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Frieden zwischen Chilenischen Waldkatzen und Landbesitzern

Die Chilenische Waldkatze, auch Kodkod genannt, gehört zu den weltweit weniger bekannten Raubkatzen, doch steht sie auf der Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion. Sie wird durch Abholzung, die Ausbreitung der Landwirtschaft, durch den Aberglauben sowie ihre Vorl...

Die Chilenische Waldkatze, auch Kodkod genannt, gehört zu den weltweit weniger bekannten Raubkatzen, doch steht sie auf der Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion. Sie wird durch Abholzung, die Ausbreitung der Landwirtschaft, durch den Aberglauben sowie ihre Vorliebe für Geflügel gefährdet. Das Kodkod-Projekt, das 2010 unter dem Programm "Menschen" des RP7 gestartet wurde, will die Schutzbedürfnisse der Chilenischen Waldkatze (Leopardus guigna) im gemäßigten Regenwald Chiles ermitteln. Die Projektergebnisse sollen nicht nur zum Verständnis dieser seltenen und geheimnisvollen Art beitragen. Durch ein besseres Verständnis der Perspektive der indigenen Bevölkerung sollten sie auch zu wirksameren Schutzstrategien führen. In dem Interview mit dem Magazin research*eu Ergebnisse erläutert Dr. Elke Schüttler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, die Ziele des Projekts, seinen einzigartigen Ansatz und die erwarteten Auswirkungen auf die zukünftigen Strategien zum Schutz der Chilenischen Waldkatze und anderer bedrohter Arten. Welche Ziele verfolgt das Kodkod Projekt? Es ist ein wissenschaftliches Naturschutzprojekt, das sich auf eine seltene südamerikanische Wildkatzenart konzentriert, den Kodkod oder Guiña, die im Vergleich zu häufiger auftretenden und charismatischen Raubkatzen bisher weniger Aufmerksamkeit erhalten hat. Waldkatzen sind Fleischfresser, die große Bezirke zur Futtersuche benötigen. Dies macht sie anfällig für die Fragmentierung der Landschaft und dadurch entstehen Konflikte mit den Menschen und ihren Haustieren. Der Kodkod wiegt nur ein bis zwei Kilogramm und ist die kleinste südamerikanische Katzenart. Er bewohnt die stark bedrohten südlichen gemäßigten Regenwälder Chiles und Argentiniens und greift gelegentlich das Geflügel in landwirtschaftlichen Gebieten an. Als Reaktion werden die Katzen oft von den Landbesitzern getötet, weshalb Forschungen zu ihrem Schutz eine mehrdimensionale Herausforderung sind, für die ein integrativer sozio-ökologischer Ansatz benötigt wird. Auf der einen Seite setzten wir klassische Methoden ein wie Radio-Telemetrie und Fotofallen, um die Nutzung des verbleibenden Waldes und anderer Lebensräume durch die Katzen einzuschätzen. Auf der anderen Seite befragten wir Landbesitzer und ihre Kinder dazu, wie sie über diesen Geflügelräuber denken. In der letzten Projektphase werden uns diese Informationen ermöglichen, zwei verschiedene Karten übereinander zu legen: die ökologische Landschaft aus der Katzenperspektive und die Toleranzlandschaft aus der Sicht der Landbesitzer. Auf diese Weise können wir verschiedene Szenarien für die Zukunft des Kodkod erstellen, die am Runden Tisch zum Naturschutz mit den Stakeholdern diskutiert werden sollen. Was ist neu oder innovativ an diesem Projekt und Ihrer Vorgehensweise? Wir haben versucht, die Vision des ansässigen Volkes der Mapuche in unsere Bio-Sozialforschung zu integrieren. Die Forscher nennen dies Ethnosoziologie, was immer noch ein relativ neuer Ansatz in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Naturschutz ist. Indigene Perspektiven zur biologischen Vielfalt unterscheiden sich oft von den eher global motivierten modernen Ansätzen zum Naturschutz. Deshalb ist es wichtig, die spirituellen und kulturellen Beziehungen zwischen Menschen und wilden Tieren besser zu verstehen, um so zu integrativeren und verantwortlicheren Naturschutzstrategien zu gelangen. In diesem Projekt haben wir Mapuche-Älteste danach befragt, ob der Kodkod in Legenden, an Orten oder in Nachnamen vorkommt oder ob er bei Zeremonien verwendet wurde. Solche Informationen könnten auch in biokulturelles Schulmaterial, etwa zweisprachige Bücher für Kinder mit Geschichten über gefährdete Tierarten, einfließen. Zum Beispiel könnte die Bezeichnung "Kodkod" in der Sprache Mapudungun von "ko" stammen, was "in etwas eindringen" bedeutet, und sich vielleicht auf die Waldkatze im Hühnerstall bezieht. