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Das Geld wurde gut angelegt - der Forschungskommissar dankt den am Biomed-II-Projekt beteiligten Wissenschaftlern für die geleistete Arbeit

Willkommen im 21. Jahrhundert. Hier die Aussichten: Mehr als eine halbe Milliarde Menschen werden irgendwann an Diabetes erkranken, einer von drei Menschen wird an Krebs erkranken, das AIDS-Virus hält sich bereit, um Osteuropa in einer laut Wissenschaftlern "alarmierenden Gesc...
Willkommen im 21. Jahrhundert. Hier die Aussichten: Mehr als eine halbe Milliarde Menschen werden irgendwann an Diabetes erkranken, einer von drei Menschen wird an Krebs erkranken, das AIDS-Virus hält sich bereit, um Osteuropa in einer laut Wissenschaftlern "alarmierenden Geschwindigkeit" zu überrollen, und 55 Prozent aller EU-Bürger werden an Krankheiten sterben, die auf ihre verstopften Arterien zurückzuführen sind.
Die Fakten sind allesamt niederschmetternd. Dennoch machte sich Anfang Januar auf einem Treffen europäischer Forscher in Brüssel Optimismus breit, bei dem sie mit Vertretern der Europäischen Kommission zusammenkamen, um ihre erfolgreiche Arbeit im Bereich des Verständnisses der Mechanismen von Krankheiten und der Vorbeugung gegen den Ansturm der verbreitetsten Krankheiten in Europa vorzustellen.
Die Generaldirektion Forschung der Kommission war Veranstalter des Treffens, bei dem es darum ging, die Erfolge verschiedener von ihr unter dem Biomed-II-Programm finanzierter Projekte vorzustellen und den Wissenschaftlern aus diesem Bereich für ihr nicht erlahmendes Engagement hinsichtlich der Bekämpfung von Krankheiten in der Europäischen Union zu danken.
Philippe Busquin, der europäische Forschungskommissar, betonte bei seiner Vorstellung von vier erfolgreichen, unter Biomed II geförderten Projekten, deren jüngste Fortschritte bedeutende Auswirkungen auf die Bekämpfung von Krebs, Herzkrankheiten, Diabetes und AIDS haben, die Bedeutung, welche die Arbeit der Wissenschaftler für die Bürger Europas besitzt:
"Die europäischen Bürger richten sich hilfesuchend an die Wissenschaft. Mehr denn je müssen die Wissenschaftler sich aber an die Bürger richten, da diese mehr von ihnen erwarten. Ich bin sehr froh zu sehen, daß zahlreiche Wissenschaftler dies tun, und ich möchte den hart arbeitenden Forschern in Europa danken, die versuchen, die Anliegen der Bürger zu berücksichtigen", so Herr Busquin. Mit einem Verweis auf die Bedeutung der Zusammenarbeit im Rahmen von EU-Forschungsprogrammen sagte er: "Die Forschung für die Europäer sollte dem Niveau der europäischen Politik entsprechen".
Das jüngste Forschungsprogramm der Europäischen Kommission im Bereich Biomedizin und Gesundheit, Biomed II, lief von 1994 bis 1998 und kennzeichnete 20 Jahre des stetig steigenden Engagements der Europäischen Kommission auf diesem Gebiet. Das erste Forschungsprogramm im Bereich Biomedizin der Kommission begann 1978 mit nur drei Projekten und einem Haushalt von einer Million Ecu. Die Mittel sind in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen, wobei allein für Biomed II zwischen 1994 und 1998 insgesamt 3550 multinationale Projektvorschläge eingingen.
Das Programm deckt mehrere Forschungsbereiche ab: Von der Pharmazie bis zur Biomedizintechnik, die Hirnforschung, alle wichtigen Krankheiten (Krebs, Herz-Kreislauf-, ansteckende, altersbedingte und seltene Krankheiten) sowie Arbeits- und Umweltmedizin, das menschliche Genom, die öffentliche Gesundheit und die biomedizinische Ethik.
