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Nanocafé diskutiert Pro und Contra der Nanotechnologien

Werden die Nanowissenschaften unsere Zukunft prägen und was bringen sie den Bürgerinnen und Bürgern? Das war die Kernfrage, auf die Wissenschaftler, Politiker und Akteure im Rahmen eines Nanocafés am 18. Oktober in Brüssel eine Antwort finden sollten.

Nanotechnologie ist die...

Politikgestaltung und Leitlinien

Werden die Nanowissenschaften unsere Zukunft prägen und was bringen sie den Bürgerinnen und Bürgern? Das war die Kernfrage, auf die Wissenschaftler, Politiker und Akteure im Rahmen eines Nanocafés am 18. Oktober in Brüssel eine Antwort finden sollten.

Nanotechnologie ist die Manipulation von Atomen und Molekülen in Nanogröße. Ein Nanometer ist etwa der Millionstel Teil des Durchmessers eines Stecknadelkopfes. Materialien in Nanogröße können so "eingestellt" werden, dass sie Eigenschaften zeigen, die für die Produktion schnellerer, leichterer, festerer und effizienterer Geräte und Systeme und neuer Materialklassen genutzt werden können. Man geht davon aus, dass sich diese Technologie auf jeden Bereich unseres Lebens auswirken wird - einschließlich Gesundheit, Computer, Haushaltselektronik, Energie, Verteidigung und Nahrungsmittel.

Eröffnet wurde das Nanocafé von Stephan Schaller, einem der Partner des von der EU geförderten Nanologue-Projekts. "Die Nanotechnologien prägen unsere Produkte zunehmend", so Schaller. "Kaum ein Tag vergeht, an dem kein neues Produkt auf den Markt kommt, das sich Nano nennt oder einige Nano-Eigenschaften hat." Als Beispiel nannte Schaller neue Nano-Produkte wie das so genannte "nanometer-silver crytomorphic condom", das im Grunde ein antiseptisches Schaumspray ist, das Kondom in der Dose sozusagen, und ein Diät-Schokoladenshake, der Nanocluster enthält, von denen die Hersteller behaupten, sie trügen die Nährstoffe direkt in die Zelle.

Aber im gleichen Maße, in dem die Anzahl der Produkte mit Nano-Eigenschaften steigt, steigt die Sorge, dass solche Anwendungen risikobehaftet sind. Viele der Fragen, so Schaller, drehen sich um Gesundheitsrisiken, da wir so wenig über die Toxizität dieser Nano-Anwendungen wissen. Darüber hinaus ist unklar, welche potenziellen Schäden diese Technologien verursachen können, wenn sie für militärische Zwecke genutzt werden. Schon heute wird laut Schaller ein Großteil der nanotechnologischen Forschung im militärischen Sektor durchgeführt. Und schließlich könnten solche neuen Technologien die Kluft erweitern zwischen denen, die sich diese Technologien zur Steigerung ihres Lebensstandards leisten können, und denen, die sie sich nicht leisten können - ein Phänomen, das wir von der digitalen Kluft kennen.

"Die Schlüsselfrage lautet daher, wie wir von den Nanotechnologien profitieren und gleichzeitig ihre Risiken minimieren können?", so Schaller. Die Europäische Kommission schlägt z. B. vor, die ethischen, Gesundheits-, Umwelt- und regulatorischen Fragen im Zusammenhang mit den Nanotechnologien so früh wie möglich in der Forschung und Entwicklung (F&E) mitzubehandeln und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu forcieren. Schaller betonte, das Ziel sei, die Debatte aller Beteiligten schon frühzeitig anzufachen, damit die Fehler vermieden werden, die man zuletzt mit dem Thema genetisch veränderte Organismen (GVO) gemacht habe, wo die Öffentlichkeit sich geweigert habe, irgendetwas anzunehmen, was auch nur marginal mit GVO zu tun hatte.

Genau hier setzt das Nanologue-Projekt an. Mit Fördermitteln des Sechsten Rahmenprogramms (RP6) wurde im Rahmen des Projekts der Nanometer entwickelt, ein webbasiertes Instrument, das Forschern und Produktentwicklern hilft, vor der Vermarktung kurze gesellschaftliche Bewertungen der nanotechnologischen Anwendungen durchzuführen. Mit dem Tool werden anhand von sieben ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Indikatoren, einschließlich gesellschaftlicher Nutzen, Gesundheit und Umwelt, Ressourcenverbrauch, Datenschutz und Transparenz, die Risiken und Vorteile einzelner nanotechnologischer Anwendungen untersucht. "Solche Fragen werden normalerweise im F&E-Prozess nicht gestellt", erklärte Schaller, der auch vorschlug, den Nanometer zur Vorprüfung nanotechnologischer Projekte zu nutzen, für die öffentliche Fördermittel beantragt werden.

