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Die Europäische Wissenschafts- und Technologieversammlung - Interview mit Dr. Jan Borgman

Die Europäische Wissenschafts- und Technologieversammlung wurde am 15. März 1994 ins Leben gerufen, um zwischen Kommission, Wissenschaft und Industrieforschung eine bis dahin nicht vorhandene, direkte und permanente Verbindung zu schaffen. Der Versammlung gehören 100 Mitgli...

Die Europäische Wissenschafts- und Technologieversammlung wurde am 15. März 1994 ins Leben gerufen, um zwischen Kommission, Wissenschaft und Industrieforschung eine bis dahin nicht vorhandene, direkte und permanente Verbindung zu schaffen. Der Versammlung gehören 100 Mitglieder an, die entweder direkt von der Kommission ernannt oder in einigen Fällen auf Vorschlag der führenden europäischen Wissenschafts- und Industrieforschungseinrichtungen (Europäische Wissenschaftsstiftung, Academia Europea, ALLEA, Europäische Rektorenkonferenz, Euro-Case, EIRMA, IRDAC, UNICE, European Round Table, CERN, ESA, ESO, ESRF, Europäische Gewerkschaftsföderation und CODEST) berufen wurden. Die Versammlung vereinigt in ihren Reihen führende Vertreter der Wissenschaft, darunter sechs Nobelpreisträger, Leiter zahlreicher europäischer und nationaler Forschungszentren und Leiter von Forschungsabteilungen großer Industrieunternehmen. In einem Interview mit CORDIS RTD-News umriß kürzlich Dr. Jan Borgman, Vorsitzender der Europäischen Wissenschafts- und Technologieversammlung die aktuelle und künftige Rolle der Versammlung: - Sagen Sie uns bitte etwas zu den Leistungen, die die EWTV, die Europäische Wissenschafts- und Technologieversammlung, seit ihrer konstituierenden Sitzung am 6. September 1994 vorweisen kann. Sofort nach ihrer Konstituierung ging die EWTV daran, eine organisatorische Infrastruktur zu schaffen und die Themen festzulegen, zu denen Aktionen begonnen werden sollen. Eine dieser Aktionen bestand in der Vorlage von Gutachten zu den spezifischen Programmen des Vierten Rahmenprogramms und der Ausarbeitung von Arbeitsplänen für diese Programme. Es wurden zehn Arbeitsgruppen gebildet, die sich aus Mitgliedern der EWTV rekrutierten und in der Rekordzeit von nur fünf Wochen diese Arbeit beendet hatten. Obwohl das allein schon eine Leistung ist, so muß die Bedeutung der gegebenen Ratschläge doch an deren Qualität und Wirkung gemessen werden. Die Kommission hat bereits mehrere der von der EWTV vorgelegten spezifischen Empfehlungen umgesetzt. Besonders eine der Empfehlungen, die einen etwas allgemeineren Inhalt hatte, bezog sich auf eine deutlichere Bestimmung der Ziele der Programme und der stärkeren Berücksichtigung der direktionsübergreifenden Zusammenarbeit. Die Einsetzung vor nicht allzu langer Zeit der Task Forces für spezifische Gebiet kann in gewissem Maße als Reaktion auf diese Empfehlung gesehen werden. Die EWTV hat auch Ratschläge für die Bearbeitung der im Zusammenhang mit dem Vierten Rahmenprogramm eingehenden Vorschläge gegeben. So haben wir versucht, einige gemeinsame Kriterien für die Bearbeitung der Vorschläge zu finden, die vielleicht dazu beitragen, nicht nur die Bearbeitung der Vorschläge, sondern auch die Entscheidungsmechanismen transparenter zu gestalten. - In welchem Verhältnis steht die EWTV zum Vierten Rahmenprogramm? Die einzige Aufgabe der EWTV besteht in der Beratung der Kommission, und zwar entweder auf der Grundlage einer konkreten Anfrage oder aus eigenem Antrieb heraus. Das heißt, daß wir für die Umsetzung der Programme keinerlei Verantwortung tragen. Diese liegt vollständig in den Händen der Kommission und der verschiedenen Direktionen. Die EWTV wurde auch gebeten, bei der Evaluierung von Programmen mitzuarbeiten. Aus diesem Grunde bereiten wir uns auf die Teilnahme am Evaluierungsprozeß dadurch vor, daß wir die Verfahren zur Vorschlagseinschätzung und die Entscheidungsmechanismen prüfen. Dafür hat die EWTV bestimmten Programmen, bei denen das möglich und praktikabel ist, Beobachter beigeordnet. - Wie sehen Sie den Beitrag des Rahmenprogramms der Gemeinschaft zur Wettbewerbsfähigkeit Europas auf einem globalen Markt? Es gehört schon fast zum guten Ton, die wirtschaftliche Bedeutung von Forschung, die keine unmittelbare Marktnähe aufweist, in Zweifel zu ziehen. Das ist nun die Domäne des Rahmenprogramms, zumindest so lange, wie die Europäische Union dem Dogma der Wettbewerbsfähigkeit von vornherein anzuhängen gezwungen ist. Soll die Europäische Union in den Ruf von Forschungsarbeiten mit größerer Marktnähe kommen, so muß man sich dem Wettbewerb innerhalb Europas und der Wettbewerbsfähigkeit nach außen schon mit komplizierteren Gedankengängen nähern. Dazu gehört dann beispielsweise auch eine breitere Akzeptanz von strategischen