Die Kommission kündigte kürzlich an, daß das Biomed-II-Programm insbesondere bei der Förderung der europäischen Forschung im Bereich des Verständnisses der Mechanismen des Entstehens und der Verbreitung von Krankheiten sowie der Bewertung von Behandlungsstrategien Erfolge zeigte. Bei der Vorstellung ihrer Arbeiten am 7. Januar in Brüssel bekräftigten die Wissenschaftler diese Aussage.
Dr. Jens Lundgren von der Universitätsklinik Huidovre in Dänemark verwies beispielsweise auf den Nutzen der grenzüberschreitenden gemeinsamen Forschung im Bereich der Untersuchung der Wirksamkeit von AIDS-Therapien:
"Zur klinischen Bewertung des HIV-Virus in Europa sind zahlreiche Patienten aus ganz Europa erforderlich, damit alle relevanten Anzeichen überwacht werden können. Insbesondere zur Erkennung der Entwicklung einer Resistenz ist es z.B. von grundlegender Bedeutung, daß Blutproben gesammelt werden", so Herr Lundgren.
"EuroSIDA", so der Name des von seinem Team verfolgten Projekts, ist weltweit die größte internationale Studie über AIDS-Infizierte. Ein riesiges Netz aus Forschern aus 60 Kliniken in 20 Ländern, darunter verschiedene osteuropäische Länder, analysierte die Daten von 150.000 Patienten. Dieses Projekt wurde ursprünglich unter dem Biomed-I-Programm aus dem Jahr 1984 gefördert und lief ab 1997 unter Biomed II weiter. Die Mittel für Dr. Lundgrens Konsortium laufen im Mai dieses Jahres aus, daher werden erneute EU-Mittel aus dem Fünften Rahmenprogramm beantragt.
"In den vergangenen drei Jahren konnten wir eine deutliche Verbesserung bei der Prognose von Patienten feststellen. Gleichzeitig jedoch geben uns neue Krankheitsmuster bei einigen Patienten und die Resistenz gegen verschiedene HIV-Behandlungen sowie deren mögliche toxische Wirkungen Anlass zur Besorgnis. Es besteht also Grund für deren fortgesetzte Beobachtung im neuen Jahrtausend", sagte Dr. Lundgren. "Außerdem wäre die Studie ohne die EU-Mittel aus dem Biomed-I- und -II-Programm nicht möglich gewesen", fuhr er fort. EuroSIDA wurde auch von Glaxo Wellcome, Pharmacia und UpJohn sowie Merck, Sharp und Dome unterstützt.
Die Förderung unter Biomed II half außerdem Forschern, die sich mit dem Verständnis des Mechanismus der Diabetes beschäftigen, einen Schritt weiter in Richtung einer Behandlung durch Gentherapie. Dr. Philippe Froguel vom Institut Pasteur in Lille (Frankreich) erklärte: "Das größte Problem bei der Behandlung von Diabetes ist, daß wir nicht wissen, was sie auslöst. Wir verstehen diesen Prozeß noch nicht."
Neben der Diabetesstudie beschäftigte sich sein Team auch mit der Entwicklung der Hilfsmittel, mit denen diese Krankheit besser verstanden werden kann. Dazu mußten gemeinsame Datenbanken aufgebaut, die statistischen Genanalysen bezüglich komplexer Merkmale verbessert und Qualitätsstandards für Genstudien aufgestellt werden. Das Team sammelte Daten aus verschiedenen europäischen Ländern und stellte sie zur Analyse zusammen. "Der letzte Schritt war der Vorschlag an unsere amerikanischen Pendants, ein internationales Konsortium für die genetische Untersuchung der Diabetes zu gründen, das zur Bestimmung eines bedeutenden Diabetes-Locus auf Chromosom 20 führte, worauf frühere Studien der EU bereits verwiesen hatten. Diese Entdeckung kann wohl als der wichtigste Durchbruch auf dem Gebiet der Diabetes seit 20 Jahren bezeichnet werden. Dieses Projekt hat gezeigt, daß Europa wegweisend sein kann", so Dr. Froguel.
