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Violent settlements: strategic villages and clandestine burial sites in Latin America

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Umsiedlung von Landbevölkerung in Modelldörfer: Techniken der militärischen Aufstandsbekämpfung

Auf der ganzen Welt hat das Militär schon einmal versucht, die Bande zwischen der Bevölkerung und Guerillabewegungen zu zerstören, indem es ländliche und Urbevölkerung verdrängt und unter Zwang neu verteilt. EU-finanzierte Forschung hat sich den Einsatz „strategischer Dörfer“ genauer angesehen und dabei interessante Gegensätze entdeckt.

Gesellschaft

Die 70er- und 80er-Jahre waren für die Geschichte Lateinamerikas von immenser Bedeutung. Nachdem in den 60er-Jahren auf dem gesamten Kontinent revolutionäre Bewegungen aufgetaucht waren, zeichneten sich die Folgejahre durch das Aufkommen von Militärdiktaturen aus, die in der Region tief greifende soziale Veränderungen verursachten. Politische Maßnahmen zur Aufstandsbekämpfung sollten nicht nur Guerillabewegungen zerstören, sondern auch die „Herzen und Köpfe“ der Bevölkerung gewinnen. Zu den verschiedenen Techniken, die für dieses Ziel zum Einsatz kamen, gehörten auch „strategische Dörfer“: Modelldörfer, die die Bevölkerung von ihren alten Gebieten und Loyalitäten abschneiden sollten. Mit Förderung im Rahmen des Marie-Curie-Programms untersuchte Hauptforscherin Prof. Pamela Colombo im Projekt Strategic Villages, inwiefern erzwungene Urbanisierung als Maßnahme zur Aufstandsbekämpfung auch genutzt wurde, um die Bevölkerung zu kontrollieren und die Staatsmacht zu festigen. „Das Konzept, eine Bevölkerung zu entwurzeln und unter dem Vorwand, ihre Lebensqualität verbessern zu wollen, in extra dafür angelegten Dörfern anzusiedeln, ist nicht neu. In Afrika und Asien wurden im Kontext der Entkolonisierungskriege und mit Unterstützung der Kolonialmächte strategische Dörfer geschaffen. England baute in Malaysia und Kenia neue Dörfer, die USA bauten strategische Wehrdörfer in Vietnam und Frankreich schuf ‚centres de regroupement‘ in Algerien“, erklärt Prof. Colombo. „Dank meiner Feldforschung habe ich entdeckt, dass Staaten, die vor ähnlichen ‚Problemen‘ stehen (in diesem Falle dem Kontrollverlust über bestimmte Gebiete) schlussendlich auch ziemlich ähnliche Maßnahmen zur Umgruppierung der Bevölkerung ergreifen.“ Damals war die Militärdoktrin in Lateinamerika, dass die „Verbesserung“ der Lebensbedingungen für die Bevölkerung dazu beitragen würde, zivile Unterstützung für Rebellenbewegungen im Keim zu ersticken. Die Armut und weite Streuung der Bevölkerung auf dem Land wurden als Ursache für revolutionäre Bewegungen gesehen. „Die territoriale Umgestaltung und die Infrastruktur, die von damals noch übrig ist, wird auch heute noch genutzt und gelebt. Mein Forschungsinteresse liegt nicht nur darin, die Geschichte des Programms zu strategischen Dörfern zu klären, sondern auch die Auswirkungen dieser Politik auf das heutige Lateinamerika zu analysieren“, erklärt sie. Dazu nutzte sie eine gemischte Forschungsmethodik aus Archivrecherchen, Befragungen von staatlichen Akteuren und ethnografischer Forschung innerhalb der strategischen Dörfer mit umgesiedelten Bewohnern. Dabei stieß Prof. Colombo auf einen interessanten Gegensatz. „Ich habe viele Hinweise auf verschiedene Arten von Verbrechen und Misshandlungen gefunden, die sich die Armee während der Besatzungszeit zu Schulden kommen lassen hat: Zwangsumsiedlung, Zerstörung des bisherigen Lebensraums, Kontrolle und Überwachung des alltäglichen Lebens, willkürliche Festnahmen, Zwangsarbeit, öffentliche Bestrafungen und sogar gewaltsames Verschwinden. Gleichzeitig habe ich aber auch gesehen, dass in Argentinien ein großer Teil genau dieser Bevölkerung noch immer die militärischen ‚gesellschaftlichen Aktionsprogramme‘ unterstützt. Das Militär mag in ihrem Leben angekommen sein, aber der Staat eben auch.“ Parallel zur Arbeit am Projekt Strategic Villages gab es für die Forscherin viele Höhepunkte, wie zum Beispiel die Ausstellung „Violence in Space: Urban and Territorial Policies during the Military Dictatorship in Argentina (1976-1983“), die sie gemeinsam mit Dr. Carlos Salamanca und der Hilfe von 30 weiteren Forscherinnen und Forschern organisierte. „Während des Marie-Curie-Stipendiums hatte ich die wunderbare Möglichkeit, mich als aktives Mitglied in einem Netzwerk von Forschern vorstellen und etablieren zu können. Ich habe unheimlich viel von den Einblicken gelernt, die ich dank meiner Betreuerin Dr. Elisabeth Anstett von den Écoles des Hautes Études en Sciences Sociales sowie von meiner Zweitbetreuerin in Argentinien, Dr. Claudia Feld, und dem Team vom Nucleo de Estudios sobre Memoria bekommen habe, die mein Drittlandsinstitut waren.“

Schlüsselbegriffe

Strategic Villages, strategische Dörfer, Lateinamerika, territoriale Umgestaltung, Zwangsumsiedlung, Armut auf dem Land, verdrängte Bevölkerung, Militärdiktaturen, Aufstandsbekämpfung

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