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Klimawandel: die stillen Wissenschaften werden lauter

Beim Kauf eines elektronischen Gerätes kennen die meisten Menschen die Etiketten "A", "B", "C" oder "D" zur Kennzeichnung der Energieeffizienz. Diese schlaue Methode zeigt den Konsumenten, welche Geräte wahrscheinlich sowohl ihren Geldbeutel als auch die Umwelt schonen, und kö...

Beim Kauf eines elektronischen Gerätes kennen die meisten Menschen die Etiketten "A", "B", "C" oder "D" zur Kennzeichnung der Energieeffizienz. Diese schlaue Methode zeigt den Konsumenten, welche Geräte wahrscheinlich sowohl ihren Geldbeutel als auch die Umwelt schonen, und könnte sogar ihre Kaufentscheidung beeinflussen. Gesellschaftliches Verhalten, besonders wenn es andere Bereiche als Wirtschaft und natürliche Ressourcen betrifft, steht im Zentrum der Sozial- und Geisteswissenschaften. Diese so genannten "weichen Wissenschaften" standen diese Woche im Scheinwerferlicht zu Beginn einer zweitägigen Konferenz unter Schirmherrschaft des französischen Ratsvorsitzes der Europäischen Union. Die Botschaft war klar und deutlich: Die Sozialwissenschaften müssen bei der Vorhersage und Bewältigung der Veränderungen, die auf unserem Planeten vor sich gehen, eine maßgebliche Rolle spielen. Das Konzept der Einstufung von Haushaltsgeräten habe enorme Auswirkungen auf das Verständnis des tatsächlichen Preises für Energie gehabt, erklärte Domenico Rossetti, Hauptverwaltungsrat der Direktion für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft bei der Generaldirektion Forschung der Europäischen Kommission. "Wenn Sie von Kilowattstunden pro Jahr sprechen, wird Sie niemand verstehen, aber ein A, B, C oder D versteht jeder schnell", erklärte er. Beim Thema Strom wissen die Verbraucher nicht, was sie dafür ausgeben. Beim Tanken zum Beispiel wissen sie sehr wohl, was sie für eine Tankfüllung bezahlen. In einigen Ländern wird die Stromrechnung monatlich erstellt, in anderen einmal im Quartal oder gar einmal pro Jahr, manchmal auch als Vorauszahlung. "Wenn Sie ihr Auto mit Benzin oder Diesel für 70 Euro betanken, sehen Sie es sofort. Bei der äußerst wichtigen Frage des Stromverbrauchs, der in den nächsten 20 bis 30 Jahren stark ansteigen wird, haben die meisten Menschen keine Vorstellung davon, was sie pro Tag oder auch pro Woche ausgeben", sagte Rossetti CORDIS-Nachrichten gegenüber. Ein Strommesser in der Küche oder im Badezimmer zu Hause, der einem zeigt, wie viel man täglich verbraucht und was das kostet, würde einen vielleicht dazu bewegen, das Licht öfter auszustellen. Die von Herrn Rossetti beschriebene Idee ist nicht so weit hergeholt wie auf den ersten Blick angenommen. Als Teil des Referats "Forschung in den Wirtschafts-, Sozial- und Humanwissenschaften - Vorausplanung" der Europäischen Kommission beaufsichtigen Rossetti und seine Kollegen Forschungen zu den Themen, die sich auf die mittel- und langfristige Zukunft Europas und der Welt auswirken werden, beispielsweise zu Vorhersagen für die Jahre 2050 und 2100. Das Referat unterstützt das Programm "Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften" (SSH), eines der Schlüsselthemen des Siebten Rahmenprogramms (RP7). Obwohl die EU SSH-Forschung in vorangegangenen Programmen beständig gefördert hat, wird zum ersten Mal auf diese Weise ein kompletter Themenbereich diesen Forschungen gewidmet. Ein beachtliches Budget von mehr als 600 Millionen Euro wurde für das SSH-Programm in der siebenjährigen Laufzeit des RP7 (2007-2013) bereitgestellt. Darüber