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Regionale Tonakzente geben Aufschluss über die Migrationsgeschichte Japans

Durch eine Analyse der Lautsysteme japanischer Dialekte brachte das Projekt JapPrehistMigration neue Erkenntnisse über die Migrationsmuster im frühen Japan zutage.

Gesellschaft

Die japanische Sprache soll um 900 v. u. Z., zusammen mit dem Nassreisanbau, von der koreanischen Halbinsel nach Japan gekommen sein. Obwohl unter den damaligen indigenen Bevölkerungsgruppen wahrscheinlich mehrere Sprachen verbreitet waren, gibt es in Japan inzwischen nur noch zwei: Japanisch und Ainu. Das deutet darauf hin, dass die Jäger-Sammler-Gesellschaften durch Agrargesellschaften ersetzt wurden. Für diese Hypothese spricht auch, dass die letzten verbliebenen Ainu im Nordosten leben – der letzten Region, in der die neuen Reisbauern Einzug hielten. Das EU-finanzierte Projekt JapPrehistMigration hat die japanischen Lautsysteme analysiert und dadurch weitere Einzelheiten über die japanische Migrationsgeschichte ans Licht gebracht.

Rekonstruktion des Protojapanischen

Der Begriff „protojapanisches Tonsystem“ bezeichnet das früheste rekonstruierbare Lautsystem. Diese Rekonstruktion basiert auf einem Vergleich zwischen modernen Lautsystemen und den Lautzeichen in Manuskripten aus der Zeit des Mitteljapanischen (11.-14. Jahrhundert). In den 1930er Jahren wurden den Lautzeichen, die in den alten Manuskripten und insbesondere denen aus der ehemaligen Hauptstadt Kyoto vorkamen, bewusst Lautwerte zugeordnet, um sie an das moderne Lautsystem Kyotos anzupassen. „Zur damaligen Zeit war dies nicht nur sinnvoll, da nicht bekannt war, dass Kyotos Lauttyp auf Zentraljapan beschränkt und vom älteren Tokio-Lauttyp umgeben ist, sondern sogar ein innovativer Schritt. Diese Maßnahmen standen einer korrekten Rekonstruktion der japanischen Tonentwicklungen jedoch entgegen“, merkt Projektkoordinatorin Elisabeth de Boer von der Ruhr-Universität Bochum, der Gasteinrichtung des Projekts, an. „Diese Idee wurde erstmals 1979 von S. R. Ramsey vorgebracht, wobei sich vor mir allerdings noch niemand daran versucht hat.“ Trotz ihrer geografischen Trennung sind den modernen Tonsystemen der Gairin-Dialekte (Gairin: „Außenkreis“) identische Innovationen gemeinsam. Die Lautregeln für Nominalkomposita in diesen Regionen scheinen sich zudem von denen anderer Dialekte zu unterscheiden. Das lässt darauf schließen, dass der Gairin-Lauttyp eine eigene Abstammungslinie bildete, die sich dann durch Migration verbreitet hat. In einer umfassenden Feldforschung in den Gairin-Regionen hat das Projekt Töne analysiert, in eine Datenbank eingespeist und mit modernen Dialekten und dem Mitteljapanischen verglichen.

Dem Rätsel der Komposita auf der Spur

Das Team fand heraus, dass sich die Regeln für die Bildung von Komposita grundlegender unterscheiden als bisher angenommen. Bisher ging man einfach von Unregelmäßigkeiten aus, doch erwiesen sich diese nun als Konsequenz von Differenzierungen im Protojapanischen. „Die Kompositaregeln enthielten bei allen Dialekten noch bestimmte archaische Differenzierungen in fossilierter Form, wodurch sich meine Rekonstruktion der protojapanischen Töne bestätigte“, so De Boer weiter. Diese Erkenntnisse, nach denen die Gairin-Lautsysteme nicht mehr isoliert zu betrachten waren, liefern eine Erklärung für drei geografisch separate Dialektregionen entlang der Küste des Japanischen Meeres, die Forschenden lange Rätsel aufgegeben haben. Nach dem neuen Kenntnisstand lassen sich diese nun als unterschiedliche Phasen desselben Dialektes einstufen, die sich jeweils durch Migration voneinander abspalteten. Eine Migrationswelle im 1. Jahrhundert u. Z. brachte einen Dialekt mit einer eigenständigen Phonologie und einem archaischen Lautsystem aus Izumo, einem der mächtigsten Königreiche Japans, auf die Halbinsel Noto. Durch diese weitreichenden Innovationen ergab sich ein Gairin-ähnliches Lautsystem. Dieser Entwicklung schloss sich im 6. Jahrhundert u. Z. eine zweite Migration von Izumo aus an, in deren Zuge die Kultur der Reisbauern in den Nordosten von Honshu eingeführt wurde – das erklärt auch die starken phonologischen und tonalen Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Regionen. Diese Migrationen werden durch weitere Ähnlichkeiten in Bezug auf DNA, Volksmusik und die Form von Grabstätten stützend belegt. Als die Feldforschung durch COVID-19 unterbrochen wurde, verlagerte das Team seinen Schwerpunkt darauf, bereits veröffentlichte Tondaten aus ganz Japan in seine Datenbank einzuspeisen. „Meine Kolleginnen und Kollegen in Japan möchten selbst auch neue Daten aufnehmen, deshalb möchte ich diese Datenbank frei zugänglich machen, sodass in Verbindung mit Computeranalysen künftig neue Erkenntnisse gewonnen werden können“, so De Boer.

Schlüsselbegriffe

JapPrehistMigration, Sprache, Japanisch, Landwirtschaft, Jäger und Sammler, Gairin, Ton, Dialekt, Migration, Ainu, Manuskripte

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