Wissenschaftler zeichnen düsteres Bild der europäischen Meeresumwelt
Die kombinierten Auswirkungen menschlicher Aktivitäten stellen die bisher größte Bedrohung für die europäische Meeresumwelt dar. Dies geht aus einem kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Bericht hervor. Der vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) im Auftrag der Europäischen Kommission erstellte Bericht ist der bisher erste, der ein Umweltbild zu sämtlichen Meeren des Kontinents präsentiert: Er deckt die Ostsee, Nordsee, Irische See, das Schwarze Meer und das Mittelmeer sowie Gebiete des Nordost-Atlantiks ab. Der Forscher und Koautor des Berichts Chris Frid meinte, der Bericht "zeigt uns die relativen Auswirkungen von Fischerei, Umweltverschmutzung und Klimaänderung, sodass wir planen können, wo wir die Mittel in Zukunft investieren müssen". Im Fall der Nordsee bemerkt Dr. Frid zum Beispiel, dass trotz der beträchtlichen Verbesserungen ihres Ökosystems weiterhin große Probleme im Fischereisektor in dieser Region bestünden. Der Bericht zeigt in der Tat, dass die Fischbestände allein im Nordost-Atlantik in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen sind, und von 113 im Jahr 2001 bewerteten Beständen, befinden sich lediglich 18 Prozent weiterhin innerhalb sicherer biologischer Grenzen. Die Dorschbestände in diesem Gebiet sind so niedrig, dass der ICES ein vollständiges Verbot der Fischerei gefordert hat, um diesen Bestände die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen. In dem Bericht heißt es jedoch, dass es nicht nur darum gehe, strengere Fischereibeschränkungen umzusetzen, sondern dass mehr wissenschaftliche Mittel für zentrale Fischereiprobleme bereitgestellt werden müssten. "Die wissenschaftlichen Mittel in diesem Bereich sind weltweit zurückgegangen, während die Nachfrage nach wissenschaftlicher Beratung im Bereich Fischerei angestiegen ist. Diese Diskrepanz zwischen der Nachfrage nach wissenschaftlicher Beratung im Bereich Fischerei und den Daten und der Kapazität zur Bereitstellung von Beratung ist ein ernstes und zunehmendes Problem", so der Bericht. Während der Nordatlantik unter zurückgehenden Fischbeständen leidet, weist der Bericht auf das zunehmende Problem der Quecksilberverschmutzung im Arktischen Meer hin. Es wird davon ausgegangen, dass die Präsenz von Quecksilber auf erhöhte Emissionen in Asien zurückgeführt werden kann, wo noch immer Kohle zur Erzeugung von Strom verbrannt wird. Eine weitere beunruhigende Entwicklung ist die Präsenz von Schadstoffen, die direkt von der Speckschicht von Meeressäugern aufgenommen werden und Fortpflanzungsstörungen, eine reduzierte Lebenserwartung und eine Hemmung des Immunsystems zur Folge haben. Andere wahrscheinliche Auswirkungen, die in dem Bericht genannt sind, sind unter anderem eine erhöhte Verschmutzung durch das Ablassen von Öl, die weitere Schädigung der Küstengebiete aufgrund der Entwicklung im Bereich Wohnen, Freizeit und Handel sowie mehr Regen, der die Überschwemmungen in niedrig liegenden Gebieten verstärken und den Nährstoffgehalt erhöhen wird, der über die Flüsse ins Meer gelangt. Trotz des düsteren Bilds, das der Bericht zeichnet, hofft Dr. Frid, dass er dazu beitragen wird, Interesse, Besorgnis und Verantwortungsbewusstsein auf internationaler Ebene zu erwecken. "Der bedeutendste Aspekt dieses Berichts ist nicht sein Inhalt, sondern die Tatsache, dass er sich an ein breites Publikum richtet. Dies ist kein trockenes technisches Dokument, sondern ein farbiger, gut illustrierter und provozierender Bericht, der erstmals die europäischen Bürger über den Zustand ihrer Meere informieren wird. Dies bedeutet, dass wir uns alle an den Diskussionen beteiligen können, die zur Erstellung einer Europäischen Meeresstrategie führen werden, einem Plan, wie unsere Meere in Zukunft aussehen sollen."