Allianzen in den bedeutenden Branchen, eine intensivere Nutzung der Zulieferung durch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und eine größere Flexibilität bei den Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen, was insgesamt zu einem dynamischeren Arbeitsmarkt und optimalem Wohlstand für Europa führen wird. In diesem gewinnorientierten Szenario lassen sich die Verantwortlichen in der Politik leicht dazu verführen, langfristige Forschung als Grundlage für technologische Innovation zu vernachlässigen, die wir doch brauchen, um die Position der Industrie in einem Zeitraum, nun sagen wir, von mehr als fünf Jahren zu sichern. Hier kommen wir in den Bereich der indirekten Ziele, in dem Wissenschaftlern dazu angespornt werden müssen, ihrer Vorstellungskraft in einem Klima freien Lauf zu lassen, in dem das Unerwartete geschehen kann und in dem neue Generationen von Wissenschaftlern und Ingenieuren ausgebildet werden. Insgesamt neige ich zu der Auffassung, daß das Rahmenprogramm weiter an Wirksamkeit gewinnen würde, wenn die in begrenztem Umfang zur Verfügung stehenden Finanzmittel auf zwei Kategorien von Themen gerichtet würden: - Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie auf einigen sorgfältig ausgewählten Gebieten, in denen strategische Allianzen erforderlich und akzeptiert sind; - Forschungsarbeiten, mit denen sich gewinnträchtige Innovationen innerhalb eines Zeitraums von fünf bis zehn Jahren verwirklichen lassen. Schlankere und optimierte Vorschriften in den einzelnen Staaten sowie die Annahmen europäischer Normen sind auch weiterhin bedeutende Bestandteile für die Schaffung eines großen europäischen Binnenmarktes, der gleichzeitig zu einer besseren Wettbewerbsposition in der Welt führen würde. Das ist nun kein Plädoyer für eine drastische Umstellung oder Vereinfachung des Rahmenprogramms, sondern ein Versuch zur Bestimmung breitangelegter Ziele und der Kategorisierung des größten Teils des jetzigen Inhalts auf transparente Weise. - Können Sie uns die Arbeit der EWTV in den kommenden sechs Monaten schildern, die Schwerpunkte darlegen und erklären, wie diese angegangen werden sollen? Die EWTV hat einen Arbeitsplan erarbeitet, der fünf mehr oder weniger unabhängige Themen enthält. Für jedes dieser Gebiete sind beim EWTV-Büro Arbeitsgruppen eingesetzt worden. Im übrigen sind wir gerade dabei, für die EWTV eine flexible Infrastruktur zu schaffen. Bei den fünf Themen im Arbeitsplan handelt es sich um folgendes: - Bewertung der Programme des Vierten Rahmenprogramms im Nachgang zu den gegebenen Ratschlägen zur Bearbeitung von Vorschlägen; - "Koordination durch Kooperation", ein Thema, das vom früheren Kommissionsmitglied Ruberti initiiert wurde und durchaus zum Gegenstand einiger klärender Initiativen werden kann. Eine erste Arbeitsgruppe zur Untersuchung möglicher Initiativen durch die nationalen Forschungsräte besteht bereits und weitere dürften demnächst folgen; - Entwicklung eines effektiven Verhältnisses zwischen reinen Forschungseinrichtungen und der Industrieforschung. Die gemischte Zusammensetzung der EWTV, der eben Wissenschaftler aus Forschungsstätten und Wissenschaftler aus der Industrie angehören, bietet sich als Ausgangspunkt dafür geradezu an; - Das Fünfte Rahmenprogramm. Die EWTV wird nicht die Arbeit machen, die sowieso schon mit den vielen Studien, die zur Zeit in Europa laufen, geleistet wird, sondern wird eher versuchen, die wichtigsten von ihnen zusammenzufassen und die nationalen Prognosearbeiten mit den nach der Delphimethode durchgeführten Arbeiten auf nutzbringende Art und Weise zu verbinden; - Entwicklung eines prozeduralen Rahmens für die EWTV-Mitglieder, die Initiativen ergreifen möchten, die nicht nicht direkt in eines der o.g. Themen passen. Für eine dieser Initiativen ist bereits ein vollbesetzte Arbeitsgruppe gegründet worden ("Alternativen zum magnetischen Einschluß bei der Hochtemperaturplasmafusion" und "Die ostasiatische Herausforderung"). Weitere Initiativen befinden sich in Vorbereitung. Was nun die Schwerpunkte angeht, so ist klar, daß das Fünfte Rahmenprogramm ganz oben auf der Tagesordnung steht. Der Zeitplan der Kommission sieht so aus, daß die Zuarbeiten bis spätestens April 1996 geleistet worden sein müssen, damit die Kommission im Verlaufe des Jahres dann einen förmlichen Vorschlag vorlegen kann. Im übrigen wird man die EWTV wahrscheinlich um Rat zu Themen bitten, bei denen aufgrund ihres Wesens die Durchlaufzeit sowieso kurz ist, nämlich zum Beispiel beim Task-Force-Konzept und der mittelfristigen Aufstockung der Finanzmittel des Vierten Rahmenprogramms. Zwar würde sich die EWTV lieber auf ihren eigenen Arbeitsplan konzentrieren, doch diesen Anfragen muß natürlich entsprochen werden.