hinaus haben die meisten thematischen Programme des RP7 eine sozioökonomische Komponente und der Europäische Forschungsrat stellt ebenfalls einen Teil seiner Mittel für SSH-Aktivitäten ab. Diese Förderung ist ein deutliches Zeichen dafür, wie wichtig der Beitrag der Sozialwissenschaften ist, wenn es um Probleme wie Kosten und Preisbildung, menschliches Verhalten und Trends im Zusammenhang mit künftigen, globalen Herausforderungen geht. Die Themen Klimawandel und nachhaltige Entwicklung seien im SSH-Bereich allerdings relativ neue Punkte, erläutert Rossetti. Sie spielen eine zentrale Rolle für die so genannte "kohlenstofffreie Gesellschaft" (post-carbon society). Gemeint ist der gewünschte Wechsel hin zu einer effizienteren Energienutzung und der Entwicklung von Technologien, die weniger Treibhausgasemissionen produzieren. "Sie sind in verschiedenen Themen wie Energie, Umwelt und Verkehr des Rahmenprogramms präsent, aber in SSH ist es relativ neu, dass man eingehende, multidisziplinäre Forschungen zu diesen Fragen hat, sowohl innerhalb als auch zwischen den Wissenschaften", erklärte er. Anders als die so genannten "harten Wissenschaften", die technologieorientiert sind, betätigt sich SSH in den Bereichen Wirtschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Anthropologie, Geschichte und Philosophie, um Wissen zu schaffen, das neue Wege zur Beschäftigung mit sozioökonomischen Fragen im Zusammenhang mit der Erschöpfung von Ressourcen, mit Treibhausgasemissionen, nuklearem Abfall und der Sicherheit der Energieversorgung weist. Der Informationsaustausch zwischen Interessengruppen, die zu diesen grundlegenden Herausforderungen arbeiten, ist eines der Hauptziele der Konferenz, die in Paris, Frankreich, im Maison de la Chimie stattfindet. Der stellvertretende Generaldirektor für wissenschaftlichen Fortschritt der Europäischen Kommission, Zoran Stancic, merkte an, dass die Wahl des Veranstaltungsortes für die Konferenz (Maison de la Chimie bedeutet Haus der Chemie) ein passendes Symbol darstelle für die Notwendigkeit, einen stärkeren Dialog zwischen den Sozial- und den Naturwissenschaften anzuregen. "Die aktuellen Fragen zu Klimawandel und Energie sind sehr komplex. Daher können wir richtige Antworten nur finden, wenn wir zusammenarbeiten", sagte er. Die EU hat für das Jahr 2020 drei Schlüsselziele: die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 20% (im Vergleich zu den Werten von 1990), die Erhöhung der Energieeffizienz um 20% und das 20%-Ziel für den Anteil der erneuerbaren Energiequellen (gegenüber den aktuellen 7%). Darüber hinaus hat sich der Europäische Rat dazu verpflichtet, den globalen Temperaturanstieg auf 2°C zu begrenzen. "Wenn wir diese ehrgeizigen Ziele erreichen wollen, können wir uns nicht allein auf technologische Lösungen verlassen", erklärte Herr Stancic. "Es ist sehr wichtig, auch alle anderen Aspekte der Gesellschaft zu berücksichtigen." Technologie kann beispielsweise die Mittel für effizientere Automotoren liefern, aber die Fahrer einfach dazu zu bringen, 20 Stundenkilometer langsamer zu fahren, kann beachtliche Einsparungen bei Energie und Emissionen bringen. Die Konferenz wird vom französischen Ratsvorsitz der Europäischen Union, dem französischen Ministerium für Hochschulbildung und Forschung, dem französischen Ministerium für Umwelt und nachhaltige Entwicklung sowie von der Generaldirektion Forschung der Europäischen Kommission veranstaltet.

Länder

Frankreich

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