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WISSENSCHAFT IM TREND: Gemeinsam sind wir stärker? Nicht in Krisen, wie eine neue Studie feststellt

Neue Forschungsergebnisse zeigen, warum große Gruppen von Menschen in Krisenzeiten ineffektiv reagieren.

© Angelina Bambina, Shutterstock

US-Präsident Donald Trump sagte kürzlich in einer Pressekonferenz, dass die Vereinigten Staaten ihre Beziehung zur Weltgesundheitsorganisation beenden werden, einer Organisation, die traditionell als federführend in der globalen Ordnung angesehen wird, wenn es um die Bewältigung von gesundheitlichen Notständen geht. Die Länder sind sich nicht einig, wie mit der COVID-19-Pandemie am besten umzugehen ist. Wenn es darauf ankommt, fehlt es internationalen Gremien, Institutionen, Organisationen und Initiativen an globaler Zusammenarbeit. Aufgrund gegensätzlicher Standpunkte sind sie unfähig, einen Konsens zu finden. Warum stellen kollektive Gefahren wie Infektionskrankheiten, ökonomische Krisen sowie Naturkatastrophen oder vom Menschen verursachte Krisen eine solch ernsthafte Herausforderung für die Koordination und Kommunikation der Menschen dar? Eine in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Proceedings of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences“ veröffentlichte Arbeit legt nahe, dass menschliche Beziehungen nicht immer von Vorteil sind, und dass die Menschen umso langsamer auf eine aufkommende Krise reagieren, je größer die Gruppe ist, der sie angehören. Forschende der US-amerikanischen Universitäten Carnegie Mellon und Yale stellten fest, dass größere Gruppen von Menschen langsamer auf eine Krise reagieren als kleinere Gruppen, weil Fehlinformationen mit der Dringlichkeit interferieren können. Das Forschungsteam versammelte 2 480 Freiwillige und teilte diese Personen in 108 Gruppen unterschiedlicher Größe auf. Ihre Aufgabe bestand darin zu entscheiden, wann sie während einer simulierten Katastrophe evakuieren müssen. Nur eine Person oder ein sogenannter „Experte“ in jeder Gruppe wusste um das Ausmaß des Szenarios und wie damit effektiv umzugehen ist. Die anderen mussten herausfinden, was gerade passierte, indem sie sich über die Situation austauschten und sich gegenseitig Ratschläge erteilten.

Die Kosten der Untätigkeit

Das Wissenschaftsteam analysierte das Verhalten aller Gruppen und fand heraus, dass größere Gruppen länger brauchten, um auf eine Krise zu reagieren. In einigen Fällen reagierten sie in einer der Situation nicht angemessenen oder nicht vorteilhaften Art und Weise. Dies war auf das Verhalten einiger Gruppenmitglieder zurückzuführen, die wertvolle Informationen des Experten ignorierten oder diskreditierten. Unter bestimmten Umständen brachten sie Gerüchte in Umlauf, die nicht der Realität entsprachen. Wurden diese Informationen weitergegeben, führte dies zu Unsicherheit bei anderen Personen der Gruppe. Manchmal wurde gar nichts unternommen, da man sich nicht darauf verständigen konnte, was zu tun sei. Die Autoren schrieben: „In gewisser Weise kann zwischenmenschliche Kommunikation im Tausch gegen eine kollektive Rückversicherung die tatsächliche Sicherheit verringern.“ „Auch wenn sich die Ergebnisse solcher Laborversuche nicht direkt auf die reale Welt übertragen lassen, deuten die hier präsentierten Ergebnisse darauf hin, dass formale Details zwischenmenschlicher Kommunikation Menschen einem systematischen Risiko aussetzen, wenn sie einer kollektiven Gefahr gegenüberstehen.“

Einigkeit macht stark?

Die Autoren erklärten, dass soziale Netzwerke zwar sehr gut darin sind, soziale Unterstützung zu bieten, „sich aber schlecht zum Verbreiten unangenehmer Wahrheiten eignen, die die Menschen lieber ignorieren möchten.“ Die Forschenden stellten fest: „Bei den Menschen hat sich eine Psychologie entwickelt, die sie, wenn es darum geht, auf kollektive Bedrohungen zu reagieren, Angst und Furcht bei Isolation fühlen lässt. Moderne Kommunikationstechnologien können jedoch gefährliche und falsche Sicherheiten mit sich bringen.“ Ein Paradebeispiel sind sogenannte Fake News. Die globale Pandemie und der Klimawandel sind reale Experimente, bei denen die Folgen von Tatenlosigkeit sehr groß sind. Beide werden sich als entscheidende Ereignisse erweisen und zeigen, wie wir handeln, und ob und wie andere Menschen kommunizieren und handeln.

Schlüsselbegriffe

COVID-19, Coronavirus, Krise, Pandemie, Gruppe