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Inhalt archiviert am 2023-01-20

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Ergebnis aus RP5-Projekt: Nationale und Europäische Identitäten sind miteinander vereinbar

Selbst in den besten Zeiten kann die Analyse der Vorstellungen der Menschen von Identität eine Herausforderung darstellen. Es gibt z.B. keine Standardform der nationalen Identität, denn unser jeweiliger Bildungsstand und unsere Erfahrungen spielen bei der Formung unserer Wahrn...

Selbst in den besten Zeiten kann die Analyse der Vorstellungen der Menschen von Identität eine Herausforderung darstellen. Es gibt z.B. keine Standardform der nationalen Identität, denn unser jeweiliger Bildungsstand und unsere Erfahrungen spielen bei der Formung unserer Wahrnehmung eine wichtige Rolle. In Anbetracht dessen erscheint die Analyse der Beziehung, die die Bürger neun verschiedener Länder nicht nur zu ihrer eigenen Nation sondern auch zu Europa und der EU haben, eine geradezu beängstigende Aufgabe. Genau dies ist jedoch das Ziel eines von der Kommission finanzierten Forschungsprojekts. Das Projekt EURONAT - Darstellung Europas und der Nation in derzeitigen und zukünftigen Mitgliedstaaten - begann im September 2001 und erhielt Fördermittel in Höhe von knapp einer Million Euro unter dem Bereich "Ausbau des Potenzials an Humanressourcen für die Forschung und Verbesserung der sozioökonomischen Wissensgrundlage" des Fünften Rahmenprogramms (RP5). Das Projektkonsortium veranstaltete am 7. Juni in rüssel ein öffentliches Seminar, um erste Ergebnisse vorzustellen. Das Konsortium setzt sich aus Universitäten aus acht Ländern zusammen (Spanien, Griechenland, Vereinigtes Königreich, Polen, Deutschland, Ungarn und Tschechische Republik) und wird vom Europäischen Hochschulinstitut in Italien koordiniert. Die Aufgabe der Partner bestand darin, die Darstellung von Europa und der Nation in den Medien, den politischen und gesellschaftlichen Eliten sowie der Zivilgesellschaft in neun europäischen Ländern zu analysieren, und zwar unter besonderer Berücksichtigung des EU-Erweiterungsprozesses. Beteiligt waren auch drei neue Mitgliedstaaten. In jedem Land wurden quantitative und qualitative Analysen durchgeführt, Fragebögen ausgefüllt und detaillierte Interviews geführt. Zu den Zielen dieses Forschungsprojekts zählt es, das Wissen über die Vorstellungen von Europa und der Nation zu prüfen und auszuweiten, das Ausmaß zu ermitteln, in dem sich nationale Loyalität und die Identifizierung mit Europa und der EU gegenseitig ausschließen, sowie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Bild von der Nation und von Europa in den Medien, bei den Eliten sowie Zivilpersonen herauszustellen. Dr. Atsuko Ichijo von der London School of Economics untersuchte die Frage, ob oder ob nicht das Gefühl von nationaler Loyalität und europäischer Identität sich derart gegenseitig ausschließen, wie es die Daily Mail und die UK Independence Party manchmal glauben lassen möchten. "Nationale und europäische Identitäten sind miteinander vereinbar - diese Tatsache wurde in unseren Umfragen und Interviews bestätigt. Selbst im Vereinigten Königreich gibt es Menschen, die aussagten, sich als Europäer zu fühlen. Interessanterweise gaben 92 Prozent von diesen an, dass sie sich ebenfalls als Briten fühlten. Darüber hinaus erklärten 50 Prozent derjenigen Briten, die angaben, sich nicht als Europäer zu fühlen (weit mehr als die Hälfte), dass sie sich genauso wenig als Briten fühlten", erklärte Dr. Ichijo. Ferner fand Dr. Ichijo heraus, dass die Menschen in der Lage sind, ihre europäische, nationale und sogar EU-Identität voneinander zu trennen. Beispielsweise machten viele Befragte einen Unterschied zwischen ihren Vorstellungen von Europa im Sinne einer kulturellen und historischen Vergangenheit und der EU, die durch modernere politische Formen und Institutionen repräsentiert wird. "Durch unsere Forschung wird nicht nur aufgezeigt, dass das Argument der Unvereinbarkeit hinfällig ist, sondern auch, wie getrennte europäische, EU- und nationale Identitäten sich zu einem bedeutungsvollen Ganzen zusammenfügen können", fügte sie hinzu. Professor Nikos Kokosalakis von der Panteion Universität in Athen, Griechenland, erklärte, dass sich bei der Arbeit des Teams drei Grundkategorien von Bürgern herausgebildet haben. Den häufigsten Typ bezeichnete er als den "ethnozentrischen offenen" Bürger, für den der eigene Staat an erster Stelle stehe, der jedoch auch die europäische Integration ohne jegliche Unvereinbarkeiten unterstützen könne. Die zwei weiteren und sehr viel kleineren Kategorien bestünden aus dem "ethnozentrischen verschlossenen" Typ, der sich stark mit der Nation identifiziere und die europäische Integration ablehne aus Angst, diese nationale Identität zu verlieren, sowie dem "pluralistischen kosmopolitischen" Typ, der