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Polarforscherin macht auf dringenden Datenbedarf aufmerksam

Trotz sich rasch vollziehender Umweltveränderungen in der Arktis und der Bedeutung der polaren Eiskappe für die Klimaregulierung wissen wir noch immer erschreckend wenig über die Prozesse, die sich hinter der Eisbildung am Dach der Welt verbergen. Zu den Forschern, die unser...

Trotz sich rasch vollziehender Umweltveränderungen in der Arktis und der Bedeutung der polaren Eiskappe für die Klimaregulierung wissen wir noch immer erschreckend wenig über die Prozesse, die sich hinter der Eisbildung am Dach der Welt verbergen. Zu den Forschern, die unser Verständnis über den fernen Norden zu erweitern versuchen, gehört Professor Nalân Koç. Ursprünglich kommt sie aus der Türkei, den Großteil ihres Berufslebens hat sie jedoch am anderen Ende Europas verbracht - in Norwegen -, wo sie derzeit am Norwegischen Polarinstitut (NPI) in Tromsø das Polarklimaprogramm leitet. In einem Interview erklärte Professor Koç den CORDIS-Nachrichten gegenüber, was sie und ihre Kollegen auf der ganzen Welt unternehmen, um unser Verständnis über das Polarklima zu verbessern und einige der derzeit dringendsten Fragen der Polarforscher zu klären. Professor Koç hob hervor, dass sich kein Ort der Erde schneller erwärmt als die Arktis und dass die Geschwindigkeit dabei weiter zunimmt. Ein Grund hierfür liegt in den positiven Rückführschleifen, die durch das Schwinden der polaren Eiskappe erzeugt werden. Die weiße Oberfläche des Eises wirft einen Großteil der Energie der Sonne wieder ins All zurück. Schmilzt das Eis, vergrößert sich die dunkle Oberfläche des Meeres, die einen Großteil der einfallenden Sonnenenergie aufnimmt. Auf diese Weise erwärmt sich das Meer, wodurch noch mehr Eis geschmolzen wird. Und je mehr Eis schmilzt, desto mehr Energie wird aufgenommen. In seinem aktuellsten Bericht von 2007 sagt der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) voraus, dass die Arktis bis zum Sommer 2080 eisfrei sein wird. Seitdem sind sowohl der Umfang als auch die Dicke der polaren Eisdecke erheblich zurückgegangen, woraufhin Wissenschaftler gezwungen waren, ihre Prognosen rasch zu überarbeiten. Einige von ihnen nehmen an, dass die Eisdecke bereits in fünf Jahren geschmolzen sein könnte, falls sich dieses Tempo fortsetzt. Dabei kommt die Frage auf, warum dieser rasche Rückgang mit Klima-Computermodellen nicht erkannt wurde. Klimamodelle haben eine verhältnismäßig begrenzte Kapazität zur Prognose des Polarklimas: Zwar stimmen einige Modelle darin überein, was bis zum 60. nördlichen Breitengrad (etwa Südskandinavien) passieren wird, aber je weiter man sich dem Pol nähert, desto unterschiedlicher sind die Prognosen. "Das liegt daran, dass die Klimaprozesse in der Arktis weniger gut untersucht bzw. verstanden wurden", erklärte Professor Koç. Aufgrund der großen Entfernung zur Arktis und der dortigen rauen Umgebung sind Forschungsarbeiten logistisch schwierig und auch kostspielig. Das NPI ist an einer Reihe von Initiativen beteiligt, im Rahmen derer Informationen über die Arktis gesammelt werden, wie z.B. am EU-finanzierten DAMOCLES-Projekt ("Developing Arctic modelling and observing capabilities for long-term environmental studies"), bei dem dringend gebrauchte Daten zu den Umweltbedingungen in der Arktis und zu den Prozessen an der Meeresoberfläche erfasst werden, dort, wo sich Meer, Eis und Atmosphäre gegenseitig beeinflussen. "Das NPI beschäftigt sich mit Prozessen, die in höheren Breitengraden an der Oberfläche stattfinden, damit wir den Modellierern die richtigen Formeln zur Verbesserung ihrer Modelle liefern können", so Professor Koç. Unter anderem, so die Wissenschaftlerin weiter, müssen wir unsere Klassifizierung der unterschiedlichen Eis- und Schneearten verbessern und untersuchen, wie sie jeweils das Reflexionsvermögen der Eisschicht beeinflussen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir besser verstehen, wie genau sich Meereis auszudehnen beginnt und was es zum Schmelzen bringt. Welches sind also die dringendsten Fragen, denen sich Wissenschaftler widmen müssen? Ganz oben auf Professor Koçs Liste steht ein besseres Verständnis über Meereis und Schneeprozesse - das wird uns helfen, den Klimamodellen genauere Parameter zu liefern. An zweiter Stelle steht der Bedarf an Informationen zur Gletscherdynamik, denn Gletscher in der Arktis schmelzen schnell. Derzeit gehen Klimamodelle jedoch meist von statischen Gletschern aus, da Wissenschaftlern die erforderlichen Daten für eine genaue Modellierung fehlen. Ein weiteres Problem, das weit oben auf der Tagesordnung der Forscherin steht, ist der Golfstrom. Die verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass der Salzgehalt des Arktischen Ozeans zurückgeht und dass Flüsse in Sibirien künftig wahrscheinlich noch mehr Süßwasser in polare Gewässer spülen werden. Diese Veränderung des Salzgehaltes könnte auch Auswirkungen auf den Golfstrom haben, aber derzeit wissen wir noch nicht, wie diese Auswirkungen aussehen werden oder wie hoch die Schwellenwerte sind. Aber während die Forscher Daten sammeln, verändert sich die Arktis immer weiter. Zusammen mit dem Alfred-Wegener-Institut in Deutschland untersucht das NPI die Veränderungen in der Framstraße, wo warmes Wasser aus dem Atlantik in die Arktis strömt und kaltes Wasser wieder hinaus. "Seit 1984 hat sich das Wasser des Atlantiks, das in die Arktis strömt, um 2° erwärmt", gab Professor Koç zu bedenken und fügte hinzu, dass die Temperatur des Wassers in umgekehrter Richtung ähnlich stark gestiegen ist. Zudem waren die Fjorde der norwegischen Inselgruppe Svalbard in den vergangenen drei Winterperioden eisfrei. Die Veränderung kam plötzlich; in den Jahren zuvor waren die Fjorde noch mit einer beachtlichen Eisschicht bedeckt. Laut Professor Koç ist diese Erscheinung auf Veränderungen in der atmosphärischen Zirkulation zurückzuführen, infolgedessen das ganze Jahr über warmes Wasser aus dem Atlantik in die Fjorde getrieben wird. Die jetzige Aufgabe besteht nun darin herauszufinden, ob diese Veränderung auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Mit Hilfe von Eis- und Sedimentbohrungen können wir sehen, wie sich das Klima in der Vergangenheit entwickelt hat. "Wir müssen weit mehr Überwachungen durchführen, um unsere Aufzeichnungen künftig vervollständigen zu können", erklärte Professor Koç abschließend.

Länder

Norwegen

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