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H2020

BBP — Ergebnis in Kürze

Project ID: 660954
Gefördert unter: H2020-EU.1.3.2.
Land: Vereinigtes Königreich
Bereich: Gesellschaft

Verkörperte Erfahrungen überbrücken den Graben zwischen religiösem Glauben und Praxis

Ist religiöser Glaube grundsätzlich irrational? Und inwiefern spiegelt sich ein solcher Glaube im tatsächlichen Handeln wider? Das sind nur zwei der Fragen, die das EU-finanzierte Projekt BBP klären wollte, indem es die Rolle des „Embodiment“ (zu Deutsch: Verkörperung) erforschte.
Verkörperte Erfahrungen überbrücken den Graben zwischen religiösem Glauben und Praxis
Aktuelle Religionsforschung geht gewöhnlicherweise in eine von zwei Richtungen. Einerseits erforscht man die zugrunde liegenden Überzeugungen mithilfe von philosophischen und religiösen Ansätzen. Andererseits konzentriert man sich auf die tatsächlich gelebten religiösen Praktiken, wobei die Erkenntnisse aus der religiösen Anthropologie, Ethnologe und aus anderen empirischen Disziplinen herangezogen werden – so entsteht eine künstliche Trennung der Erforschung des Glaubens und der damit verbundenen Verhaltensweisen.

Das EU-finanzierte Projekt BBP (Bridging Belief and Practice) hatte zum Ziel, bislang wenig erforschte Eigenschaften des religiösen Glaubens genauer zu beleuchten, indem die Rolle des Körpers betrachtet wurde. Dabei wurde festgestellt, dass das Erlebnis von Embodiment, also die verkörperte Erfahrung der Schlüssel zur Überwindung der Trennung der beiden Forschungsrichtungen ist.

Die Relevanz von Embodiment zur Einordnung scheinbarer Irrationalität

Religiöser Glaube wird gemeinhin als eine psychische Verfassung angesehen, in der bestimmte Konzepte als wahr angenommen werden, wie zum Beispiel die Vorstellung der „Dreifaltigkeit Gottes“, und aufgrund derer bestimmte Praktiken als logische Konsequenz dieser religiösen Konzepte eingehalten werden.

Die Marie-Curie-Forschungsstipendiatin Dr. Elena Kalmykova erklärt, der Anstoß von BBP sei gewesen, dass der beschriebene Ansatz aufgrund von neuen Ergebnissen aus der Kognitionswissenschaft und der Religionspsychologie nicht mehr haltbar ist.

Einerseits erklärt er nicht die sogenannte „theologische Dissonanz“ – Situationen, in denen religiöse Verhaltensweisen nicht dem religiösen Glauben entsprechen. Zum Beispiel haben Forschungen unter Hindus und Christen nahegelegt, dass praktizierende Gläubige zwar den theologisch korrekten dogmatischen Aussagen zustimmen, zum Beispiel, was die Allgegenwart Gottes angeht, sich aber Gott als eine menschenähnliche Einheit vorstellen, die durch zeitliche und örtliche Einschränkungen gebunden ist.

Dr. Kalmykova erklärt die Methodologie von BBP folgendermaßen: „Das Projekt stellt die These auf, dass nur der Körper Glaube und Praxis miteinander vereinen kann. Unser Glauben entsteht durch verkörperte Wahrnehmung und wir üben Glauben durch unsere körperlichen Fähigkeiten, uns zu bewegen, zu sprechen, zu tanzen usw. aus.“

Wenn wir daher an die tatsächliche Erfahrung religiöser Praktiken denken, wie das Knien in der Kirche, sind diese Aktionen nicht mehr die unkomplizierte Folge des mentalen Konzepts des religiösen Glaubens. Stattdessen ist es gerade umgekehrt: Körperliche Praktiken helfen Leuten dabei, das zu erfahren, was man nicht auf Wörter reduzieren kann, da sie die Mysterien dessen vermitteln, was sich jenseits des menschlichen Verstands abspielt.

Tatsächlich zeigt BBP, dass schwer greifbaren religiösen Lehren die gleiche Ehrerbietung entgegen gebracht werden kann wie heiligen Artefakten – in einer vorgefertigten Form verinnerlicht und vom alltäglichen Glauben getrennt, selbst wenn der Inhalt nicht vollends durchdrungen wurde. Dies kann sich sogar in materieller Weise äußern, zum Beispiel durch traditionell jüdische tragbare Tora-Inschriften in kleinen Lederbehältern namens Tefillin.

Dr. Kalmykova bringt es auf den Punkt: „Dieser Ansatz beseitigt die scharfe Trennung zwischen dem Geistigen und dem Materiellen.“

Vermehrte Toleranz als Folge

Das Projekt trägt dazu bei, mit weitreichenden Folgen neue Horizonte in der Religionsforschung zu erschließen, vor allem für Bereiche wie den interreligiösen Dialog und die Politikgestaltung. Wenn man beispielsweise einsieht, dass die religiösen Lehren von Gläubigen nicht genauso präsent sind wie der alltägliche Glaube und diese daher nicht einfach „verbessert“ oder „widerlegt“ werden können, wird einem klar, dass es zwecklos ist, zu versuchen, Gläubige dazu zu bringen diese zu ändern, was mehr Toleranz ermöglicht. „Stattdessen sollte man sich darauf konzentrieren, wie dieser Glaube in religiösen Praktiken und in den daraus resultierenden sozialen Normen ausgelebt wird“, so Dr. Kalmykova.

Es gibt viele menschliche Eigenschaften, die irrational erscheinen: sture politische und ideologische Überzeugungen, Selbsttäuschung und Vorurteile. Diese Irrationalität erschwert es Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen und Politikwissenschaftlern ungemein, menschliches Verhalten zu modellieren und vorherzusagen.

Dr. Kalmykova plant zurzeit, ihre Forschungen auszuweiten, indem sie sich auf die Erforschung der verkörperten Ursachen menschlichen Verhaltens und deren Beziehung zu religiösen und ideologischen Entscheidungen konzentriert.

Denn, wie sie abschließend bemerkt, „der verkörperte Ansatz kann die zugrunde liegende Logik scheinbar irrationaler Verhaltensweisen aufdecken, genauso wie die Erforschung religiösen Glaubens aufgedeckt hat, dass dieser nicht von den Regeln, die den Glauben an sich betreffen, sondern von den Regeln, die den Umgang mit religiösen Artefakten im Rahmen religiöser Praktiken, bestimmt wird."

Schlüsselwörter

BBP, Religion, Glaube, Praxis, Embodiment, Körper, erlebte Erfahrung, Gläubigkeit, Gläubiger, Theologie, Philosophie, Kognitionswissenschaft
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