Forschung soll strategischen Wert schaffen
Anläßlich der Lancierung des Fünften Rahmenprogramms (RP5) für Forschung, technologische Entwicklung und Demonstration (FTE) in Essen in der nächsten Woche erläutert Professor Jorma Routti, Generaldirektor der Europäischen Kommission zuständig für Forschung, die Bedeutung des Programms für die Zukunft der Europäischen Forschung. Prof. Routti ist Leiter der GD XII, die für die Gesamtplanung von RP5 und außerdem für die Durchführung des Großteils seiner spezifischen Programme sowie die Koordinierung seiner Umsetzung verantwortlich ist. Prof. Routti ist seit Januar 1996 Generaldirektor für Forschung - nach zehn Jahren als Präsident von Finnlands Innovation Agency SITRA und 14 Jahren als Professor für technische Physik an der Universität Helsinki - und sieht die Bestimmung und Unterstützung der Bereiche, wo die gemeinsame europäische Forschung von größtem strategischen Wert für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union sein kann, als das wichtigste Ziel von RP5 an. "Als erstes ist es wichtig zu sagen, daß wir sehr zufrieden darüber sind, daß es möglich war, die Annahme von RP5 politisch Ende letzen Jahres zum Abschluß zu bringen," sagte Prof. Routti. "In den vergangenen zwei Jahren haben wir einen vollständig anderen Ansatz für europäische Forschung vorbereitet, der die spezifisch für die EU und ihre Mitgliedsaaten bedeutenden Probleme nicht nur in der Forschung, sondern auch für die Gesellschaft berücksichtigt, ganz gleich, ob sie die Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit auf globaler Ebene, politische Entscheidungen im Umwelt-/Energiesektor oder ethische Fragen im Zusammenhang mit Biologie betreffen. "Dies bringt einen problembestimmten und politikorientierten Ansatz zusammen und kombiniert die wichtigen Elemente von der Grundlagenforschung bis hin zu Technologien, Produkten und zur Politik," sagte er. "Während 4RP eine größere Anzahl spezifischer Programme umfaßte, haben wir uns entschieden, die Finanzmittel für RP5 ausschließlich auf vier thematische Programme und 23 Leitaktionen zu konzentrieren, die eine gemeinschaftsweite und oft darüber hinausgehende Zusammenarbeit erfordern, da die gemeinsamen Fragen - wie Klimaveränderung, zukünftige Energielösungen, Telekomnormen und die Möglichkeiten der modernen Biotechnologie - heute für die meisten Länder von Bedeutung sind. Dies sind allgemeine Themen, die eine gute Koordinierung erforderlich machen, und selbstverständlich bilden sie weiterhin die zentralen Themen der politischen Agenda." Sobald dieser neue Ansatz etabliert wurde, gab es gute Gründe für die Auswahl der vier Themen: Life Sciences und Biotechnologie, Informationsgesellschaft, industrielles Wachstum und Energie-Umwelt. "Die Grundlagen der Wissenschaft sind heute die gleichen in allen Life Sciences - Molekularbiologie und Genetik - ganz gleich, ob wir über Medizin oder Landwirtschaft reden," sagte er. "Schließlich geht es bei den Themen in der Landwirtschaft um genetisch modifizierte Organismen und das Klonen, und auf der medizinischen Seite stehen das Geheimnis bei der Suche nach Therapien für Krankheiten im Mittelpunkt. "Dasselbe gilt für Informationstechnologien, wo wir die Integration von Computer, Telekommunikation und Telematik gesehen haben. Und im industriellen Bereich waren Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit die gemeinsamen Nenner auf der globalen Ebene. "Die Fragen in Energie und Umwelt sind eng miteinander verwandt," sagte Prof. Routti, "daher sind diese vier Hauptthemen auf jeden Fall gerechtfertigt" Im Rahmen von RP5 werden den 23 Leitaktionen etwa drei Viertel der Finanzmittel zugeteilt, und Prof. Routti betonte deren Bedeutung. "Die Leitaktionen haben definitionsgemäß einen multidisziplinären Charakter und erfordern Beiträge aus