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Der "virtuelle Patient" - Plädoyer für weitere Forschungsförderung

Am Dienstag, dem 20. September, wurde Entscheidungsträgern und Forschern im Europäischen Parlament ein EU-Pilotprojekt vorgestellt, das die medizinische Versorgung von Grund auf revolutionieren könnte. Ausgehend von der These, dass sich durch eine patientenspezifische Betreu...

Am Dienstag, dem 20. September, wurde Entscheidungsträgern und Forschern im Europäischen Parlament ein EU-Pilotprojekt vorgestellt, das die medizinische Versorgung von Grund auf revolutionieren könnte. Ausgehend von der These, dass sich durch eine patientenspezifische Betreuung die medizinische Versorgung insgesamt deutlich verbessern ließe, hatte sich das Projekt ITFoM (Information Technology Future of Medicine) die Schaffung eines umfangreichen Netzwerks von Computermodellen vorgenommen, das Prognosen zu Krankheiten, Therapien sowie individuell verschiedenen Nebenwirkungen erleichtert. Schwerpunkt des Projekts war ein Computermodell - der so genannte "virtuelle Patient". Angesichts der Zunahme an Krebs- und Diabeteserkrankungen und der damit verbundenen steigenden Kosten insbesondere für die medizinische Versorgung der älteren Bevölkerung wird intensiv nach einem neuen System für patientenspezifische Therapien gesucht. Eine Therapie, die bei einem Patienten gut anschlägt, könnte beim anderen fehlschlagen und ihn, wie dies nicht selten der Fall ist, nur noch kranker machen und die Gesundheitssysteme weiter belasten. In einem modellbasierten Ansatz könnten Ärzte am Computermodell eines Patienten simulieren, ob eine bestimmte Behandlungsstrategie Erfolg verspricht, bevor sie direkt am Patienten angewendet wird. ITFoM-Koordinator Hans Lehrach vom Max-Plank-Institut für Molekulargenetik in Deutschland erklärt hierzu: "Der Konstruktion eines Fahrzeugs gehen unzählige virtuelle Crashtests voraus, und in der Physik kollabieren ganze Galaxien auf dem Computerbildschirm. Daher sehe ich keinen Grund, warum dieser Ansatz nicht auch in der Medizin verfolgt werden sollte. Es ist völlig egal, ob der virtuelle Patient erst 10 Jahre alt ist, wenn an ihm ein Medikament zur Prävention einer Erkrankung getestet wird." Die Zukunft des Projekts ist allerdings alles andere als sicher. Im Rahmen der Vorbereitung der europäischen Leitinitiative für zukünftige und neu entstehende Technologien (Future and Emerging Technologies, FET) unter dem Themenbereich "Informations- und Kommunikationstechnologie" des Siebten Rahmenprogramms (RP7) ist ITFoM eines von sechs Pilotprojekten, die darum ringen, über das Ende des Siebten Rahmenprogramms (RP7) 2013 hinaus gefördert zu werden. Nur zwei der sechs Projekte erhalten von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten unter dem kommenden Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 den Förderzuschlag. Zur Vorbereitung wurden zunächst alle sechs Pilotprojekte, die auf Innovationen im IKT-Sektor aufbauen, mit je 1,5 Mio. Euro über zwölf Monate gefördert. Die ITFoM-Anhörung des Europäischen Parlaments bot Projektpartnern und Entscheidungsträgern der Europäischen Kommission Gelegenheit, gemeinsam das Projekt und die Bedingungen für eine Weiterführung der Finanzierung zu erörtern. Organisiert wurde die Anhörung von Projektpartner ISC Intelligence, den Vorsitz hatte das ehemalige Mitglied des Europäischen Parlaments Avril Doyle, die insbesondere die Rückkehr zu einer evidenzbasierten Politik in den Mittelpunkt stellte. Den Auftakt lieferte mit einer Einführung in die Innovationspolitik der EU Peteris Zilgalvis, Referatsleiter IKT für Gesundheit der Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien (GD INFSO). Er erläuterte, inwieweit die FET-Pilotprojekte dem multidisziplinären Ansatz der EU-Strategie 2020 gerecht würden und betonte, wie wichtig es sei, die Ziele der Digitalen Agenda mit anderen politischen Bereichen zusammenzuführen. Herausgestellt wurde dieser politikübergreifende Ansatz auch durch Professor Hans Westerhoff von der Universität Manchester, Vereinigtes Königreich, einer weiteren Partnerforschungseinrichtung: ihm zufolge "revolutioniere die ITFoM die Medizinforschung durch IKT und umgekehrt." Weiterhin, fährt Westerhoff fort, wäre die Sterblichkeitsrate bei Krebs trotz der enormen Summen, die weltweit für die Krebsforschung ausgegeben würden, bislang nicht signifikant gesunken. "Obwohl in der modernen biomedizinischen Forschung Unmengen an Daten generiert werden (pro Stunde erscheinen 30 Publikationen zu neuen Ergebnissen in der Krebsforschung), widerspiegele sich dies kaum in der Entwicklung neuer Medikamente, und der Datenüberschuss führe auch nicht zu besseren therapeutischen Ansätzen." Professor Hans Westerhoff führt dies auf den engen wissenschaftlichen Fokus in der Medizinforschung zurück. Da vielen Krankheiten nicht nur einzelne Gene, sondern komplexe Netzwerke und Systeme zugrunde lägen, bewege sich der ITFoM-Ansatz über die spezifischen Einzelheiten der jeweiligen Krankheiten hinaus und bevorzuge einen Netzwerkansatz. "In vieler Hinsicht weiß ein Automechaniker mehr über ein Auto als ein Arzt über den vor ihm stehenden Patienten", vermerkt Sean Kelly, Mitglied des Europäischen Parlaments und der Europäischen Volkspartei (EVP), der die Veranstaltung organisierte. "An dieser Stelle muss ein Umdenken stattfinden." Betont wurde auf der Anhörung zudem, wie wichtig es sei, ITFoM außerhalb von Marktparametern aber innerhalb einer Forschungsrahmenförderung zu entwickeln. "Es geht um die Integration von Informationen und nicht um Wettbewerb", so Professor Hans Westerhoff. Er warnte davor, dass, wenn das Konzept vom Markt übernommen würde, sich dies nachteilig auf das Potenzial des Projekts auswirken könne, ein Umdenken in der medizinischen Praxis zu bewirken. Ein weiterer Vorteil des virtuellen Patienten sei, dass Forscher Arzneimittelstudien an mathematischen Modellen eines Menschen und nicht länger an Tieren durchführen könnten. Dies würde die Zuverlässigkeit der Testergebnisse wesentlich verbessern und dazu beitragen, die kontrovers diskutierten Arzneimittelstudien zu umgehen. Neben den ITFoM-Projektpartnern aus Forschungseinrichtungen in Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Neuseeland, Spanien, Schweden, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich beteiligen sich auch Wissenschaftler aus assoziierten Forschungseinrichtungen in Kanada, Estland, Israel und den Vereinigten Staaten.Weitere Informationen finden Sie unter: ITFoM: http://www.itfom.eu/

Länder

Österreich, Belgien, Kanada, Schweiz, Deutschland, Estland, Spanien, Frankreich, Israel, Italien, Luxemburg, Niederlande, Neuseeland, Schweden, Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten

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