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Wissenschaft im Trend: Unsere letzte Schaltsekunde?

"If only I had more time", heißt es in einem bekannten Refrain. Diese Woche hatten wir alle einen kurzen Augenblick mehr Zeit – eine "Schaltsekunde" mehr Zeit, um genau zu sein.
Wissenschaft im Trend: Unsere letzte Schaltsekunde?
Kurz vor zwei Uhr MESZ in der Nacht auf Mittwoch pausierten unsere Uhren einen Moment, und der Planet gewann eine Sekunde dazu. Automatische Uhren zeigten "01:59:60" an und sprangen dann auf "02:00:00" um. Da sich die Erdumdrehung allmählich verlangsamt, wird die koordinierte Weltzeit (Coordinated Universal Time, UTC) mithilfe einer "Schaltsekunde" wieder an die Sonnenzeit angeglichen.

Dies kann auf den Finanzmärkten und in der technischen Industrie zu Unsicherheiten führen – als 2012 die letzte Schaltsekunde eingefügt wurde, stürzten mehrere Internetseiten ab, und laut dem Guardian wurden in Australien über 400 Flüge storniert, da das Check-in-System von Qantas Airways nicht mehr funktionierte.

Peter Whibberley, ein leitender Wissenschaftler am britischen National Physical Laboratory (NPL), sprach mit dem Guardian über technische Fragen: "Es hat Konsequenzen, an der Zeit herumzubasteln. Da Schaltsekunden nur sporadisch eingefügt werden, können Computer nur schwer auf sie eingestellt werden, und durch Fehler fallen Systeme möglicherweise vorübergehend aus."

In einem Interview mit der BBC fügte Whibberly hinzu: "Wenn es beim Einfügen von Schaltsekunden zu Fehlern kommt, laufen Kommunikationsnetzwerke, Finanzsysteme und viele andere Anwendungen, die von genauem Timing abhängig sind, unter Umständen nicht mehr synchron."

"Wenn eine Schaltsekunde stattfindet", fährt er fort, "kommt es bei manchen Computersystemen zu Problemen, falls der entsprechende Teil des Codes fehlerhaft ist. Die Folgen sind insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum schwerwiegend, da sich die Schaltsekunden dort zur normalen Arbeitszeit ereignen."

Linus Torvalds, die treibende Kraft hinter dem Linux-Kernel, der inzwischen bei so vielen der führenden Internetdienste zum Einsatz kommt, führte im Technologiemagazin "WIRED" näher aus, welche Softwareprobleme durch die zusätzliche Sekunde entstehen: "Beinahe bei jeder Schaltsekunde stoßen wir auf etwas Neues. Das ist wirklich lästig, da es sich um Code handelt, der im Grunde nie ausgeführt wird, und deshalb von den Benutzern unter normalen Umständen nicht getestet wird."

Laut dem Guardian sind Schaltsekunden erforderlich, weil die offizielle Zeitmessung so exakt geworden ist: "Mit Atomuhren kann die Zeit etwa eine Million mal genauer gemessen werden als mit der Rotation der Erde selbst, die von Tag zu Tag schwankt und sich aufgrund der Anziehungskraft des Mondes langfristig verlangsamt. […] Ohne die Korrektur würde unsere Zeitmessung nach und nach von der Erdumdrehung abweichen, und in circa 800 Jahren stünde die Sonne um ein Uhr nachmittags im Zenit anstatt mittags."

Schaltsekunden werden seit 1972 eingefügt, und die zusätzliche Sekunde am Mittwoch war die erste seit drei Jahren. Angesichts der möglichen Risiken für unsere Finanz-, Kommunikations- und sogar unsere Verkehrssysteme sind sich Experten weltweit uneinig darüber, ob weiterhin Schaltsekunden eingesetzt werden sollten.

Das WIRED-Magazin spricht sich der Bequemlichkeit halber gegen diese Vorgehensweise aus: "Wir bleiben bei der Schaltsekunde, weil wir uns mit ihr besser fühlen. Wir mögen die Vorstellung nicht, dass die Sonne senkrecht über uns stehen könnte, obwohl es nicht genau Mittag ist. Wir sträuben uns dagegen, dass sie beispielsweise um 15:00 Uhr untergehen könnte. Doch selbst ohne die Schaltsekunde würde so etwas Jahrhunderte lang nicht geschehen. Und bis dahin haben wir genug Zeit, eine andere Maßnahme vorzubereiten, um die Uhren und Computer der Welt wieder an die Erdumdrehung anzugleichen."

Am Mittwochmorgen war noch nicht von Markteinbrüchen oder technischen Katastrophen zu hören, dieses Jahr könnte die Schaltsekunde also ohne Zwischenfälle verstrichen sein. Doch es könnte auch die letzte Zusatzsekunde gewesen sein, da die Zeitexperten der Welt kommenden November auf der World Radiocommunication Conference in Genf darüber diskutieren werden, ob diese Praxis fortgeführt werden soll.

Weitere Informationen sind abrufbar unter:
http://www.npl.co.uk/

Quelle: Gestützt auf Informationen aus Medienberichten.

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