Endokrinstörende Chemikalien: ein ernsthaftes Problem, Grund zum Handeln, aber kein Grund zur Beunruhigung
Vom Geschlechtswechsel bei Fischen und Alligatoren bis zum erhöhten Auftreten von Brustkrebs und rückläufigen Spermienzählungen - endokrinstörende Chemikalien werden für manches verantwortlich gemacht. Obwohl es Anzeichen für Auswirkungen in der Natur gibt, sind die Anzeichen für Zusammenhänge mit Gesundheitsproblemen bei Menschen eher widersprüchlich. Aufgrund dieser Ungewißheit und der Erkenntnis, daß dieses Problem wegen des weitreichenden Transports von Umweltbelastungsstoffen mehr internationaler als nationaler Art ist, haben die Europäische Kommission (GD XII), die Europäische Umweltbehörde und das Europäische Zentrum für Umwelt und Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam einen internationalen Workshop zum Thema "Auswirkungen von Endokrinstörern auf die Humangesundheit und die Umwelt" (2.-4. Dezember 1996, Weybridge, England) organisiert. Anläßlich des Workshops wurden die Hinweise auf potentielle Risiken der Auswirkungen auf Menschen sowie auf die Natur untersucht, die zur Zeit vorliegenden Daten ausgewertet, ausstehende epidemiologische Fragen identifiziert, mögliche Zusammenhänge mit der Einwirkung von Umweltbelastungsstoffen ausgewertet, und Lücken in den bestehenden Kenntnissen und Erfordernissen der Überwachung und künftigen Forschung identifiziert. Der Workshop kam zu dem allgemeinen Schluß, daß es sich zwar um ein ernstzunehmendes Problem handelt und daß Maßnahmen ergriffen werden müssen, daß es aber noch keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Der Workshop wurde vom britischen Umweltministerium veranstaltet und von einzelstaatlichen Behörden sowie Ämtern aus Deutschland, Schweden und den Niederlanden unterstützt, wie auch von Organisationen der europäischen Industrie (CEFIC, ECETOC) und der OECD. Es waren 79 Teilnehmer aus 11 europäischen Ländern, den USA und Japan, sowie Vertreter der Kommission, WHO, EEA, OECD, ESF, CEFIC und des EEB (Europäischen Umweltbüros) zugegen. Zum ersten Mal wurde dieses bedeutende Thema auf einer derart internationalen Ebene diskutiert, wobei Vertreter von Aufsichtsbehörden, aus der Welt der Wissenschaftler, sowie aus der Industrie und von regierungsunabhängigen Organisationen an den Diskussionen teilnahmen. Es ergaben sich folgende Resultate und Schlußfolgerungen aus dem Workshop: - Es gibt besorgniserregende Gesundheitstrends in Europa, wie u.a. Hinweise auf ein verstärktes Auftreten von Brust- und Testikelkrebs sowie möglicherweise rückläufige Spermienzählungen. Dabei gibt es von einem Gebiet zum anderen starke Schwankungen, und es sind zur Zeit weder die Etiologie noch die Ursache der Schwankungen bekannt, wobei es sich um Umweltverschmutzung, Ernährung, Lebensweise oder genetische Ursachen handeln könnte. - Obwohl in den USA in der Natur drastische Umweltauswirkungen zu beobachten waren, scheint es in Europa zur Zeit noch keine ähnlichen Probleme zu geben; - Es wurde eine gemeinsame, rigorose Definition eines Endokrinstörers oder -disruptors erarbeitet: "Eine exogene Substanz, die im endokrinen System Änderungen herbeiführt, welche schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit von exponierten Organismen bzw. deren Nachkommenschaft hervorrufen." Diese Definition tritt anstelle der zuvor im Gebrauch befindlichen unterschiedlichen Definitionen, was im Hinblick auf die Ausarbeitung von Vorschriften und Verordnungen einen wesentlichen Fortschritt darstellt. Durch die neue Definition wird klargestellt, daß es zwar in unserer Umwelt bzw. unserer Ernährung zahlreiche potentielle Endokrinstörer gibt, daß bisher aber erst eine begrenzte Anzahl von Substanzen als Endokrinstörer nachgewiesen wurden (gegen die bereits mit politischen Maßnahmen vorgegangen wird); - Es wurde erstmals ein Entwurf für eine Reihenuntersuchungs-/-teststrategie erarbeitet, mit deren Hilfe das Risikopotential von Substanzen hinsichtlich Endokrinstörung beurteilt werden soll; - Es liegt auf der Hand, daß die derzeitigen Kenntnisse auf dem Gebiet von Endokrinstörern nicht ausreichen und auf internationaler Ebene eine konzertierte Forschungsaktion erforderlich ist, um diesem Problem beizukommen. Anläßlich des Workshops wurden vorrangige Forschungsbereiche identifiziert; Des weiteren wurde beschlossen, eine dem neuesten Stand entsprechende schriftliche Beurteilung dieses weltweiten Problems aus europäischer Sicht zu verfassen, mit einer Identifikation der Erfordernisse künftiger Forschungs- und Überwachungsarbeit, sowie ggf. Empfehlungen für die Entwicklung von Vorschriften sowohl auf einzelstaatlicher Ebene als auch im Rahmen der Europäischen Union und auf globaler Ebene. Der Bericht müßte gegen Ende Februar 1997 vorliegen und soll auf möglichst breiter Basis verteilt werden.