Politiker, Professoren und Aktivisten fordern nachhaltige, GVO-freie Landwirtschaft
"Wir werden unseren Kampf gegen GVO fortsetzen, auch wenn wir dafür Strafen in Kauf nehmen oder sogar ins Gefängnis gehen müssen", erklärte José Bové, einer der führenden französischen Aktivisten gegen gentechnisch veränderte Organismen, gegenüber Experten und politischen Entscheidungsträgern auf einer Konferenz in Brüssel am 20. Oktober. Bové rechtfertigte eine Kampagne zivilen Ungehorsams in Frankreich, in deren Rahmen es bisher zur Zerstörung verschiedener Versuchsfelder mit gentechnisch verändertem Saatgut kam, was von führenden nationalen Forschern scharf verurteilt wurde. "Die individuelle, lokale und regionale Demokratie [in Frankreich] funktioniert nicht. Wenn wir nicht im Rahmen der Gesetze arbeiten können, müssen wir es eben außerhalb tun", erklärte er. Bové beschuldigt die französische Regierung des Versuchs, gentechnisch verändertes Saatgut einzuführen, ohne zunächst die erforderliche öffentliche Debatte zu führen, und dies trotz der Tatsache, dass "die Mehrheit der französischen Bevölkerung immer schon gegen die Einbringung von GM-Material in Nahrungsmittel war." Er führt an, dass die Regierung einfach rücksichtslos weiter voranschreite, obgleich die Mehrheit der Bürgermeister und regionalen Behörden ihre Gebiete für GVO-frei erklärt habe. Da einige Umweltorganisationen das Argument anführen, dass mehr Forschung zu den Auswirkungen von GVO auf die Gesundheit und die Umwelt erforderlich sei, bat CORDIS News Bové, die Zerstörung der feldbasierten Versuche zu rechtfertigen. "Ich bin einverstanden, dass mehr Grundlagenforschung zu den Auswirkungen von GVO auf die Umwelt sowie die Gesundheit von Mensch und Tier erforderlich ist. Diese kann jedoch in Laboratorien und stärker überwachten Umgebungen erfolgen", erklärte er. "Die Wahrheit ist, dass diese Feldversuche in Frankreich im Auftrag der Industrie durchgeführt und somit in Wirklichkeit die industriellen Verwertungsmöglichkeiten von GVO untersucht werden", so Bové. Er führt an, dass während des De-facto-Moratoriums der EU über die Zulassung von GVO private Unternehmen weiterhin neue Sorten getestet haben, um diese zertifizieren zu lassen, damit direkt nach der Aufhebung des Moratoriums mit der Vermarktung begonnen werden konnte. Bovés Ablehnung von GVO beruht letztendlich auf seiner Vorstellung einer nachhaltigen Landwirtschaft: "Eine Koexistenz von gentechnisch verändertem und nicht gentechnisch verändertem Saatgut ist nicht möglich, da diese beiden grundlegend unterschiedlichen landwirtschaftlichen Ansätze nicht nebeneinander existieren können. Und wir wissen, dass mit dem Tag, an dem gentechnisch veränderte Nahrungsmittel in das nationale System gelangen, die weitere Entwicklung nicht mehr aufzuhalten sein wird." Auf das Konzept der nachhaltigen Landwirtschaft wurde auf der Veranstaltung mit dem Untertitel "Science for a GM free sustainable Europe" von einigen Sprechern Bezug genommen. Professor Peter Saunders vom King's College London erklärte, dass die moderne Landwirtschaft auf dem traditionellen Wissen beruhen sollte, dass über die vergangenen Jahrhunderte hinweg entwickelt wurde. "Dies bedeutet nicht, dass alles auf altmodische Art und Weise erfolgen soll, denn wir haben schließlich den Vorteil der modernen Wissenschaft. Das Problem beim traditionellen Wissen ist, dass die Unternehmen es nicht patentieren lassen können, wohingegen sie bei den GVO Patente auf Pflanzensorten erwirken können", fügte er hinzu. Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft, so Professor Saunders, haben wir eine reichlich vorhandene Ressource - menschliche Arbeit - durch nicht erneuerbare Ressourcen in Form von fossilen Brennstoffen ersetzt, "und all dies aus Gründen der Effizienz". Er führte an, dass GVO die Ernte nicht größer ausfallen lassen, dafür jedoch größere Mengen an Herbiziden erforderlich machen und nur für die Saatguthersteller Vorteile bringen, nicht jedoch für die Landwirte oder Verbraucher. Professor Saunders Anmerkungen wurden von Dr. Mae-Wan Ho, Leiterin des britischen Institute of Science in Society, aufgriffen, die erklärte: "Das von der Wissenschaft in den vergangenen 40 Jahren angebotene Landwirtschaftsmodell beruht auf hohen Erträgen durch einen hohen Input und hat zu einem Verlust der Artenvielfalt geführt. Artenvielfalt und Produktivität gehören jedoch zusammen und die Landwirte haben dies auch immer gewusst. Forschungsergebnisse zeigen, dass Felder mit einer großen Artenvielfalt bis zu drei Mal produktiver sind als industriell bewirtschaftete Felder." Auf der Seite der politischen Entscheidungsträger kritisierte Michael Meacher, britischer Umweltminister von 1997 bis 2003, offen die mit der Einführung von GVO einhergehende Kommerzialisierung und Politisierung der Wissenschaft. "Nur wenige Unternehmen verfügen über das für gentechnische Veränderungen erforderliche Wissen und die von diesen Unternehmen durchgeführte Forschung wird niemals auch nur veröffentlicht, wenn sie im Konflikt zu den eigenen wirtschaftlichen Interessen steht, was ein unmöglicher Zustand ist", erklärte er. Als das britische Advisory Committee on Releases to the Environment (ACRE) im Anschluss an Feldversuche erklärte, dass "es keinen Hinweis darauf gibt, dass gentechnisch verändertes Saatgut ein größeres Risiko für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt darstellt als nicht gentechnisch verändertes Saatgut", habe dies daran gelegen, dass bei den Versuchen nicht ausdrücklich nach derartigen Hinweisen gesucht wurde und die Behörden sich weiterhin auf die von der Biotechnologie-Industrie durchgeführte Forschung verlassen, fügte Meacher hinzu. Der ehemalige Minister kritisierte außerdem die Zusammensetzung der Regierungsbeiräte und Behörden und führte an, dass Schätzungen zufolge 40 Prozent der Mitglieder dieser Organe finanzielle Verbindungen zur Biotech-Industrie haben. Er forderte, dass Fördermittel für die GVO-Forschung vollständig aus öffentlichen Quellen stammen müssen, und erklärte, dass Autoren wissenschaftlicher Artikel in Fachzeitschriften ihre aktuellen und früheren Finanzierungsquellen offen legen sollten. Meacher bezeichnete die Behauptungen der USA bei der Welthandelsorganisation (WTO) als absurd, laut denen die EU-Politiken zu GVO die Entwicklung der Technologie behindern sowie zum Welthunger beitragen. "Die USA verfolgen andere Ziele - sie wollen andere Länder einschüchtern, damit diese sich den Interessen der eigenen Biotechnologie-Industrie anschließen. Dieser Schuss wird jedoch nach hinten losgehen." Abschließend räumte Meacher allerdings ein, dass es unrealistisch sei, auf ein absolutes Verbot des Anbaus und Einsatzes gentechnisch veränderter Organismen in der EU zu hoffen. Er gab an, dass ein neuer Ansatz verfolgt werden müsse, der auf systematischen Forschungsprogrammen zu den Auswirkungen der Technologie auf Umwelt und Gesundheit basiert, dass die Zulassungskriterien für neuartige Lebensmittel so erweitert werden müssen, dass auch eine mögliche Schädigung der Nachhaltigkeit der Landwirtschaft berücksichtigt wird, und dass eine Veränderung der Vorschriften zur Artenvielfalt erforderlich sei, durch die es unmöglich werde, Pflanzensorten patentieren zu lassen.