EU muss bereit sein, Risiken einzugehen, sagt Prodi dem Europäischen Wissenschaftskongress
Politiker, Wissenschaftler und Interessengruppen aus ganz Europa kamen am 6. April zum ersten Tag des Europäischen Wissenschaftskongresses in Brüssel zusammen, der auf die Initiative des Parlamentsausschusses für Industrie, Außenhandel, Forschung und Energie (ITRE) organisiert wurde. Thema das Kongresstages war die Art und Weise, in der die Wissenschaftsforschung in Europa im Kontext des EU-Ziels von Lissabon, bis zum Jahr 2010 die wettbewerbsfähigste Wirtschaft der Welt zu werden, gefördert werden kann. Die Debatten am Nachmittag hatten die bisherigen Leistungen Europas zum Gegenstand. In seiner Einführung in die Veranstaltung sagte Kommissionspräsident Romano Prodi den Delegierten: "Vor vier Jahren haben wir versprochen, die Lissabon-Ziele gemeinsam zu erreichen, aber wir haben, wenn wir ehrlich sind, unsere Ziele nicht erreicht. In Barcelona haben wir 2002 gesagt, dass wir im Jahr 2010 drei Prozent des europäischen BIP in die Forschung investieren müssen - ein Ziel, das wir noch erreichen können - aber heute, im Jahr 2004, sind wir davon eigentlich noch weiter entfernt. Das ist nicht gerade der beste Weg, eine Herausforderung in Angriff zu nehmen." Prodi drängte die europäischen Entscheidungsträger in der Politik, mutig genug zu sein, um die erforderlichen Entscheidungen zu treffen und Risiken einzugehen. "Wenn wir keine Risiken eingehen, garantieren wir Mittelmäßigkeit," folgerte er. Eine der größten Stärken der USA sei, dass sie gelernt hätten, "groß genug zum Versagen" zu sein, wohingegen Europa sich oft genug zu lange mit Diskussionen aufhalte und es vermeide, riskante Entscheidungen zu treffen, fügte er hinzu. Prodi hob zwei miteinander verknüpfte Bereiche besonders hervor, in denen die Europäer ihre Anstrengungen steigern sollten: Integration und Mobilität. Er erläuterte, dass Europa ein kontinentweites Forschungssystem brauche, in dem Forschungszentren und Universitäten Exzellenzzentren im Rahmen eines integrierten Forschungsraums bildeten. Nach Meinung des Kommissionspräsidenten sei eine tiefer gehende Integration außerdem notwendig um die Mobilität von Forschern anzuregen: "Wenn heutzutage ein Forscher ins Ausland geht tut er dies auf eigene Gefahr, da Karrierechancen immer noch oft an die nationalen Systeme gebunden sind. Wir sollte aber die Forscher nicht für die Erweiterung ihres Horizonts bestrafen." Die Migration von Forschern zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor sei ebenfalls notwendig um Investitionen der Industrie in die Wissenschaft anzuregen, fügte er hinzu. Die Migration von Forschern war auch ein Schwerpunktthema der Rede des irischen Ministers für Bildung und Wissenschaft, Noel Dempsey, der die derzeitige EU-Präsidentschaft vertrat. Was Herrn Dempsey am meisten Sorgen bereitete war die Tatsache, dass rund 400.000 der besten Forscher Europas sich derzeit in den USA aufhalten. "Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden," sagte Dempsey, "die Mobilität ist ein bedeutender Faktor bei der Aneignung von Wissen, aber wir dürfen Mobilität nicht mit der Abwanderung von wissenschaftlichen Talenten verwechseln. Nur jeder zehnte dieser Forscher entscheidet sich für eine Rückkehr nach Europa, und das sagt viel über unsere Forschungsgrundlage aus." Der Minister warnte jedoch vor Fatalismus und wies auf die Fortschritte hin, die sein Land im vergangenen Jahrzehnt gemacht habe. Der Fortschritt Irlands im Bereich der Forschung baue auf finanziellen Entscheidungen auf, die einzig auf der Grundlage wissenschaftlicher Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit getroffen wurden, sagte er, was wiederum die Forschungseinrichtungen und Universitäten dazu gebracht habe, sich auf dieselben Prinzipien zu konzentrieren. Der Geschäftsführer der Europäischen Wissenschaftsstiftung, Professor Bertil Andersson, sah gleichfalls Zeichen der Ermutigung für Europa. Zwar sei es wahr, dass keine europäische Universität derzeit unter den ersten zehn Institutionen sei, die in den letzten 15 Jahren einen Nobelpreis erhalten haben, allerdings sollte die Tatsache, dass es sich bei vielen Einrichtungen in der Liste um Neulinge handele, Europa die Hoffnung geben, dass die Situation umgekrempelt werden kann, erläuterte er. Professor Andersson schlug eine europäische Forschungsumgebung vor, die auf fünf Säulen ruht: ein europäischer Forschungswettbewerb ("eine Art Champions League für die besten Wissenschaftler"), Infrastruktur und Mobilität, Technologieplattformen, Exzellenznetzwerke und die Koordinierung nationaler Aktivitäten. Eine derartige Struktur böte seiner Ansicht nach einen besseren Ausgleich zwischen der Grundlagen- und Angewandten Forschung und der Innovation als dies heute der Fall sei. In seiner Intervention sagte der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Professor Alejo Vidal-Quadras, dass er die Hoffnung habe, der Europäische Wissenschaftskongress werde den europäischen Entscheidungsträgern in der Politik mit dem Näherrücken der europäischen Wahlen ein wachsendes Bewusstsein für die Dringlichkeit einflößen. Professor Vidal-Quadras zollte den Leistungen des Forschungskommissars Philippe Busquin Tribut, der "das Konzept eines Europäischen Forschungsraums mit großer Energie und Erfolg vorangetrieben" habe. Professor Vidal-Quadras leitete eine abschließende Meldung des französischen Nobelpreisträgers für Chemie, Professor Jean-Marie Lehn, an den Kongress weiter: "Was ich hinzufügen kann ist, dass es für die EU von absoluter Wichtigkeit ist, die Wissenschafts- und Grundlagenforschung mehr und stärker zu fördern. [...] Es ist nun mehr als je zuvor an der Zeit, auf Worte Taten folgen zu lassen."