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BLINK untersucht die Auswirkungen erworbener Zweisprachigkeit

Die türkische Diaspora betrifft alleine in Deutschland nahezu 2,5 Millionen Menschen und europaweit eine noch weit größere Zahl. Diejenigen, die seit ihrer frühen Kindheit zu Hause Türkisch sprechen, haben möglicherweise eine etwas andere Aussprache als Gleichaltrige, die nach wie vor in der Türkei leben. Das BLINK-Projekt untersuchte diese Unterschiede und deren kausale Mechanismen.

Gesellschaft

Angenommen, Sie leben und arbeiten als Erwachsener in Deutschland. Die ganze Kindheit hindurch haben Sie die deutsche Sprache gelernt, doch wenn Sie von der Schule nach Hause gekommen sind, haben Ihre Eltern ausschließlich Türkisch gesprochen. In der Forschung spricht man hier von herkunftssprachlichem Bilingualismus („Heritage Language Bilingualism“, HLB) – wenn Personen in einem Haushalt aufwachsen, in dem eine andere Sprache gesprochen wird, als die in der Gesellschaft vorherrschende. Das Verständnis der grammatikalischen Besonderheiten der Herkunftssprachen ist seit 25 Jahren ein aufstrebender Teilbereich der Zweisprachigkeit. Aufgrund der auffälligen Unterschiede in der muttersprachlichen Kompetenz in der Erstsprache zwischen einsprachigen Menschen und Untergruppen zweisprachiger Menschen ist der herkunftssprachliche Bilingualismus von großem Interesse. „Es gibt eine Menge Literatur, die zeigt, dass sich die grammatikalischen Kompetenzen von Herkunftssprechenden von denen einsprachiger Menschen in derselben Altersgruppe und mit demselben sozioökonomischen Hintergrund unterscheiden“, sagt Fatih Bayram, postdoktoraler Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiat an der Universität Tromsø, Norwegen. „Unsere Aufgabe ist es, den herkunftssprachlichen Bilingualismus im Kontext zunehmender Immigration zu untersuchen.“ Das Projekt BLINK (Bilingual Literacy and Input Knowledge Outcomes: Tracing Heritage Language Bilingual Development) unterstützt diese Bemühungen durch die Fokussierung auf die kaum untersuchte Altersgruppe der 10 bis 16-jährigen Herkunftssprechenden der türkischen Diaspora in Deutschland und Norwegen. Es baut auf vorhergehenden Arbeiten im Bereich des herkunftssprachlichen Bilingualismus auf, die signifikante und verblüffende Unterschiede in der Sprachfähigkeit von Herkunftssprechenden zeigten, dabei aber ihren Schwerpunkt auf erwachsene Probanden legten. „Bei manchen Menschen zeigen sich deutlich andere linguistische Fähigkeiten im Vergleich zu ihren einsprachigen Pendants. Wir haben jedoch auch Fälle gesehen, in denen beide buchstäblich nicht zu unterscheiden sind oder in denen Probanden angeben, ihre Herkunftssprache zu verstehen, sie aber gar nicht sprechen können“, erklärt Bayram. Die meisten dieser Untersuchungen führten zu der gleichen Hypothese. Divergenzen und Konvergenzen bezüglich der erwarteten monolingualen Basislinie waren tatsächlich ein Nebenprodukt von Unterschieden in der Sprachexposition und dem Sprachgebrauch während der Übergangsphase von der Kindheit in das frühe Erwachsenenalter. Mit dem BLINK-Projekt wollte Bayram diese Hypothese überprüfen und verifizieren.

Die Einzigartigkeit und Vielfalt bilingualer Sprachkompetenz

„Das Projekt bewerkstelligt drei Dinge: Es wird erstens die linguistische Kompetenz der anvisierten Altersgruppe im Laufe der Zeit untersucht. Des Weiteren wird erforscht, in welchem Ausmaß verschiedene Faktoren wie zum Beispiel der Zugang zu Lese- und Schreibfähigkeit Aufschluss über Unterschiede in der Sprachfähigkeit geben. Darüber hinaus werden Verhaltens- und Verarbeitungsinstrumente kombiniert, um die der herkunftssprachlichen grammatikalischen Kompetenz zugrunde liegenden Prinzipien zu verstehen “, merkt Bayram an. Dank dieser Methode hofft BLINK zu enträtseln, wie und warum es zu den verblüffenden Ergebnissen bei Herkunftssprechenden kommt. Bayram erklärt: „Das Projekt kehrt zu der am wenigsten untersuchten, aber entscheidenden Altersgruppe von Herkunftssprechenden zurück, um die Ursachen für diese typischen Auswirkungen zu finden. Dies geschieht in innovativer Weise, indem mündlicher Ausdruck, Blickerfassung und Offline-Verständnisexperimente miteinander kombiniert werden.“ Da das Projekt im August 2020 endet, hofft Bayram, dass es dem Sprachverlust von Minderheiten im Laufe der Zeit entgegenwirken kann. Erste Ergebnisse zeigen bereits, dass intensive Bildung sowie Lese- und Schreibfähigkeiten in der Herkunftssprache tendenziell mit geringeren Unterschieden zwischen den grammatikalischen Kompetenzen einsprachiger Probanden sowie der von Herkunftssprechenden korrelieren. „BLINK liefert auch weitere wissenschaftliche Beweise dafür, dass Probanden im Falle von grammatikalischen Unterschieden zwischen der Herkunftssprache und den Standard-Basislinien nach wie vor eine Systematik und die natürlichen Sprachprinzipien aufweisen. Dies liefert wichtige Einblicke zum Entstehen neuer Sprachvarietäten in Kontaktsituationen“, bemerkt Bayram. Die Erkenntnisse von BLINK sollen politischen Entscheidungsträgern, pädagogischen Fachkräften, Eltern und Herkunftssprechenden selbst letztlich dabei helfen, sich bewusst zu werden, dass der Erhalt von angestammten Sprachen einen Wert darstellt. Bayram hofft, dass die Ergebnisse zweisprachige Immigrantinnen und Immigranten und ihr kulturelles Erbe entstigmatisieren werden. Er möchte zudem anderen Menschen bewusst machen, dass die charakteristische Verwendung ihrer Herkunftssprache eine Bereicherung darstellt und lediglich ein Spiegel ihrer kulturüberschreitenden Realität ist.

Schlüsselbegriffe

BLINK, Türkisch, Diaspora, Kindheit, bilingual, HLB, herkunftssprachlicher Bilingualismus

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