Erhöhte Mobilität und Zugang zu Strukturfonds sollte Forschung nach dem 1. Mai ankurbeln, sagt Präsidentin des Estnischen Parlaments
Viele Politiker in den EU-Beitrittsländern Mittel- und Osteuropas erkennen mit Stolz, dass sie in ihren Ländern über Inseln der Forschungsexzellenz verfügen und dass sie seit dem Niedergang des Kommunismus einen weiten Weg zurückgelegt haben. Viele ebendieser Politiker geben jedoch weniger stolz zu, dass sie immer noch ein wenig Hilfe von ihren Nachbarn in den älteren Mitgliedstaaten benötigen. Ene Ergma, Präsidentin des Estnischen Parlaments und selbst Wissenschaftlerin, gehört zu diesen Politikern. Sie sprach am 26. April mit CORDIS News über die Probleme, mit denen die estnische Forschung immer noch zu kämpfen hat. "Alle Beitrittsländer haben dieselben Probleme," sagt Professor Ergma. "Das Hauptproblem ist die Infrastruktur. Unsere Gehälter sind viel niedriger als diejenigen in den alten Mitgliedstaaten, aber unsere Lebenshaltungskosten auch. Wenn man aber nun etwas kaufen möchte, zum Beispiel einen Apparat oder einige Geräte, dann muss man genauso tief in die Tasche greifen und das ist ein großes Problem." Sie betont dann, dass Estland nun über denselben Lebensstandard verfüge wie die westlichen Mitgliedstaaten. Wenn wir nun aber versuchen, uns daran zu erinnern wie die Lage in Estland und anderen Ländern östlich des Eisernen Vorhangs kurz nach dem Fall der Mauer in Berlin war, wird klar, welch große Schritte nach vorn gemacht wurden. "Die Situation in der Sowjetunion war ziemlich schlecht, und zehn Jahre nach der Befreiung ist unsere gesamte Infrastruktur noch immer in einem schlechten Zustand," erläutert Professor Ergma. Allerdings seien die Aussichten positiv: "Wir hoffen, im nächsten Jahr ein Infrastrukturprogramm starten zu können. Für uns geht es dabei um viel Geld, für Leute außerhalb Estlands ist der von uns benötigte Betrag nicht so groß." Der Forschungshaushalt von Estland belaufe sich derzeit auf 3Mrd. Euro, sagt Professor Ergma. Nach den "Schlüsselzahlen" der Europäischen Kommission stellten die Forschungsausgaben im Jahr 2001 0,79% des BIP dar, obwohl Estland die größte Wachstumsrate aller Beitrittsländer und aller Mitgliedstaaten - mit Ausnahme Griechenlands - für Forschungsausgaben zwischen 1997 und 2001 aufweist. Deshalb hofft Professor Ergma darauf, dass Estland und die weiteren Beitrittsländer von den Strukturfonds der EU profitieren, die traditionellerweise als Finanzinstrumente für die Kohäsionspolitik der EU verwendet werden. Sie sieht diese Option als provokativ an und insistiert, dass der Europäische Forschungsraum (EFR) mehr Investitionen brauche, wenn er wettbewerbsfähig sein wolle. Estland erwarte allerdings nicht, dass die Erweiterung all seine Probleme löse. Nächstes Jahr will die Regierung eine Reihe neuer Instrumente zur Stärkung der Forschungsbasis des Landes einführen. Die Initiativen umfassen die Gründung neuer Zentren für Industrieforschung und Technologie, Graduiertenkollegs, ein neues System zur Vergabe von Stipendien und ein Programm für Auslandsaufenthalte von Studenten. "Meiner Meinung nach werden diese Maßnahmen unsere Forschung und Entwicklung verbessern," kommentiert Professor Ergma. Neben der Infrastruktur will Estland weitere Herausforderungen in Angriff nehmen, die ebenfalls als die Forschung beeinträchtigend identifiziert wurden. Eines der größten Probleme des Landes sei, so Professor Ergma, das mangelnde Interesse der Studenten für wissenschaftliche Fachbereiche. Die Mehrzahl der Studenten entscheide sich gegenwärtig für Abschlüsse in Jura, BWL oder Soziales. Für Professor Ergma gehört auch die stärkere Beteiligung von Frauen in den Wissenschaften zu den Prioritäten. Ein weiteres Problem, und nicht allein in Estland, seien fehlende private Investitionen in die Forschung und Entwicklung (FuE). "Der private Sektor ist nach wie vor nicht an Investitionen in FuE interessiert und ich bin nicht sehr optimistisch, dass sich das schnell ändern wird," sagt Professor Ergma. Die letzte große, von der Präsidentin des Parlaments identifizierte Herausforderung ist die Tatsache, dass "junge Forscher zu viel Zeit im Ausland verbringen." Die Abwanderung von wissenschaftlichen Talenten könne sich durch die Erweiterung verschärfen, glaubt Professor Ergma, gibt aber gleichzeitig ihrer Hoffnung Ausdruck, dass EU-Mittel in Verbindung mit dem entstehenden EFR das Phänomen eindämmen werden. "Die Erweiterung wird unseren jungen Menschen die Möglichkeit bieten, hinaus zu gehen und weg zu bleiben, aber für uns ist es wichtig, dass sie zurückkommen, und deshalb spreche ich über die Infrastruktur. Sie können junge Menschen nicht bitten, zurückzukommen und in alten Laboren mit alten Geräten und anderen alten Dingen zu arbeiten. Junge Leute wollen die besten Bedingungen und das ist schließlich verständlich. Wir hoffen, dass wir dies innerhalb des Europäischen Forschungsraums gut bewältigen." Die Esten zum Bleiben zu ermuntern ist vielleicht eine gar nicht so schwere Aufgabe. Dem Land geht es in Bereichen wie Informationstechnologie (IT) besonders gut - Estland führt weltweit bei der Anzahl der Internet-Anschlüsse pro Kopf. "Estland hat wirklich große Arbeit geleistet. Wir wenden IT in unserem Alltagsleben an," erzählt Professor Ergma CORIDS News. Sie hebt andere Stärken wie die Biotechnologie, Gentechnik und Werkstoffkunde hervor, ist aber realistisch was die Kapazität ihres Heimatlandes zum Erzielen von Spitzenergebnissen auf allen Gebieten angeht. "Estland kann nicht in allem sehr gut sein und deshalb müssen wir nun Spezialisten hervorbringen," sagt sie. Die Sektionen der europäischen Forschungsgemeinschaft sind sich der Stärken Estlands für eine Weile bewusst gewesen. Das Land war während des Fünften Rahmenprogramms (RP5) der Europäischen Kommission in 175 Forschungsprojekten vertreten und koordinierte 23 davon. Die ersten Ergebnisse der ersten Aufforderung des RP6 zur Einreichung von Vorschlägen lassen erkennen, dass Estland seine Beteiligung am RP6 bedeutsam erhöhen wird.
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