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Forschung für eine greifbarere Form von Gerechtigkeit und Fairness für Europäerinnen und Europäer

Ein interdisziplinäres Forschungsteam erarbeitet derzeit eine integrative Theorie der Begrifflichkeit von Gerechtigkeit und Fairness in Europa. Ihre Erkenntnisse könnten politische Entscheidungsträger/innen und andere Beteiligte auf dem gesamten Kontinent bei der Gestaltung und Implementierung von Maßnahmen unterstützen, die mehr Gerechtigkeit schaffen.

Gesellschaft

Die Forschenden hinter dem Projekt ETHOS stützen ihre Arbeit auf den Umstand, dass es zwar eine gemeinsame Vorstellung von europäischen Werten gibt (wie z. B. die Achtung der Menschenrechte oder den Schutz benachteiligter Gruppen), die Auffassung von Gerechtigkeit dabei jedoch lediglich impliziert wird. „Beim Lesen der Gründungsdokumente der EU fällt auf, dass der Begriff der Gerechtigkeit oft unbestimmt bleibt“, so Dorota Lepianka, leitende Forscherin für interdisziplinäre Sozialwissenschaften an der Universität Utrecht in den Niederlanden und Mitkoordinatorin von ETHOS. „Unsere Aufgabe ist es, eine europäische Theorie der Gerechtigkeit aufzustellen, die eine Antwort auf die schwierigen Zeiten liefern könnte, die Europa jüngst durchmacht.“ Das Team wollte untersuchen, wie Gerechtigkeit in vier Bereichen praktiziert wird: zivil, sozial, wirtschaftlich und politisch. Dazu analysierte es philosophische und politische Traditionen, Rechtsrahmen, die alltägliche institutionelle Praxis und die öffentliche Debatte. Außerdem wurden die Erfahrungen benachteiligter Bevölkerungsgruppen in sechs europäischen Länder berücksichtigt. „Wir haben uns sehr intensiv mit empirischen Befunden und der philosophischen Debatte auseinandergesetzt“, so Trudie Knijn, Professorin für interdisziplinäre Sozialwissenschaften an der Universität Utrecht und Mitkoordinatorin von ETHOS. Ein Vergleich der bestehenden Regeln in den sechs Ländern und ihrer Auswirkungen auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen führte zu interessanten Erkenntnissen. So wurde unter anderem eine Lücke zwischen den auf Papier bestehenden Rechten von Minderheiten auf überstaatlicher Ebene und dem tatsächlichen Umfang, in dem die Menschen diese Rechte in den Mitgliedstaaten ausüben können, festgestellt. „Die Menschen, die diese Vereinbarungen in die Praxis umsetzen sollen, wissen manchmal gar nichts von deren Existenz“, sagt Prof. Knijn. „Ihre praktische Umsetzung auf den niedrigeren Verwaltungsebenen gelingt nicht.“

Von Rechten zu Schuldzuweisungen

Eine politische Analyse zu den Sozialleistungen in den sechs Ländern zeigte, dass es seit der Finanzkrise 2008 eine langsame, aber stetige Verschiebung von einem System von Rechten hin zu einem Ansatz beruhend auf Leistung und Gegenseitigkeit gegeben hat. „Die Tendenz zu Schuldzuweisungen nimmt stark zu“, so Prof. Knijn. „Die Menschen müssen ihre Sozialleistungen heutzutage verdient haben, was damit gleichgesetzt wird, dass sie sich diese Leistungen wortwörtlich verdienen müssen.“ Das Prinzip der Gegenseitigkeit stammt ursprünglich aus den nordischen Ländern, in denen den Menschen Ausbildung angeboten wurde, um ihnen sinnvolle Arbeitsplätze zu vermitteln. „Doch inzwischen sind die Arbeitsstellen miserabel und die Arbeit belanglos. Die Menschen werden also dafür bestraft, nicht für den Arbeitsmarkt gerüstet zu sein“, so Prof. Knijn. Das Forschungsbemühen zur Entwicklung einer integrativen Theorie der Gerechtigkeit für Europa erfolgte parallel zu dieser Studie. Das Team entschied sich dafür, eine nicht-ideale Theorie zu entwickeln, die Anhaltspunkte dafür liefern könnte, wie sich Europa gerechter gestalten ließe. „Wir identifizieren ein Problem, das in den Augen der meisten ungerecht ist, zum Beispiel eingeschränkter Zugang zur Bildung für Kinder mit Behinderungen“, so Dorota Lepianka. „Dann sagen wir: Okay, wenn wir mehr Gerechtigkeit für diese Kinder schaffen wollen, gibt es diese Möglichkeiten.“

Gerechtigkeit greifbar machen

Die Diagnose konkreter Probleme und entsprechende Vorschläge für verschiedene Lösungen können dazu beitragen, Gerechtigkeit greifbarer und überzeugender zu machen. Die Greifbarmachung des sonst so abstrakten Konzepts wird es den Menschen nach der Überzeugung des ETHOS-Teams einfacher machen, sich auf einen besseren Ansatz zu verständigen. Die Überlegungen und Erkenntnisse von ETHOS werden zu einem Großteil in der Veröffentlichung „Justice and vulnerability in Europa“ („Justiz und Schutzbedürftigkeit in Europa“) erfasst, die im September 2020 bei Edward Elgar Publishing herausgegeben werden soll. „Darin werden Argumente dafür geliefert, warum Gerechtigkeit nicht bloß ein monolithisches Konzept ist, sondern etwas, das in unserem Alltag präsent ist. Außerdem werden diverse Analysen dazu enthalten sein, wie und warum Gerechtigkeit in europäischen Ländern umgesetzt bzw. nicht umgesetzt wird“, so Prof. Knijn.

Schlüsselbegriffe

ETHOS, Gerechtigkeit, Fairness, benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Sozialleistungen

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