Sportstadien mangelt es an medizinischer Notfallversorgung, sagen Forscher
Bei Sportgroßveranstaltungen herrscht oft eine aufgeregte und spannungsgeladene Atmosphäre vor, die bei anfälligen Zuschauern leider auch mit einem Herzinfarkt enden kann. Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass viele europäische Sportstadien weder über die entsprechenden Abläufe noch über die nötige medizinisch-technische Ausrüstung verfügen, um bei einem Herzinfarkt erste Hilfe zu leisten, so die Ergebnisse einer neuen europäischen Forschungsstudie, die im European Heart Journal veröffentlicht wurde. Die Forscher aus Deutschland, Italien, Norwegen, Spanien, Schweden und dem Vereinigten Königreich nahmen in der Saison 2005/06 187 große Sportstadien in 10 EU-Mitgliedstaaten unter die Lupe, die von 190 Spitzenfußballvereinen genutzt werden. In einem 12-teiligen Fragebogen ermittelten sie u.a. die Zuschauerzahl in den Stadien im Verlauf einer Saison, das Vorhandensein von Elektroschockgeräten zur Wiederbelebung (automatische externe Defibrillatoren, AED), die Anzahl an Rettungssanitätern und die durchschnittliche zeitliche und räumliche Entfernung zum nächsten Krankenhaus. Wie sich herausstellte, verfügten mehr als 25 Prozent aller Stadien weder über AEDs noch über einen medizinischen Notfallplan. Ebenso erschütternd ist die Tatsache, dass einige Stadien keine Grundlagen- oder Schulungsprogramme für eine Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) vorsehen. Den Forschern zufolge erlitten im angegebenen Zeitraum zwar keine Spieler oder Vertreter von Sportvereinen einen Herzinfarkt, 77 Zuschauer indessen schon. Die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts geben die Forscher mit 1 auf 589.000 Zuschauer an, so dass für dieses Problem umgehend eine Lösung gefunden werden müsse. "Unsere Studie zeigt, dass viele dieser Sportstadien nicht ausreichend auf Herzinfarkte in der Zuschauermenge vorbereitet sind", erklärte der Autor der Studie, Professor Mats Börjesson von der Sahlgrenska-Akademie der Universität Göteborg in Schweden. "Unserer Meinung nach sind dringend formelle Empfehlungen notwendig, um die Sicherheit von Zuschauern und Spielern zu gewährleisten. Auf höchster sportlicher Ebene müssten solche Empfehlungen eine Selbstverständlichkeit sein", fügte Professor Börjesson hinzu, Leiter der Sektion Sportkardiologie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (EACPR). "Wenn man bedenkt, dass unsere Studie nur die günstigsten Szenarien berücksichtigt - finanziell gut gestellte Spitzenvereine - scheint es, dass die mangelnde Ausstattung eher auf nachlässige Sicherheitskonzepte als auf Geldmangel zurückzuführen ist. Zurzeit existieren noch keine formellen Empfehlungen für das Herz-Kreislauf-Notfallmanagement in europäischen Sportstadien, und unter den Nicht-Medizinern im Sport herrscht noch eine relative Unwissenheit in dieser Hinsicht. Hier sind sowohl eine bessere Aufklärung als auch Empfehlungen erforderlich." Initiiert wurde die Studie von den Forschern, die alle als Mannschaftsärzte tätig sind, aufgrund der offensichtlichen Unterschiede in der kardiovaskulären medizinischen Versorgung in Sportstätten. Außerdem war diese Problematik speziell in Europa noch nicht untersucht worden. "Unsere Studie bestätigt, dass nicht nur für die Athleten sondern auch für die Zuschauer ein angemessenes medizinisches Notfallmanagement benötigt wird, da sie zahlenmäßig stärker vertreten sind als die Spieler und somit die primäre Zielgruppe für ein kardiovaskuläres Sicherheitsprogramm in Sportstadien darstellen", so Professor Börjesson. An der Studie beteiligten sich Experten vom Wellness International Medical Centre (Vereinigtes Königreich), dem Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (Deutschland), dem Fußballclub Real Madrid (Spanien), dem Universitätskrankenhaus Diakonhjemmet (Norwegen) und dem Institut für wissenschaftliche Sportmedizin (Italien).
Länder
Deutschland, Spanien, Italien, Norwegen, Schweden, Vereinigtes Königreich