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Jeffrey Sachs: Wir benötigen eine sechste Welle nachhaltiger und umweltfreundlicher Technologien

Wir haben planetarische Grenzen erreicht - der menschliche Druck auf endliche Erdsysteme befindet sich an einem kritischen Punkt. Die Technologie, um diese beinahe Katastrophe abzuwenden, könnte demnächst verfügbar sein, so der Experte auf dem Gebiet der nachhaltigen Entwicklu...

Wir haben planetarische Grenzen erreicht - der menschliche Druck auf endliche Erdsysteme befindet sich an einem kritischen Punkt. Die Technologie, um diese beinahe Katastrophe abzuwenden, könnte demnächst verfügbar sein, so der Experte auf dem Gebiet der nachhaltigen Entwicklung, Jeffrey Sachs, der letzten Dienstag die diesjährige Ausgabe der Grünen Woche in Brüssel eröffnete. Die Situation ist ernst - im April erreichten die CO2-Konzentrationen zum ersten Mal in 3 Millionen Jahren den Spitzenwert von 400 ppm (parts per million). Angesichts der Emissionsentwicklung ist ein Temperaturanstieg um 4 - 6,1 Grad Celsius "wahrscheinlich" und die meisten Experten sind sich einig, dass wir unter einem Anstieg von 2 Grad bleiben müssen, um irreversible Störungen zu vermeiden. Sachs, ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler und leitender Berater bei der UNO, bemerkte: "Wir überschreiten grundlegende planetäre Grenzen, wobei der Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen besonders dramatisch ist ... Wir sollten einen Weg beschreiten, auf dem die Zwei-Grad-Grenze ernst genommen und die damit verbundene Kohlenstoffbilanz verstanden wird." Sachs unterstrich die Bedeutung politischer Vereinbarungen, die darauf abzielen, insbesondere das Ergebnis der UNO-Klimaverhandlungen in Paris und die Festlegung international vereinbarter nachhaltiger Entwicklungsziele im nächsten Jahr. Diese müssen jedoch mit einem intensiven Schwerpunkt auf Technologie einhergehen. 'Die gute Nachricht ist, dass wir vor einer vollständigen Technologierevolution stehen, mit der wir Wege in eine nachhaltige Richtung einschlagen können. Da ist jedoch eine Ermessensfrage. Märkte allein bringen uns dort nicht hin. Wir müssen uns auf planetarischer Ebene für eine nachhaltige, umweltfreundliche und integrative Wirtschaft entscheiden." Sachs wies auf Kondratjews Diagramm der fünf Wirtschaftswellen seit Beginn der industriellen Revolution hin. Er forderte eine sechste Welle, die auf intelligenten Technologien basiert und uns bis ins Jahr 2050 führt. "Wir benötigen eine sechste Welle nachhaltiger und umweltfreundlicher Technologien ... sodass wir alle Menschen auf der Erde ökologisch nachhaltig versorgen können." Sachs zufolge sind die wichtigsten Akteure beim Klimawandel - die USA, die EU, China, Indien, Russland, Australien, Kanada und die Golfstaaten - die wirtschaftlichen Einheiten, die den Kurs ändern und die sechste Welle des Wirtschaftswachstums annehmen können. Einige argumentieren, dass die Technologie noch nicht ausgereift ist, um die großen Herausforderungen durch den Klimawandel zu bewältigen. Sachs wies auf unsere enormen Kapazitäten der letzten Jahre hin, in denen wir innerhalb kürzester Zeit die Technologie verbessert und Kosten gesenkt haben. "Seit 1980 ist die Zahl der Mobilfunkteilnehmer von 20 000 auf 7 Milliarden angestiegen ... "Seit 1980 ist die Anzahl der Mobiltelephonabonennten von 20.000 auf 100 Milliarden heute gestiegen .... Die Kosten für die Sequenzierung eines menschlichen Genoms sind von 100 Mio. USD im Jahr 2001 auf jetzt etwa 1 000 USD gesunken - d. h. eine Halbierung der Kosten etwa alle neun Monate ... Außerdem war ein drastischer Rückgang bei den Kosten für Photovoltaikzellen zu beobachten, die im Vergleich zu 1977 jetzt 100 Mal niedriger sind." Bei einigen Technologien gäbe es jedoch Entwicklungszyklen, so Sachs. "Wir müssen Fahrzeugflotten auf Null- oder wenigstens einen geringen CO2-Ausstoß umstellen und Scale-Management und die Kommerzialisierung müssen auch technologische Zyklen durchlaufen ... Bei Wind- und Solarenergie gibt es ein Problem der Speicherung und der Netzverwaltung ... Viele Menschen glauben, dass Kohlenstoff-Abscheidung und-Speicherung eine mögliche Technik ist, aber das ist nicht bewiesen - in kleinem Maßstab wird es genutzt, aber der Maßstab ist relevant." Die Lösung wäre, Sachs zufolge, praktische, überschaubare Möglichkeiten für eine umfassende Entkarbonisierung durch eine technologische Revolution. Nationale Wege zur umfassenden Entkarbonisierung sollten auf technologischen und strukturellen Verbesserungen zur Erzielung von Energieeffizienz, der Entkarbonisierung des Energiesektors durch intelligente Stromnetze, die Elektrifizierung des Endenergiebedarfs, der Senkung der Prozessemissionen aus der Industrie (z. B. Zement, Stahl) und der Senkung von Emissionen aus Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft gründen. "Jedes Land sollte eine Roadmap mit einem Engagement für Maßnahmen zur Verbreitung technologischer Schlüssellösungen aufstellen. Die Welt muss in großem Umfang in Technologien investieren. Wenn wir zig Milliarden investieren, könnte die Rendite Milliarden betragen." Einige Klimawandelexperten insistieren, dass es zu spät sei, das Ruder herumzureißen, aber Sachs schloss seine Rede im Vortragssaal der Grünen Woche unbeirrt: "Wir besitzen das Know-how und die Technologie, außerdem muss unbedingt etwas passieren, also müssen wir es tun."