Forscher rechnen mit höheren IVF-Erfolgsquoten
Zwei britische Wissenschaftler haben einen bedeutenden Fortschritt auf dem Gebiet der künstlichen Fortpflanzungstechnik erzielt, der letztendlich zu einer höheren Erfolgsquote von In-Vitro-Fertilisationen führen könnte. Durch ihre Forschungen gelang es Dr. Dagan Wells und Professor Joy Delhanty von der University College London Medical School, die Copy Number aller Chromosomen in praktisch jeder Zelle eines Embryonen im Reagenzglas zu überprüfen. Bisher war eine vollständige Chromosomenanalyse nicht möglich, weil die verfügbare Technologie die Analyse auf eine geringe Anzahl von Chromosomen pro Zelle beschränkte. Bei den meisten Untersuchungen gelang nur die Prüfung von fünf der 24 unterschiedlichen Chromosomenarten, die in einer Zelle vorhanden sind. Dr. Wells und Professor Delhanty haben jedoch eine neue Technik entwickelt, bei der eine vollständige Genomamplifikation mit vergleichender Genomhybridisierung kombiniert wird, was die Feststellung der Copy Number jedes einzelnen Chromosoms bei den meisten Zellen gestattet. Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass krankhafte Anomalien der Chromosomen eine wesentliche Rolle bei Frühversagen und Fehlgeburten spielen. Die Fähigkeit, Embryonen mit "normalen" Chromosomen zu ermitteln, wird die Ärzte schließlich in die Lage versetzen, nur diejenigen Embryonen zu übertragen, bei denen die größte Chance für einen störungsfreien Schwangerschaftsverlauf besteht. Die Ergebnisse der Wissenschaftler haben auch zu einer weiteren wichtigen Entdeckung geführt: Die Anzahl völlig "normaler" menschlicher Embryonen ist in Wirklichkeit sehr gering. Nur drei von zwölf untersuchten Embryonen wiesen in jeder Zelle die korrekte Anzahl Chromosomen auf. Neun enthielten mindestens eine anormale Zelle, und drei von diesen enthielten überhaupt keine normalen Zellen. Dieses Resultat bestätigt frühere Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass die meisten menschlichen Embryos einen gewissen Anteil anormaler Zellen aufweisen. "Eine kleine Anzahl anormaler Zellen bedeutet nicht automatisch, dass die Implantation des Embryos misslingt oder eine Fehlgeburt erfolgt; dennoch deutet alles darauf hin, dass die Chancen für eine erfolgreiche Schwangerschaft bei einem solchen Embryo deutlich geringer sind als bei einem Embryo mit normalen Chromosomen", so Dr. Wells. "Wir hoffen, dass diese neue Technik den Embryologen bei der Entscheidung hilft, bei welchen Embryonen die höchste Wahrscheinlichkeit für eine normale Implantation und Entwicklung besteht. Indem vorzugsweise solche Embryonen übertragen werden, könnten schließlich höhere Erfolgsquoten für Paare erreicht werden, die sich einer IVF unterziehen." Professor Delhanty fügte hinzu, dass zurzeit die nächste Stufe, nämlich die Verkürzung des Verfahrens, auf dem Programm steht, sodass es nicht nur bei der Routine-IVF, sondern auch zur genetischen Diagnose vor der Implantation eingesetzt werden kann, "wo es noch mehr auf Genauigkeit ankommt, weil Paare betroffen sind, bei denen bereits ein hohes Risiko für die Weitergabe bedenklicher erblicher Veranlagungen besteht". Diese Technik könnte binnen weniger Jahre in vielen IVF-Spezialkliniken für Patienten mit hohem Risiko bereitstehen. Wahrscheinlich wird diese Technik auch auf verschiedenen anderen Gebieten Anwendung finden, so z.B. in der Krebsforschung, in der Gerichtsmedizin und bei der Analyse alter DNS-Proben.