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Inhalt archiviert am 2024-04-22

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Feature Stories - Hin zu weniger Todesfällen durch unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen

Schätzungen zufolge fallen Jahr für Jahr mehr Europäer falsch verschriebenen Medikamenten als dem Straßenverkehr zum Opfer. EU-finanzierte Forscher machen sich jetzt die Informations- und Telekommunikationstechnologien zu Nutze, um diesem Geschehen Einhalt zu gebieten. Ein Software-Entscheidungshilfesystem warnt Fachkräfte im Gesundheitswesen auf Basis einer Einzelfallbeurteilung vor den potenziellen Risiken bestimmter Arzneimittel für spezielle Patienten. Das bahnbrechende System verspricht Leben zu retten, eine bessere Patientenversorgung sowie die Senkung der Kosten im Gesundheitswesen.

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Obgleich flächendeckende Zahlen für Europa schwer zu bekommen sind, geht man anhand nationaler Untersuchungen davon aus, dass die Auftretenshäufigkeit "unerwünschter Arzneimittelwirkungen" (UAW) etwa auf dem gleichen Niveau wie in den Vereinigten Staaten liegt. Die Daten aus den USA zeigen, dass bei einer von zehn Krankenhauseinweisungen ernsthafte Fehler unterlaufen, von denen 60 Prozent mit Medikamenten zu tun haben - und hierbei sind die von Ärzten außerhalb der Krankenhäuser ausgestellten Rezepte noch nicht berücksichtigt. Tatsächlich sind Patienten, die eine Krankheit behandeln lassen müssen, recht häufig der Gefahr ausgesetzt, dass ihnen unbeabsichtigterweise Arzneimittel verabreicht werden, die gefährliche Nebenwirkungen haben oder andere medizinische Probleme verursachen und im schlimmsten Falle sogar zum Tode führen können. "Unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen sind weltweit ein großes Problem. Mal wird die falsche Sorte Medikamente verschrieben, mal die falsche Dosierungen gegeben, oder es werden Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln übersehen… und, was am alarmierendsten ist, meist bleiben diese unerwünschten Arzneimittelnebenwirkungen auch noch unentdeckt: Vielen Ärzten ist einfach nicht bewusst, dass die Medikamente, die der Patient einnimmt, Probleme verursachen", berichtet Régis Beuscart, Professor am Centre Hospitalier Regional et Universitaire de Lille in Frankreich. Prof. Beuscart koordinierte das Projekt "Patient safety through intelligent procedures in medication" (PSIP) und leitete ein Forscherteam aus ganz Europa, das innovative Technologien entwickelte, die Ärzten dabei helfen sollen, die richtigen Medikamente auf der Grundlage der Patientengeschichte, der Wirkungen und Nebenwirkungen und anderer situationsgebundener Faktoren zu verschreiben. Das mit Hilfe von 7,27 Millionen EUR Finanzmitteln von der Europäischen Kommission entwickelte Softwaresystem, das sich derzeit in bulgarischen, dänischen und französischen Krankenhäusern im Einsatz befindet, verheißt eine reduzierte Häufigkeit unerwünschter Arzneimittelnebenwirkungen um mehr als 20 Prozent, was möglicherweise jedes Jahr Tausenden von Menschen das Leben retten könnte. Aufgrund des Fehlens umfassender, standardisierter Beschreibungen unerwünschter Arzneimittelnebenwirkungen bauten die Forscher zuerst eine Taxonomie auf, um die in Krankenhäusern beobachteten UAW-Charakteristika zu beschreiben. Diese Taxonomie steht unter PSIP-Website zu Verfügung. Die Wissenschaftler wendeten Verfahren des Data Mining und des semantischen Mining auf über 105.000 medizinische Dokumentationen an, um die Häufigkeit des Auftretens unerwünschter Nebenwirkungen von Medikamenten in den beteiligten Krankenhäusern zu ermitteln. Die Informationen in streng anonymisierter Form, um die Privatsphäre der Patienten zu schützen, und umgewandelt in ein gemeinsames Datenmodell, ermöglichten es den Forschern, reale Fälle zu identifizieren, in denen Patienten dadurch Nebenwirkungen erleiden mussten, weil ihnen das falsche Medikament oder eine ungeeignete Arzneimittelkombination verabreicht wurde. Sie betrachteten nicht nur die bekannten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und die zu behandelnde Krankheit, sondern legten besonderes Gewicht auf andere bei den Patienten vorhandene Erkrankungen und Risikofaktoren wie etwa Alter und Krankengeschichte. Dann wurde statistische Analyse angewandt, um Charakteristiken für 56 übliche unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen zu definieren, die mit Hilfe eines Pakets von 236 Regeln identifiziert werden. Das Team entwickelte mit diesem Satz von Regeln ein Software-Entscheidungshilfessystem, bei dem sogenannte UAW-Berichtsbögen (ADE Scorecards) für Fachkräfte im Gesundheitswesen wie Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker genutzt werden, um sie auf Einzelfallbasis in Bezug auf die möglichen Risiken der Verschreibung oder Verabreichung bestimmter Medikamente an spezielle Patienten zu warnen. Nach der Eingabe der Patientendaten, der Diagnose und Informationen zum Medikament, warnt das Scorecard-System den Arzt zum Beispiel davor, einen Patienten nach einem chirurgischen Eingriff lieber nicht dem hohen Risiko der Entwicklung von Magenerkrankungen wie Geschwüren durch Schmerzmittel auszusetzen, die nichtsteroidale entzündungshemmende Wirkstoffe enthalten. Für die meisten Patienten ist die Behandlung mit diesen