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Ausarbeitung des Fünften FTE Rahmenprogramms - Gesichtspunkt eines Beteiligten

Professor Jorma Routti, Generaldirektor von GD XII (Wissenschaft, Forschung und Entwicklung) der Europäischen Kommission, gab neulich CORDIS, dem F&D Informationsdienst der Gemeinschaft, ein Interview, in dem er einige der zentralen Faktoren umreißt, die der Kommission bei Aus...

Professor Jorma Routti, Generaldirektor von GD XII (Wissenschaft, Forschung und Entwicklung) der Europäischen Kommission, gab neulich CORDIS, dem F&D Informationsdienst der Gemeinschaft, ein Interview, in dem er einige der zentralen Faktoren umreißt, die der Kommission bei Ausarbeitung des Fünften FTE Rahmenprogramms als Anhaltspunkte dienen. - Wie würden Sie die Faktoren beschreiben, die die Ausarbeitung des Fünften Rahmenprogramms beeinflussen? Meiner Meinung nach wäre es interessant, wenn die Evualation auf interaktivem Wege stattfände, d.h. mit Teilnehmern aus verschiedenen Disziplinen. Ich fand es in einer kleineren Organisation immer nützlich, ein Biologieprojekt von einem Team untersuchen zu lassen, dem sowohl Biologen als auch Ökonomen und Technologen angehörten. In wissenschaftlichen Kreisen erweist sich oft die gegenseitige Befruchtung von Ideen aus verschiedenen Bereichen als besonders ergiebig. Wenn man ein streng unterteiltes Rahmenprogramm einrichtet, führt das natürlich dazu, daß sich auch die Fachleute dieser Unterteilung fügen müssen und die Welt dann eben so sehen, wie sie es gewohnt sind, und das Ergebnis läßt sich dann in etwa vorhersehen. Wenn die Evaluatoren bzw. Bewerter aber zu vorhersehbaren Schlüssen kommen, heißt das vielleicht, daß bestimmte hochinteressante Forschungsgebiete bei unserer Auswertung von Projektvorschlägen nicht gebührend berücksichtigt werden. Auch ist es sehr schwierig, die Konzentration zu fördern, wobei Konzentration natürlich bedeutet, daß man bei Aufrufen zur Unterbreitung von Projektvorschlägen präziser vorgehen muß, um zu vermeiden, daß man ein Überangebot erhält, wie es beim Vierten Rahmenprogramm der Fall war. Man muß versuchen im voraus abzuschätzen, welches die wirklichen Hauptgebiete sind, in denen wissenschaftliche und technologische Entwicklung vonnöten sind. Natürlich lassen wir uns bei der Definition dieser Gebiete von Experten beraten. Das bedeutet allerdings, daß viele Gebiete nicht in den Rahmen bestimmter Programme einbezogen werden. Für derartige Dinge müßte es einen spezifischen Mechanismus geben. Die Konzentration wäre durch eine ziemlich liberale Behandlung der anderen Gebiete zu ergänzen, die nicht von einem spezifischen Programmbereich erfaßt werden. Meines Erachtens wäre es praktisch - natürlich haben wir das zur Zeit noch nicht - größere Programmbereiche einzuführen, denn man könnte fast behaupten, daß die Innovation bei dem derzeitigen System in einer Art Zwangsjacke steckt. Mit anderen Worten: Wenn man das Forschungsprogramm auf mehrere Jahre hin sozusagen in Stein meißelt und sich die Welt mittlerweile ändert, ist es sehr schwierig, auf neue Herausforderungen wie BSE zu reagieren und Chancen wie das World Wide Web wahrzunehmen, da sich die Notwendigkeit der Finanzierung derartiger Entwicklungen einfach nicht auf Jahre hinaus vorhersehen läßt. Die technologische Entwicklung spielt sich heutzutage in vielen Bereichen, wie z. B. der Informationstechnologie, mit großer Geschwindigkeit ab. Schließlich brauchten die bedeutenden Industrieunternehmen von ehemals mehrere Jahrzehnte, um den Höhepunkt ihrer Macht und Kapazität zu erreichen; die Stahlerzeugung bzw. die Automobilindustrie konnten sich erst nach Jahren durchsetzen. Was die Welt der Software betrifft, haben wir beobachten können, wie sich die Firma Microsoft innerhalb von wenigen Jahren zu einem der Hauptakteure auf dem Weltmarkt entwickelte. Mittlerweile lassen sich Entwicklungsgeschichten verfolgen, die den Reifungsprozeß innerhalb eines Jahres durchmachen - wie z. B. Netscape und andere Anwendungsgebiete im World Wide Web. Daraus leitet sich natürlich eine Herausforderung für die Welt der Wissenschaft ab, die anpassungsfähig genug sein muß, mit diesen Erfordernissen Schritt zu halten und hinsichtlich Informatik und Technologie genügend Weitblick zu besitzen - wobei ebendiese Wertmaßstäbe von vielen bezweifelt werden. Ähnlich verhält es sich mit der Zusammenarbeit in den führenden Unternehmen. Obwohl sich ein Unternehmen die Beschäftigung von Mitarbeitern mit bestem technologischem Weitblick einiges kosten läßt, kann das betreffende Unternehmen leicht ins Hintertreffen geraten und Marktanteil einbüßen, wenn diese hochbezahlten Fachleute die Signale einfach nicht erkennen. Es ist natürlich keine einfache Aufgabe, stets