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen und wie haben Sie diese gelöst? Es war ziemlich schwierig, ein solch schwer zu fassendes und seltenes Tier wie die Chilenische Waldkatze direkt über Radio-Telemetrie zu studieren. Es sind nur noch wenige Tiere vorhanden und da sie wirklich schlau sind, würden sie nicht direkt in eine Falle hineinlaufen. Dies bedeutete, dass wir die Fallen während der gesamten zweijährigen Feldforschung aufstellen mussten und nicht wie geplant über mehrere Monate. Wir konnten eine ausreichende Anzahl von Katzen nur mithilfe vieler Helfer und kreativer Ideen einfangen, etwa mit CDs, die wir in die Bäume gehängt haben, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken, oder durch abwechslungsreiche Fleischmenüs mit Fleisch, die mit leckeren Gerüchen kombiniert wurden. Insgesamt nahmen fünf Doktoranden und acht Freiwillige an verschiedenen Aspekten des Kodkod-Projekts teil, und ich bin froh, dass wir zusätzliche Mittel erhalten haben, um ihre Mithilfe zu finanzieren. Welche konkreten Ergebnisse liegen bislang vor? Auf der Grundlage der Telemetrie-Daten können wir sehen, dass Kodkods auch in erheblich veränderten Landschaften leben können, doch sie benötigen auch Waldkorridore, über die sie mit den Resten des Waldes verbunden sein können. Solche Korridore sind oft mit Flüssen verbunden und könnten als ökologisch wichtige Lebensräume unter den Landbesitzern gefördert werden. Interviews zeigten, dass das Wissen über diese Art sehr gering ist und dass Kodkods in den Köpfen der Menschen einen ziemlich mystischen Platz einnehmen, sie bringen Unglück. Dies geht wahrscheinlich auf den geheimnisvollen Lebensstil der Katze zurück. Wir fanden auch heraus, dass größere Toleranz erreicht werden kann, wenn die Menschen erfahren, wie selten diese Art ist und wie wichtig sie zur Kontrolle von Mäuse- und Rattenplagen sind. Für die jüngere Generation wurde bereits innovatives Anschauungsmaterial von einem Team von Lehrern, Designern und Biologen entwickelt. Ein Video, in dem Kodkodfiguren vorkommen, wurde an den örtlichen Schulen verteilt, während die DVD "Searching for an opportunity" die Geschichte vom Leben der Kodkodkatze Leopolda im Wald erzählt und von den Herausforderungen, die sie überwinden muss, um Nahrung für ihre Tochter zu finden. In dieser DVD werden insbesondere die Vorteile hervorgehoben, die der Kodkod dem Menschen bringt. So wird etwa gezeigt, wie er Mäuse fängt, die als Reservoir für das tödliche Hantavirale Pulmonale Syndrom gelten. Was sind die nächsten Schritte? Ich habe gerade die Feldphase in Chile abgeschlossen und bin wieder in Deutschland. Im letzten Jahr des Projekts müssen wir die Daten veröffentlichen, so dass die meiste Arbeit im Büro anfällt. Doch sobald uns die endgültigen Ergebnisse vorliegen, werden sie in der untersuchten Region vorgestellt werden. Die Idee ist es, die Ergebnisse bei runden Tischen zum Naturschutz mit den lokalen Stakeholdern, wie lokale Behörden, Mapuche-Gemeinden, landwirtschaftlichen Verbänden und NGOs zu diskutieren. Dies sollte zu Landnutzungsempfehlungen für private Grundbesitzer führen. Was erhoffen Sie sich von den Ergebnissen? Ich hoffe, dass unsere Arbeit zur Verbesserung der Koexistenz dieser schönen Felidenart mit den Menschen in ihrer Nachbarschaft beitragen wird. Unsere Ergebnisse werden Licht sowohl auf die Anforderungen an den Lebensraum dieser schwer fassbaren und wenig bekannten Art werfen und wie sie von den Landbesitzern wahrgenommen wird. Diese haben das letzte Wort über die Verfügbarkeit von ausreichendem Lebensraum. Beide Perspektiven zu verstehen, ist ein erster Schritt, um langfristige Naturschutzstrategien aufzustellen, nicht nur für diese Katzenart sondern allgemein für den größten Teil der biologischen Vielfalt unseres Planeten. Kann und wird Ihre Vorgehensweise auf andere Arten ausgedehnt werden? Ja, der interdisziplinäre Ansatz dieses Projekts kann auch auf andere Arten angewendet werden, insbesondere auf Fleischfresser, bei denen es oft zu Konflikten zwischen Mensch und Tier kommt. Das Projekt kann wahrscheinlich auch auf andere gefährdete kleine Katzenarten angewendet werden und ist ein Beispiel dafür, wie Biologen, Tierärzte, Lehrer und Sozialwissenschaftler an dem gleichen Problem zusammenarbeiten können, wobei jeder ein Stück zum Puzzle beiträgt.Weitere Informationen sind abrufbar an der: ftp://ftp.cordis.europa.eu/pub/news/research-eu/docs/research-results-192013_en.pdf Kodkod-Projekt http://www.ufz.de/index.php?de=11382