Mitteln völlig in Ordnung, aber nur allzu oft werden solche Medikamente auch Menschen verabreicht, bei denen die Gefahr der Entstehung von Magengeschwüren besteht, was dann zu zusätzlichen gesundheitlichen Komplikationen und sogar zum Tod durch innere Blutungen führen kann. Ältere Menschen am stärksten gefährdet "Das Problem ist bei älteren Patienten und bei Patienten mit Mehrfacherkrankungen ganz besonders akut", verdeutlicht Professor Beuscart. "Manche Menschen, speziell ältere Patienten, nehmen mitunter zehn bis zwanzig verschiedene Medikamente ein - da ist es auch für einen Arzt schlicht unmöglich, für all diese Präparate die möglichen Wechselwirkungen zwischen den Wirkstoffen zu kennen und wie sie sich einzeln oder in Kombination mit den verschiedenen Krankheiten des Patienten auswirken." In einer Serie von Studien, die zum andauernden Einsatz des Systems in Krankenhäusern in Bulgarien, Dänemark und Frankreich führte, zeigte sich bei der Erfassung potenzieller unerwünschter Arzneimittelnebenwirkungen eine Genauigkeit von 50 Prozent, was weitaus höher als bei anderen derzeit angewandten Methoden liegt. "Sobald wir den medizinischen Fachkräften beweisen konnten, dass das System die Gefahr von unerwünschten Arzneimittelnebenwirkungen bei Patienten aufspüren kann, die bereits Wirkungen dieser Art erleiden mussten, ohne das es erkannt wurde, war die Reaktion auf das System überwältigend positiv", weiß der Projektkoordinator zu berichten. "Ich bin selber Arzt und ich weiß, wie ungern sich Fachkräfte im Gesundheitswesen auf die Übernahme neuer Technologie einlassen - aber viele Leute waren von den Ergebnissen überrascht." Das Projektteam entwickelte die Software mit dem Schwerpunkt der Nutzerfreundlichkeit und einer webbasierten Schnittstelle, um zu gewährleisten, dass sie in die Arbeitsabläufe der Mitarbeiter des Gesundheitswesen hineinpasst und problemlos in die existierenden Informationssysteme der Krankenhäuser integriert werden kann. Die Forscher arbeiteten eng mit den Fachkräften vor Ort zusammen, führten Gesprächsgruppen, Entwurfsspiele und Kritik-Workshops durch, um das System so weit wie möglich an die Erwartungen und Vorlieben der Anwender anzupassen. Die problemlose Integration in Vorhandenes war vor allem in Bulgarien wichtig. Das System wurde innerhalb von weniger als sechs Monaten in das Krankenhaus-Informationssystem am University Specialised Hospital for Active Treatment of Endocrinology (USHATE) integriert, obwohl die Schnittstelle an den kyrillischen Schriftsatz der bulgarischen Sprache angepasst werden musste. Die Umsetzung wurde durch die Tatsache unterstützt, dass das Krankenhausinformationssystem am USHATE hausintern entwickelt wurde, ohne auf proprietäre Software von Drittfirmen zurückzugreifen. "Dieser Fakt gestattete eine enge Integration des Systems, während das System bei den anderen Versuchen loser gekoppelt sein musste, da die Krankenhäuser Fremdsoftware verwenden", erläutert Professor Beuscart. Eine Prototypversion ist immer noch in dem bulgarischen Krankenhaus im Einsatz und wird in der nahen Zukunft außerdem in einem Krankenhaus im benachbarten Griechenland eingeführt werden. Das PSIP-System wird auch weiterhin in Dänemark eingesetzt und wird in den kommenden Monaten auf noch mehr Krankenhäuser in Frankreich erweitert werden. "Etliche Unternehmen haben Interesse an der Nutzung unserer Entwicklung in deren Krankenhausinformationssystemen bekundet. Wir arbeiten mit ein paar Unternehmen in Frankreich zusammen, um kommerzielle Software auf Grundlage der Ergebnisse des PSIP-Projekts zu entwickeln", erklärt Professor Beuscart. Die PSIP-Technik verspricht zusätzlich zur Rettung von Menschenleben und einer verbesserten Patientenversorgung außerdem konkrete Kosteneinsparungen für die Krankenhäuser und das Gesundheitswesen. Ein Umsetzungsszenario schätzt ein, dass die Anwendung der PSIP-ADE-Scorecards zu einer Verbesserung bei der Prävention unerwünschter Arzneimittelnebenwirkungen um drei Prozent jährlich - über fünf Jahre hinweg - führen könnte. Geht man davon aus, dass drei alltägliche unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen (Hyperkaliämie, Niereninsuffizienz und Gerinnungsstörungen) den Aufenthalt eines Patienten im Krankenhaus um 5,3 Tage bei Kosten von durchschnittlich 4.500 EUR verlängern, so würde das System, installierte man es europaweit in den Krankenhäusern, tatsächlich jährliche Einsparungen in Millionenhöhe erbringen. Die Gefahr durch unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen kann aufgrund der zunehmenden Alterung der Bevölkerung und der ständig steigenden Menge an Medikamenten, die die Menschen gegen mit dem hohen Alter und dem Erhalt der Lebensqualität verbundene Krankheiten einnehmen, in Zukunft nur größer werden. Die innerhalb des PSIP-Projekts entwickelte Technologie könnte - so sie denn großflächig umgesetzt wird - diesem Trend entgegenwirken. PSIP erhielt innerhalb des Siebten EU-Rahmenprogramms (RP7) Mittel zur Forschungsfinanzierung. Nützliche Links: - Website "Patient Safety through Intelligent Procedures in Medication" - PSIP-Projekt-Factsheet auf CORDIS Weiterführende Artikel: - Der "virtuelle Patient" - Plädoyer für weitere Forschungsförderung - Europäische Mediziner vom E-Health-Fieber gepackt - Einführung elektronischer Ausweisdokumente in Europa schreitet voran