTIS-Website mit dem Radfahren in den Schulen des Vereinigten Königreichs und Spaniens beschäftigt; außerdem stand die Frage im Mittelpunkt, wie man in Dänemark und Deutschland eine Kultur des Radfahrens etablieren könnte. Das belgische Programm "Sicher und gesund auf dem Rad" unterstützt das Radfahren für ältere Menschen als eine Möglichkeit, in Kontakt mit der lokalen Gemeinde und gleichzeitig gesund zu bleiben.

Radfahren mal anders

BYPAD verbreitet nicht nur dort Ideen zum Thema Radfahren, wo es am meisten nötig ist, sondern regt auch in etablierten Radfahrnationen wie den Niederlanden neue Ideen und Konzepte an.

Gutes Beispiel dafür ist das Elektrofahrrad, kurz E-Bike. War dieses Hybridfahrzeug zunächst dazu gedacht, Radfahrern jenseits der sechzig das Leben zu erleichtern, so nimmt es doch auch allen anderen interessierten Pedalrittern erhebliche Mühen ab. Die kompakte aufladbare Lithiumbatterie ist diskret innerhalb des Rahmens oder am hinteren Gepäckträger untergebracht.

Martijn van de Leur, BYPAD- Plattform-Berater in den Niederlanden, fasst zusammen, was dieses Fahrrad für den Benutzer bedeutet: "Das E-Bike ist wie Fahrradfahren mit ewigem Rückenwind. Mit Hilfe eines Elektrofahrrads kann eine Fahrt von sieben Kilometer Länge locker auf 15 km ausgedehnt werden - die Anstrengung für den Radfahrer bleibt die gleiche."

Van de Leur hat großes Interesse daran, das E-Bike der Allgemeinheit und nicht nur den älteren Radfahrern schmackhaft zu machen. "Ursprünglich war unser Ziel, älteren und behinderten Menschen das Leben zu erleichtern", wie er erklärt, "aber es wird immer populärer und wir stellen durchaus den Hightech-Aspekt in den Vordergrund, um auch jüngere Altersgruppen zu gewinnen."

Die BYPAD-Plattform kann außerdem die Dienstleistungen für die Radler im Allgemeinen verbessern. "Wir in den Niederlanden sind ständig dabei, Parkplätze und Ladestationen für E-Bikes zu verbessern und zu modernisieren", betont van de Leur. Die niederländische Stadt Rotterdam installiert zum Beispiel Ladestationen für Elektrofahrräder in öffentlichen Parks mit Radverkehr.

Den vielen an BYPAD Beteiligten, den Auditoren und der Öffentlichkeit sind stets Meldungen zu ergänzenden Bemühungen anderer Projekte willkommen. Ein gutes Beispiel ist Rotterdam, wo ansässige Unternehmen das E- Bike und seine Vorteile testen können.

Das BYPAD-Projekt engagiert sich für sämtliche Arten von Fahrrädern und nicht nur für das E-Bike. "Andere Zielgruppen anzusprechen ist der richtige Weg in einem Land wie den Niederlanden, wo Radfahren sowieso schon beliebt ist", erläutert von de Leur. "Ein anderes beliebtes Fahrrad ist das Lastenrad (Cargo-Bike) für Familien mit kleinen Kindern." Das Lastenrad ist vorn mit einer widerstandsfähigen Holzkiste ausgestattet, in der die Kinder sitzen. Das Fahrrad hat einen niedrigen Schwerpunkt, um so sicher wie möglich zu sein. Die kleinen Passagiere werden selbstverständlich mit Dreipunktgurten angeschnallt.

Erfolgsstempel drauf

Die BYPAD-Plattform ist immer daran interessiert, über das Internet, Tagungen und Kongresse praxiserprobte Auditoren zu gewinnen und Informationen zu verbreiten. Die letzte von Projektauditoren besuchte Veranstaltung war die Velo-city Global 2010 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Das Projekt hat ein riesiges Netzwerk sowohl an Informationen als auch Beratern geschaffen und es wird voraussichtlich auch weiterhin wachsen.

Der Erfolg von BYPAD ist in nahezu allen am Radfahren interessierten Kreisen in ganz Europa offensichtlich. Verschiedene nationale und regionale Behörden - so zum Beispiel in Österreich, der Tschechischen Republik und in Deutschland - befürworten den Einsatz des Projekts als ein Werkzeug für das Qualitätsmanagement.

Wirklich kein Wunder also, dass BYPAD den Ruf hat, der Qualitätsstandard für eine europaweite Radverkehrspolitik zu sein.
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