CORDIS
Forschungsergebnisse der EU

CORDIS

Deutsch DE

Alternative Grassroots Organizations as a Response to Austerity: perspectives from Southern Europe

Deutsch DE

Erforschung von wirtschaftlichen Alternativen aus der Zivilgesellschaft

Seit der Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 bis 2009 und den darauffolgenden Sparmaßnahmen gibt es Anzeichen einer wachsenden organisierten Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit der bestehenden Ordnung. Das Projekt AGORA hat untersucht, unter welchen Bedingungen politisches Engagement auch echte wirtschaftliche Alternativen aufzeigt.

GESELLSCHAFT

© Rawpixel.com, Shutterstock

Einige Forschende, darunter Professorin Donatella della Porta, eine italienische Politikwissenschaftlerin, haben behauptet, dass in den letzten Jahren das Vertrauen in die institutionelle Politik aufgrund einer „gefühlten“ Unzulänglichkeit und Instabilität des gegenwärtigen Wirtschaftssystems – verstärkt durch die Finanzkrise 2008-2009 – abgenommen hat. Außerdem wird argumentiert, dass die Zivilgesellschaft auf die wahrgenommene Ungerechtigkeit des Weltwirtschaftssystems reagiert hat, indem sie bereitwilliger ihre Ablehnung zum Ausdruck bringt. Ein Beispiel dafür ist die Bewegung „Occupy“. Vor diesem Hintergrund wurde die Fähigkeit der repräsentativen Demokratie, Lösungen für die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger zu finden, in Frage gestellt sowie die steigende Ungleichheit angeprangert. Im Rahmen des EU-finanzierten Projekts AGORA, für das ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendium vergeben wurde, wurden die verschiedenen Bedingungen analysiert, welche die Entwicklung von solidarwirtschaftlichen Bewegungen ermöglichen. Die Ergebnisse verdeutlichten die drei wichtigsten Ausprägungen solidarwirtschaftlicher Organisationen in Bezug auf produktive, kollektive und einander zugewandte Arten des Handelns, die ihre Entstehung und ihren Erfolg erklären.

Aus der Perspektive der sozialen Bewegung

AGORA wandte die aus den Sozialwissenschaften übernommene Theorie der sozialen Bewegung an, um die politische Dimension sozialwirtschaftlicher Organisationen auszuloten und deren transformatives Potenzial zu erklären. Sozialwirtschaftliche Organisationen verfolgen explizite wirtschaftliche und soziale (und oft auch ökologische) Ziele. Sie beinhalten unterschiedliche Grade und Formen kooperativer, assoziativer und solidarischer Beziehungen zwischen Angestellten, Produzenten und Verbrauchern und praktizieren Demokratie am Arbeitsplatz sowie Selbstverwaltung. „Es ist äußerst aufschlussreich, sie zu untersuchen, da sie echte Alternativen zu den gegenwärtigen Strukturen aufzeigen und sie anwenden, um sich am Aufbau einer gerechteren Gesellschaft zu versuchen. Sie implizieren eine andere Sichtweise auf die Realität, gemäß der soziale Beziehungen auf Gegenseitigkeit und Gemeinsamkeit beruhen“, erläutert die Marie-Skłodowska-Curie-Forscherin Dr. Michela Giovannini. Dr. Giovannini untersuchte sozialwirtschaftliche Organisationen, die in verschiedenen Arbeitsgebieten wie etwa Bildung, Lebensmittelversorgung, Wohnen und Gesundheitswesen in Spanien (Katalonien) und Portugal tätig sind. Neben der Durchführung halbstrukturierter Interviews mit einigen Mitgliedern kam außerdem bei manchen speziellen Veranstaltungen die teilnehmende Beobachtung sowie Dokumentenanalyse zum Einsatz. „Die wichtigste Erkenntnis war, dass die politische Dimension sozialwirtschaftlicher Organisationen auf eine Suche danach hinausläuft, was es eigentlich bedeutet, in einer Demokratie zusammenzuleben. Außerdem geht es um die Kontrolle des öffentlichen Raums, um Experimente mit neuen Formen von Wirtschaft und Politik zu ermöglichen, die von unten nach oben aufgebaut sind“, berichtet Dr. Giovannini. Abgesehen von der oftmals pragmatischen und lokalen Reaktion der unter gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Stress stehenden Gemeinschaften wurde eine weitere Erklärung für den Aufschwung der sozialwirtschaftlichen Organisationen in den von ihnen gebotenen Chancen zur Stärkung sozialer Identitäten durch den Austausch von Praktiken, Ideen und Symbolen gefunden. Eine Tradition der starken formellen und informellen Netzwerke (z. B. für einen nicht monetären Austausch) sowie ein historisches Erbe an bürgerschaftlicher Beteiligung eignen sich auch für die Gründung sozialwirtschaftlicher Bewegungen, wie es die Forscherin anhand Kataloniens nachweisen konnte.

Anwendungsbereich vergrößern

In der nächsten Projektphase sollen die Forschungsnetzwerke rund um das Thema erweitert werden. Ein zukünftig zu berücksichtigender Ansatz besteht darin, diese Sondierungsstudie auf andere europäische und lateinamerikanische Kontexte auszudehnen. Damit werden die theoretischen Grundlagen der Forschung weiterentwickelt und Materialien zur Bewertung der politischen Auswirkungen gewonnen. „Ich denke, es wird immer wichtiger, die Aufmerksamkeit auf sozialwirtschaftliche Organisationen zu lenken, sie zu verstehen und zu unterstützen. Nicht mithilfe von Top-down-Interventionen, sondern mit gemeinsam entwickelten Strategien, anhand derer Aktive und praktisch Tätige mit Institutionen zusammenarbeiten, um gerechtere Politik zu gestalten. Es hat mich wirklich inspiriert, so viele an der Suche nach Alternativen beteiligte leidenschaftliche und engagierte junge Menschen zu sehen“, lautet Dr. Giovanninis Fazit.

Schlüsselbegriffe

AGORA, Solidarwirtschaft, Demokratie, nicht monetär, Netzwerke, Theorie der sozialen Bewegung, Sparmaßnahmen, Zivilgesellschaft, soziale Identitäten, Aktivistinnen, Aktivisten

Projektinformationen

ID Finanzhilfevereinbarung: 747082

  • Startdatum

    1 Juni 2017

  • Enddatum

    31 Mai 2019

Finanziert unter:

H2020-EU.1.3.2.

  • Gesamtbudget:

    € 160 635,60

  • EU-Beitrag

    € 160 635,60

Koordiniert durch:

CENTRO DE ESTUDOS SOCIAIS