Im Rahmen des Projekts wurde auch ein weiteres Instrument entwickelt, das anhand von drei "realistischen" Szenarios darstellt, wie sich die Nanotechnologien bis zum Jahr 2015 entwickeln könnten. Diese Fallstudien wurden von Experten entwickelt und basieren auf den Veränderungen von wichtigen Motoren, die voraussichtlich die Entwicklung und die künftige Nutzung der Technologien beeinflussen. Zu diesen Motoren gehören der rechtliche und politische Rahmen, Rohstoffpreise, das Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts in den Nanotechnologien und Umweltdruck. "Unternehmen, die Nanoprodukte herstellen, könnten dieses Tool einsetzen, da es ihnen hilft, zu fundierten Entscheidungen darüber zu gelangen, welche Maßnahmen als Reaktion auf diese Szenarios zu ergreifen sind", erläuterte Schaller. "Das Tool könnte auch zu Kommunikationszwecken mit der breiten Öffentlichkeit genutzt werden."

Nach Schallers Vortrag diskutierten die Teilnehmer, wie sich der Bereich künftig in Europa entwickeln könnte. Zahlreiche Anwesende betonten, dass man zur besseren Bewertung der Risiken und Nutzen zwischen so genannten gebundenen (verkapselten) und nicht gebundenen (freien) nanotechnologischen Anwendungen unterscheiden müsse.

Malcolm Harbour, MdEP und stellvertretender Vorsitzender der Dienststelle "Bewertung wissenschaftlicher und technischer Optionen" (Scientific Technology Options Assessment - STOA) des Europäischen Parlaments, wies darauf hin, dass es angesichts der vielen gesellschaftlichen und ethischen Aspekte, die es zu beachten gelte, schwierig sei, diese Anwendungen zu regulieren. Im Hinblick auf die potenziellen Gesundheitsrisiken, die mit einigen der nanotechnologischen Anwendungen verbunden sind, fragte er, ob bestehende Klassifizierungssysteme bereits einen Mechanismus böten, um Nanopartikel und deren Toxizität zu kategorisieren. Auch Teilnehmer aus Umweltgruppen äußerten sich diesbezüglich besorgt und schlugen vor, Nanopartikel unter dem Dach der EU-Chemikalienpolitik (REACH) zu behandeln.

John Ryan, Direktor des Bio-Nanotechnology Interdisciplinary Research Centre (IRC) an der Universität Oxford im UK, jedoch hält die angenommenen Risiken und Nutzen der Nanotechnologien für übertrieben und wies darauf hin, dass sie auf theoretischen Annahmen beruhen, nicht auf praktischer Erfahrung. Er forderte die Europäische Kommission auf, mehr ihrer Forschungsmittel in die Toxikologie und in die Einführung praktikabler Toxikologietests zu investieren. Ein niederländischer Wissenschaftler, der an der Veranstaltung teilnahm, stimmte zu, dass die Nutzen und Risiken überzeichnet seien, und betonte, dass Wissenschaftler, Politiker und die Öffentlichkeit besser informiert und aufgeklärt werden müssten. Er wies auch explizit darauf hin, dass es sich bei der Nanotechnologie nicht um eine Technologierevolution, sondern eine Evolution handele.

Laut Renzo Tomellini, Direktor des Bereichs Nanowissenschaften und Nanotechnologien bei der Europäischen Kommission, wird derzeit ein Maßnahmenpaket geschnürt, das Forschung und Ausrüstung im Bereich Toxikologie europaweit verbessern soll. Als weitere Maßnahmen wurden verstärkte Netzwerkmöglichkeiten und die Schaffung einer Toxikologie-Beobachtungsstelle vorgeschlagen. Die Kommission, so Tomellini, werde auch weiterhin Aktivitäten unterstützen, die den Dialog zwischen der Politik, der Industrie und der Öffentlichkeit stärken.

Das Nanocafé wurde von der STOA in Zusammenarbeit mit der Europäischen Wissenschaftsstiftung, COST und Nanoscience Europe veranstaltet.