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Das Filchner-Ronne-Schelfeis doch vom Klimawandel bedroht: Von der EU finanzierte Klimaforscher berichten

Das Filchner-Ronne-Schelfeis im antarktischen Weddellmeer könnte rapide zu schmelzen beginnen und als Barriere für nachrutschendes Inlandeis der Westantarktis wegfallen. So lautet die unverblümte Warnung einer Gruppe EU-finanzierter Klimaforscher. Anhand verschiedener Modell...

Das Filchner-Ronne-Schelfeis im antarktischen Weddellmeer könnte rapide zu schmelzen beginnen und als Barriere für nachrutschendes Inlandeis der Westantarktis wegfallen. So lautet die unverblümte Warnung einer Gruppe EU-finanzierter Klimaforscher. Anhand verschiedener Modellberechnungen konnte das Team zeigen, dass steigende Lufttemperaturen über dem südöstlichen Weddellmeer dazu führen könnten, dass große Eismassen innerhalb der nächsten sechs Jahrzehnte in das Meer abrutschen. Die Forschungsarbeiten werden durch das Projekte ICE2SEA (Estimating the future contribution of continental ice to sea-level rise) finanziert, das mit etwa 10 Mio. EUR im Rahmen des Themenbereichs "Umwelt" des Siebten EU-Rahmenprogramms (RP7) unterstützt wird. In einem Artikel in der Fachzeitschrift "Nature" widerlegte das Team aus deutschen und britischen Wissenschaftlern die weit verbreitete Annahme, das Schelfeis des Weddellmeeres bliebe aufgrund der Randlage des Meeres von den unmittelbaren Einflüssen der Erderwärmung verschont Bisher gingen die viele Experten auf dem Gebiet davon aus, dass die Folgen der Erderwärmung für die Antarktis vor allem im Amundsenmeer und damit in der Westantarktis zu spüren seien. Der Erstautor der Studie, Dr. Hartmut Hellmer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), verweist darauf, wie wichtig es ist, unsere Aufmerksamkeit gen Osten zu richten: "Das Weddellmeer hatte niemand so richtig auf der Rechnung, weil alle glaubten, seine Wassermassen seien im Gegensatz zum Amundsenmeer kalt genug, um dem Schelfeis nichts anhaben zu können. Wir aber zeigen, dass die warmen Wassermassen des Weddellmeeres in den kommenden Jahrzehnten dem Filchner-Ronne-Schelfeis mächtig zusetzen werden." Dr. Hellmer beschreibt Schelfeise als "Korken in der Flasche für das nachgelagerte Inlandeis wie ein Korken in der Flasche" und erklärt die wichtige Rolle, die sie spielen: "[Schelfeise] bremsen die Eisströme, weil sie in den Buchten überall anecken und zum Beispiel auf Inseln aufliegen." Er warnt: "Schmelzen jedoch die Schelfeise von unten, werden sie so dünn, dass die bremsenden Flächen immer geringer werden und sich das dahinterliegende Eis in Bewegung setzt." Die Modelle der Studie zeigen, dass die wärmere Luft dazu führen wird, dass das heute noch solide Meereis im südlichen Weddellmeer im Laufe der kommenden Jahrzehnte dünner und damit brüchiger und mobiler wird. Der Einstrom wärmeren Wassers unter das Filchner-Ronne-Schelfeis wird das Eis von unten schmelzen lassen und die Dynamik der Eisströme verändern. Die Berechnungen des Teams zeigen, dass sich eine hydrographische Front im südlichen Weddellmeer, die bis jetzt verhindert, dass warmes Wasser unter das Schelfeis gelangt, bis zum Ende dieses Jahrhunderts auflösen wird. Die Berechnungen des Teams stützen sich auf atmosphärische Vorhersagen des britischen Met Office Hadley Centre in Exeter. Darunter waren zum Beispiel Angaben zur zukünftigen Entwicklung des Windes und der Temperatur in der Antarktis. Jürgen Determann, ebenfalls vom AWI, erklärt: "Die größten Schmelzraten erwarten wir nahe der sogenannten Aufsetzlinie. So nennt man jene Zone, in der das Schelfeis auf dem Meeresboden aufsetzt und in den Gletscher übergeht. An dieser Stelle schmilzt das Filchner-Ronne-Schelfeis heute um etwa 5 Meter pro Jahr. Zur nächsten Jahrhundertwende werden die Schmelzraten auf bis zu 50 Meter pro Jahr ansteigen. Sollten die erhöhten Schmelzraten komplett durch nachfließendes Inlandeis kompensiert werden, entspräche dieser Massenverlust einem zusätzlichen Meeresspiegelanstieg von 4,4 Millimeter pro Jahr." Nach neuen, auf Satellitendaten basierenden Abschätzungen betrug der durch Gletscher- und Eisschelfschmelzen bedingte Meeresspiegelanstieg in den Jahren 2003 bis 2010 etwa 1,5 Millimeter pro Jahr. Dazu addiert werden zudem etwa 1,7 Millimeter, die der Meeresspiegel aufgrund der thermischen Ausdehnung der Ozeane pro Jahr ansteigt. Am ICE2SEA-Projekt sind Forscher aus 24 Forschungseinrichtungen in Belgien, Chile, Dänemark, Finnland, Frankreich, Island, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Polen und dem Vereinigten Königreich beteiligt. Gemeinsam wollen die Wissenschaftler die Wechselwirkungen zwischen Eis und Klima entschlüsseln und auf diese Weise genauere Vorhersagen über die Auswirkungen der Eisschmelze auf den Meeresspiegel ermöglichen. Ein weiterer Artikel, der in dieser Woche in der Fachzeitschrift "Nature Geoscience" veröffentlicht wurde, warnt ebenfalls vor der Gefahr für die Stabilität des Eisschildes der Antarktis. Dieses Team, unter der Leitung von Martin Siegert von der Universität Edinburgh im Vereinigten Königreich, untersuchte die Dicke zweier Eisströme, die das Filchner-Ronne Schelfeis speisen: den Institute- und den Möllereistrom. Die Forscher wollten die Bodenbeschaffenheit darunter ermitteln. Ihre Ergebnisse zeigen oberhalb der Stelle, an der das westantarktische Eisschild und das Weddellmeer zusammentreffen, einen steilen Gegenhang und ein großes subglaziales Becken. Leider ist der Grund recht glatt, es gibt keine "Widerstände", die ein Abrutschen des Eisschilds verhindern könnten.Weitere Informationen sind abrufbar unter: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung: http://www.awi.de

Länder

Belgien, Chile, Deutschland, Dänemark, Finnland, Frankreich, Island, Italien, Niederlande, Norwegen, Polen

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