Kommission richtet Forum für die Förderer der Grundlagenforschung im Bereich der Biowissenschaften ein
Jedes Jahr investiert Europa insgesamt rund 30 Milliarden Euro in die Biowissenschaften - ein Forschungsbereich, der sich mit lebenden Organismen, einschließlich Pflanzen, Tieren und Menschen, beschäftigt. Obgleich dieser Betrag grob der Gesamtsumme der für diesen Bereich verwendeten Ausgaben in den USA entspricht, teilen sich diese Investitionen in Europa auf 25 verschiedene Länder und politische Rahmenwerke auf, was zur Folge hat, dass Ergebnisse nicht einheitlich verwertet werden. Um diese Situation zu ändern, möchte die Kommission Synergien zwischen den Förderern der biowissenschaftlichen Grundlagenforschung in Europa identifizieren und fördern. Vor diesem Hintergrund wurde am 13. Dezember eine internationale Konferenz in Brüssel organisiert, auf der die verschiedenen Möglichkeiten erkundet werden sollten. Um die Bedeutung der Grundlagenforschung im Allgemeinen für die Biowissenschaften zu unterstreichen, führte Mike Bevan, Professor am John Innes Centre in Norwich, Großbritannien, das Beispiel seines eigenen Fachbereichs, der Genomik (Erforschung von Genen und ihren Funktionen), an. "Die Genomik als solche konnte nur durch grundlegende Fortschritte in der Physik und Chemie entstehen", erklärte er. Grundlegende Fortschritte in der Genomik wiederum wurden zu unschätzbaren Hilfen für andere Biowissenschaftler, wie z.B. die vollständigen genetischen Sequenzen für etwa 250 Arten, mit deren Hilfe das sog. "Periodensystem der Biologie" (Professor Bevan) aufgestellt werden konnte. Diese Vielzahl an für andere Bereiche relevanten Ergebnissen unterstreicht einen weiteren wichtigen Aspekt der Grundlagenforschung in den modernen Biowissenschaften - die zunehmend komplexe und interdisziplinäre Natur. Christian Patermann, Direktor für Biotechnologie, Landwirtschaft und Ernährung der GD Forschung der Kommission erklärt: "In den Biowissenschaften muss die Komplexität vielleicht sogar stärker berücksichtigt werden als in anderen Bereichen. Wir brauchen multidisziplinäre Ansätze [...] um diese Fragmentierung und Komplexität zu überwinden." In Anbetracht der Notwendigkeit solcher multidisziplinären Ansätze, selbst in der Grundlagenforschung, betonte Patermann, dass die mögliche Einrichtung eines Europäischen Forschungsrats (ERC) mit Schwerpunkt auf der Förderung einzelner Teams nicht alle Grundlagenforschungsanforderungen der Biowissenschaften erfülle. "Die Grundlagenforschung kann auch kollaborativ durchgeführt werden, dies sollten wir nicht vergessen." Ein weiteres wesentliches Element bei der Durchführung qualitativ hochwertiger biowissenschaftlicher Grundlagenforschung ist die Verfügbarkeit geeigneter Infrastrukturen, wie z.B. Bioinformatikressourcen und Gewebesammlungen. Der Direktor des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) Fotis Kafatos erklärte: "Hier gibt es keine einheitliche Lösung. In den Biowissenschaften geht es nicht um Megamaschinen, sondern um stetig sich weiterentwickelnde gemeinsame Ressourcen. Die Kosten für diese Infrastrukturen sind mit denen der Physikwissenschaften vergleichbar, erfordern jedoch anstelle von Vorausleistungen fortwährende Investitionen." Um derartige Infrastrukturen auf koordinierte Weise bereitstellen zu können, forderte Professor Kafatos die Einrichtung eines europäischen Programms für biowissenschaftliche Infrastrukturen. Ein solches Programm müsse auf der fortwährenden Veränderung der Anforderungen basieren, in Verbindung zu den vorrangigen Themenbereichen der EU stehen und in europäische Exzellenzzentren eingebettet sein, "um diese aufgeschlossen für den Bedarf führender Wissenschaftler zu machen", erklärte er. Professor Kafatos schloss mit dem Hinweis, dass "Infrastrukturen für die Grundlagenforschung zwar erforderlich sind, sich jedoch von dieser unterscheiden." In Bezug auf das Hauptthema, bessere Methoden für die Koordinierung der Grundlagenforschungsfinanzierung in Europa zu finden, erklärte der Direktor des Direktorats Gesundheit der GD Forschung Octavi Quintana Trias, dass "die Finanzierung der Grundlagenforschung zu den Hauptaufgaben öffentlicher Fördereinrichtungen wie z.B. der Europäischen Kommission zählt". Während private Unternehmen im Bereich der Biowissenschaften einen größeren Schwerpunkt auf die präklinische Forschung legen, sollten sich öffentliche Organe stärker auf die Grundlagenforschung konzentrieren, erklärte er. Dr. Trias bestätigte jedoch, dass die EU-Fördermittel für biowissenschaftliche Forschung derzeit nur etwa 5 Prozent der europäischen Gesamtsumme ausmachen - wobei auch dies schon eine beträchtliche Pauschale darstellt -, und gab die Absicht der Kommission bekannt, ein jährlich stattfindendes "Förderer-Forum" einzurichten, bei dem Europas Hauptsponsoren für biowissenschaftliche Forschung zusammentreffen und über Synergien diskutieren sowie versuchen können, Herausforderungen auf koordinierte Weise zu bewältigen. Die Idee eines Förderer-Forums wurde von weiteren an der Konferenz teilnehmenden zentralen Akteuren begrüßt. Frank Gannon, geschäftsführender Direktor der European Molecular Biology Organisation (EMBO), bezeichnete ein solches Organ als wesentlich und fügte hinzu, dass die Teilnahme von Industrievertretern und Wissenschaftlern ebenfalls ein wichtiger Faktor sei. Bertil Andersson, Geschäftsführer der Europäischen Wissenschaftsstiftung (EWS), erklärte: "Wir werden von einer stärkeren Koordinierung zwischen nationalen öffentlichen Förderern der Biowissenschaften profitieren, es sollte aber noch weiter gegangen und die Koordinierung zwischen verschiedenen Arten von Geldgebern gefördert werden, einschließlich Wohlfahrtsorganisationen, privatwirtschaftlichen Unternehmen, Agenturen usw." Da die Gespräche über die Struktur und den Umfang des Forums noch nicht abgeschlossen sind, wird es noch einige Zeit dauern, bis Europa die derzeitige Aufsplitterung von Fördermitteln für die Grundlagenforschung in den Biowissenschaften beheben kann. Für den Fall, dass jemand noch nicht von der dringenden Notwendigkeit hierfür überzeugt sein sollte, erinnerte Patermann die Zuhörer an die von den Staats- und Regierungschefs im Jahr 2002 in Barcelona verabschiedete Schlussfolgerung: "Nach der Informationstechnologie stellen Biowissenschaften und Biotechnologie die nächste Welle der technologischen Revolution in der Wissensgesellschaft dar."