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Kann das Haar durch einen Schock über Nacht grau werden?

Wenn einer Person eine Tragödie widerfährt, kann sie beim Opfer für eine plötzliche Veränderung der Haarfarbe sorgen – wenn man den Volksweisheiten Glauben schenken darf. Unser Sachverständiger Daniel Nettle erklärt, welche Wahrheit in diesem Mythos steckt.

Gesellschaft

Eine Nahtoderfahrung, der Verlust eines geliebten Menschen oder eine schreckliche Nacht in einem Geisterhaus – jedes dieser Erlebnisse könnte Sie mit einem grauen Haarschopf aufwachen lassen, so der bekannte Mythos. Noch seltsamer ist, dass der Glaube, ein Schock könnte unser Haar ergrauen lassen, ein Fünkchen Wahrheit enthält. „Das geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert Wochen und Monate“, sagt Daniel Nettle. „Der Körper wird zweifelsohne durch Stress beeinträchtigt.“ Nettle, Professor für Verhaltenswissenschaften an der Universität Newcastle, zieht es vor, den Begriff „Widrigkeiten“ anstelle des ungenauen Begriffs „Stress“ zu verwenden. Kurzfristig erhöhen Widrigkeiten die Herzfrequenz und die Atmung und aktivieren das Immunsystem, um der Bedrohung entgegenzuwirken. „Doch schwere und langfristige Widrigkeiten erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass man krank wird“, so Nettle. „Das Immunsystem ist für Stresssituationen kurzer Dauer gerüstet, wird jedoch bei langfristiger Belastung gestört.“ Im EU-finanzierten Forschungsprojekt COMSTAR untersuchte Nettle, wie sich früh erlebte widrige Lebensumstände auf Stare auswirken, schnell wachsende Singvögel, die sich in nur 14 Tagen vom Jungtier zum Erwachsenen entwickeln. „Wir konnten subtile Dinge manipulieren, z. B. das Nahrungsangebot unvorhersehbar gestalten oder mehr Konkurrenz im Nest durch weitere Jungtiere schaffen“, erklärt Nettle. Das Team fand heraus, dass Vögel, die unter widrigen Umständen leiden, kürzere Telomere aufweisen – ein Zeichen für physiologische Alterung sowie für Auswirkungen auf Entzündungen und Verhalten. Nettle fügt hinzu, dass Vögel, die Widrigkeiten erlebt haben, nicht so gut auf künftige Bedrohungen vorbereitet waren: „Wenn das Haus bereits steht, kann man den Keller nicht neu darunter aufbauen“.

Ein stressfreies Leben

Es ist schwierig, die Auswirkungen plötzlicher, schwerer Schocks zu messen, da die Folgen schwerer Traumata meist lange nachwirken. Aber Individuen, die schwierige Zeiten durchmachen, scheinen schneller zu altern – und auch schneller zu ergrauen – als andere. „Menschen, die von Armut oder Ernährungsunsicherheit betroffen sind, werden in einem niedrigeren Alter krank und sterben früher“, bestätigt Nettle. Experimente zeigen, dass diese Menschen auch älter aussehen als sie tatsächlich sind. Die Fähigkeit, dieses physiologische Alter zu messen, wäre nach Meinung von Nettle eine hilfreiche Prognose, da sie uns erlauben würde, genauer vorherzusagen, bei wem ein Risiko für altersbedingte Krankheiten vorliegt. Leider lässt sich ein gewisses Maß an Widrigkeiten nicht vermeiden, und damit auch nicht das Altern und die damit verbundenen grauen Haare. „Es wäre zwar eine interessante Vorstellung, aber ich glaube nicht, dass man in ein Kloster fliehen und ewig leben kann“, ist sich Nettle sicher. „Das Leben an sich ist von Stress gezeichnet, u. a. durch Giftstoffe, Stoffwechselbelastungen, das Aufbrauchen von Körperreserven. Dennoch ist es sicher eine gute Idee, ein gesundes Leben zu führen – ausreichend schlafen, gut essen und versuchen, nicht arm zu sein.“ Klicken Sie hier, um mehr über die Forschung von Daniel Nettle zu erfahren: Erforschung der Auswirkungen frühkindlicher Widrigkeiten bei Staren.

Schlüsselbegriffe

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