sich zunächst mit Europa und dann erst mit seinem eigenen Land identifiziere. "In jedem Land gibt es Minderheiten, die Europa gegenüber negativ, fast bis hin zum Rassismus, eingestellt sind", erklärte Professor Kokosalakis gegenüber CORDIS News. "Die Mehrheit jedoch bringt ihre nationale Identität in ihre europäische Identität mit ein." Auf die Bitte hin, die Gefühle des "pluralistischen kosmopolitischen" Bürgers gegenüber Europa zu beschreiben, zitierte Professor Kokosalakis einen Befragten mit den Worten "durch Fremde kann man sich selbst am besten verstehen", und gab an, dass viele dieser Bürger eine "Agonie für die Zukunft Europas" empfänden, die in Zeiten moralischer Meinungsverschiedenheiten, wie z.B. während des letzten Irakkriegs, zum Ausdruck komme. "Man ist sich darüber einig, dass Europa noch im Aufbau befindlich ist und durch Konflikte zurückgeworfen werden könnte, und genau dies ist die Quelle für die Agonie dieser aufgeklärten Bürger. Selbst die ausführlichen Verhandlungen über den Vertrag von Nizza wurden beispielsweise als normal und positiv betrachtet, da ihr europäischer Traum davon nicht untergraben wurde. Ein moralischer Konflikt jedoch wie der in Bezug auf den Irak bedroht die Grundlage des europäischen Ideals", erklärte Professor Kokosalakis. Bei der Analyse der Darstellung von Europa und der EU in den Medien beschloss das Team, sich auf zwei große Ereignisse in der jüngeren EU-Geschichte zu konzentrieren, und zwar auf den Europäischen Rat von Nizza im Jahr 2000, auf dem letztendlich nach dem bisher längsten EU-Gipfel der Geschichte Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Gewichtung der Stimmen jedes einzelnen Mitgliedstaats in einer erweiterten Union gelöst wurden, und auf die Einführung des Euro. "Diese beiden Ereignisse demonstrieren, wie drastisch sich die Stimmung in den Medien in Europa verschieben kann", so Professor Bo Stråth vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Die Einführung des Euro, erklärte Professor Stråth, sei von den Medien als ein Symbol für das neue vereinte Europa bezeichnet worden. "Die Euphorie machte Platz für die EUphorie und die Medien verwendeten eine sehr symbolische Sprache." Als jedoch die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel von Nizza die bisher größte Erweiterung in der Geschichte der EU beschlossen und damit ein Signal für das definitive Ende des Kalten Kriegs setzten, konzentrierten sich die Medien auf Themen wie die Abstimmung und andere kurzfristige politische Fragen. "Unsere Analyse deutet darauf hin, dass die Medien die interne politische Agenda widerspiegelten, ein Mangel an EU-Identität ließ sich jedoch nicht feststellen." Professor Stråth machte einen deutlichen Unterschied zwischen denjenigen Zeitungen in Europa, die sich an "intellektuelle Leser" richten und über die Feinheiten der verschiedenen Fragestellungen berichteten, und der "Boulevardpresse", die auf populistische Methoden zurückgriff und versuchte, komplexe Fragen auf sehr simple Begriffe zu reduzieren. "Insbesondere die britische Presse hebt sich von den anderen ab - dort herrscht die Meinung, dass das Vereinigte Königreich nicht innerhalb Europas, jedoch auch nicht außerhalb Europas, sondern irgendwo dazwischen liegt", erklärte er. Bei der Beurteilung der Haltung gegenüber der EU-Erweiterung stellte das Team fest, dass je weniger gebildet und mobil ein Bürger ist, auch die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass er positive Ansichten über den Vorgang äußert, unabhängig davon, ob er in einem neuen oder alten Mitgliedstaat lebt. Bei einigen schien auch das Gefühl zu herrschen, dass nach der Erweiterung die Grenzen der EU fester seien und dass Nachbarländer wie z.B. Russland oder die Türkei "draußen" bleiben sollten. In den neuen Mitgliedstaaten herrscht vor allem die Meinung vor, dass die "Integration eine Notwendigkeit ist", wobei diese Einstellung sowohl Ängste (vor wirtschaftlicher Annexion oder Ausbeutung) als auch Hoffnungen (auf neue Chancen und für zukünftige Generationen) umfassen kann. Abschließend erklärte Professor Kokosalakis: "Bei Europa handelt es sich um ein sehr unklares Konzept. Genau diese Unklarheit ermöglicht es jedoch so vielen Menschen, sich als Europäer zu fühlen." Er gab an, dass Europa über ein sich veränderndes Image verfüge, dass jedoch viele Menschen die gemeinsame Vorstellung eines sich entwickelnden Europas teilten. "Dieser Prozess [der europäischen Entwicklung] erscheint den meisten Bürgern unaufhaltsam. Sie können sich nicht das Ende von Europa vorstellen und möchten wissen, was passieren wird und welche Art von Europa sie für ihre Kinder aufbauen", schloss er ab.

Länder

Österreich, Tschechien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Ungarn, Italien, Polen, Vereinigtes Königreich

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