flexibel zu bleiben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich dennoch die Bewegungsfreiheit zu erhalten, auch in anderen wichtigen Bereichen aktiv zu werden. - Bezieht die Kommission im Fünften Rahmenprogramm eine wettbewerbsfreundliche Stellung? Es ist ein wichtiges Element der Wettbewerbspolitik, daß wir beim Umsetzen unserer wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften auch in wirtschaftlicher Hinsicht größere Fortschritte machen. Vor 10 bis 20 Jahren wurde noch weithin der Standpunkt vertreten, daß der Wissenschaft ein Interesse an ökonomischen Auswirkungen schaden würde. Ferner war man der Ansicht, daß die Kapitalisierung der öffentlichen Einrichtungen - denn darum handelt es sich ja letztendlich bei der öffentlich finanzierten Forschung - nicht fair wäre. Es stimmt schon, daß ökonomische Interessen nicht der Leitstern für die Grundlagenwissenschaft sein dürfen. Aber statt uns mit der Entwicklung von Grundlagenkenntnissen zufrieden zu geben, müssen wir Wege finden, wie wir diese in ökonomische und soziale Vorteile umsetzen. Ein wichtiger Punkt besteht darin, die öffentlich finanzierte Forschung der Öffentlichkeit tatsächlich zugänglich zu machen. Auch in dieser Hinsicht scheiden sich die Geister. Es leuchtet allerseits ein, daß wir bedeutende Investitionen in den öffentlichen Sektor, wie auch in die Erarbeitung neuer Kenntnisse, vornehmen. Um auf Wissen gestützte Industriezweige zu schaffen, muß man zunächst einmal dafür sorgen, daß dieses Wissen leicht zugänglich ist. Eine weitere Aufgabe besteht darin, faire und gerechte Vorschriften bzw. Bestimmungen für diese Tätigkeiten festzulegen: Wer hat den Anspruch auf das geistige Eigentum? Welche Gewinnchancen bieten sich? Worin bestehen die Risiken? In den Vereinigten Staaten sind diese Entwicklungen schon um einiges weiter fortgeschritten als in den meisten europäischen Ländern. Es haben sich jedoch auch in einigen europäischen Staaten bereits ähnliche Aktivitäten abgezeichnet. Es handelt sich hier um eine Übergangsphase: Es geht nicht einfach darum, ob man genug Finanzierungshilfe für Forschungsarbeiten erhält, sondern auch, ob man genügend Fürsprecher und Glaubwürdigkeit nachweisen kann, um eine wertvolle Entwicklung auch wirklich im globalen Markt unterzubringen. Die rapide Entwicklung dieser Industriezweige läßt einfach nicht genug Zeit, ein Produkt zunächst einmal am lokalen Absatzmarkt zu testen, dann die Produktion auf das ganze Land auszudehnen und schließlich Exportsysteme einzurichten. Gewöhnlich wird ein Absatzmarkt gleich als international oder gar global gesehen, die Entwicklungsphasen sind zeitlich stark gedrängt und das erforderliche Anschaffungskapital ist sehr beträchtlich, bevor sich eine Investition bezahlt macht. Daher ist gewöhnlich auch ein größerer Einsatz bzw. ein besser koordinierter Einsatz einer Reihe von Akteuren erforderlich. - Wie sehen sie das Verhältnis zwischen dem Aktionsplan für Innovation und dem Fünften Rahmenprogramm? Der sich auf das Grünbuch stützende Aktionsplan ist jetzt in Arbeit: wir haben begonnen, uns darüber zu unterhalten, wie wir effizientere Arten des Technologietransfers sowie Schnittstellen mit Risikokapital in Europa schaffen können. Die Kommission hat auch bei der Einrichtung von EASDAQ, der Europäischen Vereinigung zur Automatischen Notierung der Wertpapierhändler für kleine technologisch und wissenschaftlich orientierte Unternehmen geholfen. Auch dies ist ein Bereich, der einen europaweiten Ansatz erfordert. Die Investition, die beispielsweise zur Umsetzung einer biotechnologischen Erfindung oder wissenschaftlicher Ergebnisse in Produkte erforderlich ist - gleich, ob es sich dabei um Pharmazeutik oder Nahrungsmittel handelt - ist so aufwendig, daß sie einfach nicht zu rechtfertigen wäre, wenn man nur einen kleinen Absatzmarkt in einem einzigen Land ins Auge fassen würde. Meines Erachtens müssen die Vorschriften und Leitlinien für biotechnologische Erfindungen auf europäischer Ebene festgelegt werden. Innovation hat Priorität und muß sich auf ausgezeichnete wissenschaftliche und technische Forschungsergebnisse stützen. Auf schlechte wissenschaftliche Arbeit kann man keine Innovation aufbauen. Meiner Erfahrung nach kann in vielen Gebieten nur die beste wissenschaftliche Arbeit zu wirklich bedeutenden wirtschaftlichen Ergebnissen führen. Hier haben wir also den Grund für die Unterstützung von Studien, die selbst grundlegendster Art sein können. Das Entscheidende ist jedoch, daß wir diese Arbeit sinnvoller mit Maßnahmen verbinden, die uns über die Forschungsphase hinaus bringen. Von diesen Faktoren wird die Debatte über die Form des Fünften Rahmenprogramms beeinflußt.

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