Die Arbeit der Wissenschaftler ruft bei der europäischen Pharmaindustrie großes Interesse hervor; im Dezember 1999 wurden dem Team neue Fördermittel unter dem RP5 gewährt, mit denen die Arbeit auf diesem Gebiet fortgesetzt werden kann.
Professor John Martin aus der Abteilung Genforschung des University College London äußerte sich ebenfalls zu den Vorteilen von gemeinsamen Forschungsmaßnahmen in der EU. Seine Forschungstätigkeit wird dadurch möglich gemacht, daß das Fachwissen von Wissenschaftlern aus dem Vereinigten Königreich, aus Finnland, Deutschland und Italien kombiniert wird. "Wir haben gemeinsam eine neue Behandlung von Herzerkrankungen entdeckt", wie er auf dem Brüsseler Treffen stolz verkündete.
Arteriosklerose - die Verengung der Arterien im Herzen, Gehirn oder Bein - sei die häufigste Todesursache in der EU, so Professor Martin. Sie führt zu Herzattacken, Herzschlag und peripheren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dank der Unterstützung aus Biomed-2-Mitteln jedoch entdeckte Professor Martins Team, daß ein bestimmter Wachstumsfaktor namens "Vascular Endothelial Growth Factor (VGF)", der im Fötus für das Wachstum der Blutgefäße zuständig ist, auch in den Arterien von Erwachsenen tätig ist, wo er bei der Reparatur beschädigter Blutgefäße hilft.
"Diese Entdeckung kann zur Vorbeugung gegen Arteriosklerose oder deren Linderung eingesetzt werden. Diese Fortschritte wären ohne ein gemeinsames europäisches Team nicht möglich gewesen. Jedes Teammitglied war für die Untersuchung eines Aspekts des Problems zuständig: Die Zellbiologie und die Koordination erfolgten im Vereinigten Königreich, die klinische Forschung und Gentherapie in Finnland, die Tierpharmakologie in Italien und die Plasmidentwicklung in der Zellbiologie in Deutschland", wie Professor Martin sagte.
Prof. Martins Team hat die Früchte seiner Arbeit nun patentieren lassen und zur Verwertung der Forschungsarbeiten das kleine Biotechnologie-Unternehmen "Eurogene" gegründet, wofür gerade 18 Monate nach dem Erhalt des Forschungsdarlehens der EU 1,5 Millionen Pfund Risikokapital aufgebracht wurden. "Der gesamteuropäische Charakter des Unternehmens hat großes Interesse erregt, insbesondere in Japan und den USA", so Professor Martin. Wenn die klinische Erprobung ihrer Arteriosklerosebehandlung erfolgreich verläuft, könnte das Team ein sehr wertvolles Produkt in Händen haben:
"Natürlich gehen wir ein hohes Risiko ein. Wir können nicht garantieren, daß sie (die Behandlung) zu diesem Zeitpunkt funktioniert, aber dies könnte ein mehrere Milliarden schweres Geschäft werden", erklärte Professor Martin.
Sämtliche Profite des Unternehmens, so Herr Martin, gehen zurück an die jeweiligen Universitäten der Teammitglieder und werden in die weitere Forschung gesteckt.
Das Biomed-II-Programm hat der europäischen Wissenschaft mit Sicherheit geholfen, Krankheiten besser zu verstehen, mit denen viele von uns leider nur allzu vertraut sind. Weitere erfolgreiche Projekte unter Biomed II betrafen z.B. Krebs und Autismus; als Ergebnis der unter Biomed II geförderten Arbeit wurden mehrere hundert Forschungsartikel veröffentlicht.
Die Europäische Kommission vergibt unter dem thematischen RP5-Programm "Lebensqualität und Management lebender Ressourcen" weiterhin Forschungsmittel für die Biowissenschaften, und zwar über folgende Leitaktionen: "Bekämpfung von Infektionskrankheiten", "Umwelt und Gesundheit" und "Alterung der Bevölkerung" sowie über viele der generischen Maßnahmen des Programms wie z.B. die Forschung über Genome und genetisch bedingte Krankheiten oder die Neurologie. Die Ergebnisse des ersten Aufrufs zur Vorschlagseinreichung für die Förderung im Rahmen des Programms liegen nun vor.

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