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Wissenschaft und politischer Wille: Euroscience-Präsident Dr. Enric Banda im Interview

CORDIS Nachrichten sprach mit Dr. Enric Banda, seines Zeichens Geophysiker und Präsident der 2.100 Mitglieder zählenden Basisorganisation Euroscience, über die Bedeutung junger Wissenschaftler, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf wissenschaftliche Karrieren und die schwi...

CORDIS Nachrichten sprach mit Dr. Enric Banda, seines Zeichens Geophysiker und Präsident der 2.100 Mitglieder zählenden Basisorganisation Euroscience, über die Bedeutung junger Wissenschaftler, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf wissenschaftliche Karrieren und die schwierige Aufgabe, eine starke wissenschaftliche und technologische Basis in Europa aufzubauen. Die seit 11 Jahren bestehende Organisation Euroscience ist das Sprachrohr der Wissenschaftler Europas. "Die Organisation besteht aus Individuen, nicht aus Institutionen", wie Dr. Banda vermerkte. Eines der vielen Ziele der Organisation bestehe seiner Aussage nach darin, die Welt der Politik zu beeinflussen und zu beraten. Dies könne jedoch ein mühseliger Kampf sein. "Die politische Welt ist gegenüber Wissenschaftlern und wissenschaftlich interessierten Menschen eher schwerhörig", stellte er fest. "Politiker reden zwar viel über Wissenschaft und Technologie, aber schon eine Minute später vergessen sie alles wieder." "Die Wissenschaft ist in der Öffentlichkeit zwangsläufig in der Rolle eines Protagonisten", sagte Banda und fügte hinzu, dass Euroscience hart daran arbeitet, eine starke wissenschaftliche und technologische Basis für Europa zu fördern. "Das ist unser Ideal und dafür arbeiten wir. Einer der Wege, die wir verfolgen, kann nur mit den jungen Wissenschaftlern gegangen werden." Euroscience strebe die Unterstützung junger Wissenschaftler an, indem Beratungen angeboten und sie ermutigt werden, wissenschaftliche Karrieren zu verfolgen, wo immer sich in Europa Chancen dafür auftun. Die gegenwärtige wirtschaftliche Krise werde zwangsläufig Einfluss auf die am Anfang ihrer Karriere stehenden jungen Leute haben, gab Dr. Banda zu bedenken, brachte aber gleichzeitig seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der grundlegende Bedarf der Unternehmen an Innovationen den Rückschlag voraussichtlich abmildern werde. "Leider muss ich davon ausgehen, dass der wissenschaftlichen Welt Schaden in Hinsicht auf das in die Wissenschaft fließende öffentliche Geld zugefügt werden wird", so Banda. "Krisen bedeuten in der Regel Haushaltskürzungen, und die Wissenschaft ist, vom Standpunkt der Politiker aus betrachtet, immer eine gute Stelle für Einsparungen." Aber auch diese Finanzkrise werde nicht ewig andauern, fügte er hinzu. Dr. Banda ist überzeugt: "Man kann nicht von vornherein sagen: 'Wir haben eine Finanzkrise, ich werde keinen Job finden'. Sie können tatsächlich von der Krise betroffen sein, und es wird möglicherweise länger dauern einen Job zu finden, aber letztlich werden Sie einen Job finden." "Was die Geschäftswelt betrifft, bin ich mir gar nicht so sicher, ob die Entwicklungsabteilungen der Unternehmen tatsächlich starke Einschnitte hinnehmen müssen, denn diese Leute verstehen, dass sich der Weg heraus aus der Krise gerade dort abzeichnet. So bin ich insgesamt nicht allzu pessimistisch", fügte er hinzu. "Auch in der privaten Welt der Industrie und der Dienstleistungen ist gerade jetzt Wissen ein äußerst wichtiger Wettbewerbsfaktor. So kann ich eigentlich nicht glauben, dass die Menschen davon ausgehen, dass sie bei Weiterverfolgung einer Karriere in eine Situation ohne Job geraten." Laut Dr. Banda sehe dies an den Universitäten aber völlig anders aus. Da dort der Wettbewerb schärfer als je zuvor tobe, sei der Antritt einer ordentlichen Professur, sogar nach einer langen Karriere, keine als sicher geltende Tatsache mehr für jene, die sich für die akademische Laufbahn entschieden hätten. Aber es gäbe heutzutage noch viele weitere Richtungen, in die eine wissenschaftliche Karriere verlaufen kann, wenn man nur zu Veränderungen bereit sei. "Wir leben in einer globalen Welt", betonte Dr. Banda CORDIS Nachrichten gegenüber. "Die Welt bietet ausreichend Raum für diese Menschen, irgendwo anders zu arbeiten. Nur wenn jemand unbedingt zu Hause arbeiten möchte, könnte es schwierig werden. "Mobilität ist ein europäisches Problem", stellte Dr. Banda fest. "Ich komme aus Südeuropa und so kann ich unseren Wunsch kritisieren, am liebsten alles in einem kleinen Umkreis rund um das Dorf zu tun, in dem wir geboren sind: Die gesamte Karriere ganz in der Nähe [verfolgen], das Berufsleben daheim vollenden und schließlich auch dort begraben werden." "Wir haben immer noch Probleme und es gibt immer noch Schwierigkeiten, für außereuropäische Wissenschaftler Visa zu bekommen. So stellt sich Mobilität in Europa immer noch als ein Problem dar, von dem ich hoffe, dass wir es in den Griff bekommen", erklärte Dr. Banda. "Denn wie wir in den USA sehen können, bringt Mobilität Dynamik in das System." In Hinblick auf den kürzlich angekündigten Fahrplan für die europäische Forschungsinfrastruktur, der vom Europäischen Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI) aufgestellt wird, ist Dr. Banda optimistisch. "Es ist höchste Zeit, dass Europa einen Fahrplan zu den Infrastrukturen der Zukunft hat und ich gehe davon aus, dass ESFRI diese Aufgabe gemeistert hat. Aber die Situation ist immer noch festgefahren, politisch betrachtet [...] Wir haben eine lange Wunschliste an Infrastrukturen, die alle gut für Europa wären, aber dies allein reicht noch nicht aus. Der politische Wille, diese Dinge auf europäischem Niveau zu realisieren, fehlt immer noch, und wenn er nicht fehlt, so ist er doch noch schwach." Die Kommunikation bilde den Grundpfeiler von Euroscience. Zusätzlich zu einer neuen Online-Publikation (The Euroscientist), die Themen breiten wissenschaftlichen und politischen Interesses abdecke, veranstalte die Organisation alle zwei Jahre ein sehr gut besuchtes offenes Forum. Das Forum hätte seinen Zweck darin, so Dr. Banda, jedem eine Stimme und eine Chance zu geben, seine Meinung kundzutun. "Es ist nicht nur für Wissenschaftler gedacht, sondern vielmehr auch für politische Entscheidungsträger, Unternehmer und normale Bürger, für Geschäftsleute sowie für Journalisten", teilte er abschließend mit. Das nächste offene Forum findet in Turin, Italien, statt. Das Forum 2012 wird in Dublin, Irland, stattfinden.

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