vielen Wissenschaftsbereichen," sagte er. "Daher ist es besser, eine begrenzte Anzahl von großen thematischen Programmen zu haben, um den multidisziplinären Ansatz zu erleichtern. Beim Verkehr zum Beispiel müssen wir die Energie, Umwelt, Stadtplanung, Informationstechnologien, Wirtschaftssysteme und Verhaltenswissenschaft betrachten - und zwar alle zur gleichen Zeit. "Der Anteil der Integration wird viel größer sein, wodurch die politischen Entscheidungsträger mehr Spielraum für gut definierte politische Alternativen erhalten - die Kosten, Nutzen, Wirkungs- und Risikoanalysen berücksichtigen." Ein stärker integrierter Ansatz stellt die Europäische Kommission vor neue Herausforderungen bei der Überwachung des Fortschritts bei der Erfüllung der Hauptziele von RP5 und der Ziele der spezifischen Programme. "Wenn man sich für einen stärker integrierten Ansatz entscheidet, muß man nicht das klassische Output der Wissenschaft - Veröffentlichungen, Entgegenhaltungen und Patente - messen, sondern auch die Wirkung und meßbaren Ergebnisse im Verhältnis zu den angestrebten Zielen abschätzen ," sagte Prof. Routti. "Für jede Leitaktion ist eine Experten-Beratergruppe (EBG) zuständig, die Experten aus verschiedenen Ländern umfaßt, von der Grundlagenforschung bis hin zu Entscheidungsträgern aus der Politik. Bei der Entwicklung der Überwachungstechniken sind wir sehr um die Zusammenarbeit mit den EBG und um die Ausrichtung der Forschung zur optimalen Erfüllung der Ziele bemüht. "Die Wissenschaft steht vor einer allgemeinen Herausforderung, mehr aggregierte Verzeichnisse im Zusammenhang mit der Entwicklung industrieller Strukturen, Wettbewerbsfähigkeit und umsichtiger Politik anzulegen. Diese können nicht einfach anhand der klassischen Wissenschaftsindizes gemessen werden," sagte er. Auf den ersten Blick vermittelt der reale Anstieg von 4% des RP5-Haushalts im Vergleich mit dem von RP4 vor vier Jahren den Eindruck, daß die EU-Mitgliedstaaten RP5 weniger Bedeutung als ihren eigenen Wissenschaftsbudgets beimessen, die in vielen Fällen viel stärkere Zuwächse verzeichneten. Aber Prof. Routti erläuterte, daß hier andere Faktoren berücksichtigt werden müßten, die zu einer realistischeren Bewertung führten. "Es wird nicht nur der reale Wert des Wissenschaftshaushalts beibehalten, sondern es handelt sich um einen realen Anstieg von mehr als vier Prozent. Ferner ist die Kommission darum bemüht, die Probleme nicht isoliert, sondern in Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten zu lösen," sagte er. "Bei RP5 hat die nationale Seite größeren Einfluß als zuvor auf einzelne Projekte, deren Probleme nicht immer mit der Suche nach Lösungen verbunden waren. Es ist ganz klar, daß wir die Investitionen in große Infrastrukturen wie Telekommunikation nicht finanzieren können, wir müssen jedoch Anleitungen für die beste Politik in der EU und den Mitgliedstaaten bereitstellen. "Außerdem haben wir gemeinsame Interessen mit unseren Kollegen im Strukturfonds, wovon ein größerer Anteil für innovationsbezogene Investitionen und fortgeschrittene Infrastrukturen bestimmt werden kann. Des weiteren verhandeln bei der Erweiterung der EU alle 11 Bewerberländer über eine Assoziierung mit RP5, und ihre Beteiligung wird durch Entwicklungshilfe der Gemeinschaft an all diese Länder unterstützt . Und weitere Länder, wie Norwegen, Island, Israel und die Schweiz, die nicht EU-Mitglieder sind, arbeiten auf eine volle Assoziierung mit RP5 mit vollständigen Finanzbeiträgen hin," sagte Prof. Routti. Obwohl RP5 ganz deutlich einen neuen Ansatz vornimmt, setzt es auch viele der von RP4 und früheren Programmen erworbenen besten Praktiken fort, wie z.B. gemeinsame europäische Netze, Austausch und Mobilität von Forschern und kritische sozioökonomische Studien, die Prof. Routti als besonders wertvoll ansah.