Busquin - Europa sollte Motor für eine verstärkte internationale Zusammenarbeit sein
"Europa ist keine Festung, es ist offen für die Welt", sagte EU-Forschungskommissar Philippe Busquin in einem Interview mit CORDIS-Nachrichten als Erklärung für seine zahlreichen Überseereisen in den letzten Monaten. Die Forschungszusammenarbeit zwischen der EU und Drittländern hat sich in den letzten paar Jahren erheblich verstärkt mit der Schaffung wirklicher internationaler Projekte und Diskussionen in Bereichen wie armutsbedingte Krankheiten, Weltraum, Kernfusion, Wasserstoff und Genomik. Kooperationsabkommen in den Bereichen Wissenschaft und Technologie wurden ebenfalls mit einer Vielzahl von Ländern, einschließlich Chile, Marokko, Tunesien, Argentinien und Russland, unterzeichnet. Der Kommissar will jedoch mehr als die bloße Unterzeichnung eines Abkommens. "Mein Gedanke ist, dass sie mehr als einfach formale, diplomatische Abkommen sein können. Sie sollten Abkommen sein, die tatsächlich genutzt werden", so Busquin. "Hierzu müssen wir Forscher aus Drittländern zur Teilnahme am Rahmenprogramm ermutigen - was sie auch tun - und zwar sehr viel stärker als dies bei dessen Vorgänger der Fall war." Der Grund für die Reisen nach Nord- und Südafrika sowie nach Chile habe darin bestanden, "den Menschen Europa im Bereich der Forschung ins Bewusstsein zu rücken und zu sagen, dass wir offen für Partnerschaften überall in der Welt sind", so der Kommissar. "Ich habe immer gesagt, dass Europa erfolgreich sein wird und dass der Europäische Forschungsraum effektiv sein wird, wenn die besten Forscher der Welt nach Europa kommen." Die Besuche des Kommissars in Südafrika, Tansania, Mosambik, Tunesien und Marokko könnten als Signal für eine neue Ära der Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika gedeutet werden. Bei seiner Reise nach Südafrika nahm er an der Konferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) teil und drängte auf die Mobilisierung afrikanischer Regierungen für das Programm der europäischen und Entwicklungsländer für klinische Versuche (European and Developing Countries Clinical Trials Programme - EDCTP). Im Rahmen der Initiative werden insgesamt 600 Millionen Euro für Forschungsmaßnahmen zu HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose bereitgestellt. "Afrika hat Probleme und natürlich werden wir Afrika unterstützen, aber nicht nur in Bezug auf die Entwicklung. Es ist eine Partnerschaft", so Busquin. Es sei äußerst wichtig, dass afrikanische Forscher an der Initiative teilnehmen und dass sie dabei eine eigene Forschungsinfrastruktur entwickeln, betonte er. Starke Partnerschaften können schwierig sein, da einige Länder der Forschung nicht die gleiche Priorität einräumen, wie dies in Europa der Fall ist, bzw. sich dies nicht leisten können. Der Kommissar räumt diese Schwierigkeit ein, aber seine Treffen in Afrika stimmen ihn optimistisch. Er war beispielsweise "beeindruckt", welch hohe Priorität Forschung und Innovation in Tunesien haben. Die Regierung erkennt an, dass es wichtig ist, die 31 Prozent der Bevölkerung zwischen 19 und 24 Jahren, die sich derzeit an der Universität befinden, auf ihren Abschluss vorzubereiten. Und dies in einem Land mit einer sehr jungen Bevölkerung. Busquin sprach von einem enormen Interesse in Afrika für eine Zusammenarbeit mit Europa. "Sie können es nicht ganz alleine tun, sondern benötigen eine Partnerschaft dafür, und warum nicht mit Europa? Europa ist der nächste und offenste Partner", sagte er unter Bezugnahme insbesondere auf Tunesien. Wie in jeder soliden Beziehung sei Geben und Nehmen der Schlüssel zum Erfolg und der Kommissar besteht darauf, dass Europa von der Zusammenarbeit mit weniger entwickelten Ländern profitieren werde. Busquin zufolge sind die Genforschung in Tunesien, wo Teile der Bevölkerung isoliert geblieben sind, und Ozeanographie in Chile Bereiche, in denen die EU von Wissen und Erfahrung, die zu Hause nicht zur Verfügung stehen, profitieren kann. Ein anderer Bereich, in dem die EU die Zusammenarbeit mit Drittländern verstärkt hat, ist die Weltraumforschung. Ein kürzliches Konsultationsverfahren zum Thema Europa und der Weltraum hat ergeben, dass internationale Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung ist. Aber wird diese zu einer Stärkung oder zu einer Schwächung der europäischen Raumfahrtpolitik führen, die die Beteiligten in der EU so eifrig aufbauen wollen? "Wir wollen eine kohärente Entwicklung in Europa, aber wir werden nicht so handeln, als ob die anderen nicht existieren", erklärte Busquin. Die Priorität bestehe darin, dass Europa bei der Gründung solcher Initiativen für eine Zusammenarbeit der "Motor" bleibe, führte er weiter aus. Galileo wird bisher als "Europäisches Satellitennavigationssystem" beschrieben. Die Bezeichnung muss angesichts des Beitritts Chinas zu dem Projekt und des Beitrittsinteresses von Indien und Israel möglicherweise geändert werden. Dies sollte jedoch als eine Stärkung des Projekts angesehen werden, meint der Kommissar: "Es ist großartig, dass Europa Galileo entwickelt, allerdings auf globale Art. Das Navigationssystem sollte so umfangreich wie möglich sein. [...] Es gab viel Widerstand gegen Galileo, insbesondere von Seiten der USA, aber Galileo wird nunmehr anscheinend von anderen allgemein anerkannt. Dies ist der Beweis für die Absicht Europas, die Zusammenarbeit um es herum zu fördern. Dies ist politisch sehr wichtig." Diese neue Einstellung gegenüber einer Zusammenarbeit mit Drittländern spiegelt sich im Entwurf des Sechsten Rahmenprogramms wider. Während in der Vergangenheit ein spezifisches Programm Fördermittel für Projekte mit Beteiligung von Nicht-EU-Forschern bereitstellte, können sich heute Teams von außerhalb Europas an einem beliebigen vorrangigen Themenbereich beteiligen. Der Kommissar ist ferner der Meinung, dass die neuen integrierten Projekte, die größer sind als Projekte, die unter den früheren Rahmenprogrammen finanziert wurden, die Zusammenarbeit für Forscher aus Drittländern attraktiver machen. "Eine Menge kleinerer Projekte ist weniger attraktiv", so Busquin. Der Kommissar hat Beweise zur Unterstützung seiner Behauptung - an einigen der von der Kommission angenommenen integrierten Projekte sind amerikanische oder japanische Partner beteiligt und diese werden daher einige Fördermittel aus diesen Ländern erhalten.
Länder
Chile, Marokko, Mosambik, Tunesien, Tansania, Südafrika