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Interview

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Ein öffentlicher Speicher für Toxizitätsdaten

Die Öffentlichkeit setzt sich immer vehementer für die Abschaffung von Tierversuchen – besonders in der Kosmetikbranche – ein. Dies zeigt, dass einzelne Forschungsprojekte mit diesem Ziel nicht mehr ausreichen. Forschern muss ein Tool zur Verfügung stehen, über das sie alle verfügbaren Daten einsehen und ihre eigenen Ergebnisse veröffentlichen können – und genau das ermöglicht ihnen TOXBANK.

Im Rahmen des Projekts TOXBANK (Supporting Integrated Data Analysis and Servicing of Alternative Testing Methods in Toxicology), das Teil des SEURAT-1-Clusters ist, wurde eine Reihe an Tools für Wissenschaftler entwickelt, die der Durchführung von Studien mit wiederholter Dosenverabreichung zum Test systemischer Toxikologie dienen sollen. Da diese Tests in der Regel an Tieren durchgeführt werden, erhofft man sich von den Tools einen Rückgang der Tierversuche. Diese neuen webbasierten Tools sind frei verfügbar und sollen hauptsächlich als dedizierte Plattformen für die Verwaltung und Modellierung von Toxiditätsdaten sowie der Sammlung von Ergebnissen der SEURAT-1-Projekte und Daten aus weiteren Quellen, einschließlich öffentlicher Datenbanken, dienen. Sie umfassen darüber hinaus eine Datenbank zu Verbindungen, die als „Goldstandard“ gilt, Daten zu ausgewählten getesteten Verbindungen und sie dienen als Referenzressource für Zellen, Zelllinien und Gewebe, die für die im Rahmen von SEURAT-1-Projekten durchgeführte systemische, toxikologische In-vitro-Forschung relevant sind. Dr. Emilio Benfenati, Projektkoordinator und Leiter des Labors für Umweltchemie und -toxikologie des Instituts Mario Negri in Italien, gibt Auskunft darüber, wie diese Tools den Bedarf an In-vivo-Tests letzten Endes reduzieren werden, mit welchen Ergebnissen während und nach Abschluss des Projekts gerechnet werden darf und wie andere Sektoren, die weiterhin auf In-vivo-Daten setzen, ebenfalls von diesen Tools profitieren können. Welche Fortschritte haben Sie bei der Entwicklung der TOXBANK-Datenplattform bereits erzielt und inwieweit kommen Sie den Projektzielen näher? Wir haben bereits einen Prototypen der TOXBANK-Datenplattform implementiert, über den nun auf die verarbeiteten Daten und die Protokolle aus den Experimenten sowie relevante öffentliche Informationen zugegriffen werden kann. Dies schließt auch die Entwicklung bzw. Anpassung einer webbasierten Schnittstelle für die Verknüpfung und das Hochladen von Daten ein. Zu diesen Daten zählen Rohdaten, verarbeitete Daten und Testergebnisse. Für jeden Schritt des Experiments wird in ein Protokoll erstellt, in dem die Vorgehensweise beschrieben wird. Darüber hinaus wurde eine webbasierte Schnittstelle für die Suche und das Filtern der Ergebnisse implementiert, über die Sie auf alle Protokolle und Daten zugreifen können, wobei selbstverständlich die Rechte an geistigem Eigentum gewahrt werden. Das System wurde als einer von mehreren REST-basierten Webdiensten implementiert, die die Verknüpfung mit andern Systemen im Cluster und sogar mit externen Ressourcen ermöglichen. Die TOXBANK-Datenbank steht der Öffentlichkeit seit Herbst 2014 zur Verfügung. Wir sind nun dabei, öffentliche Daten zu Referenzverbindungen in die Datenbank zu integrieren, sodass diese in die im Zuge der SEURAT-1-Fallstudien durchgeführten Metaanalysen und Risikobewertungen miteinbezogen werden können. Die Plattform ist also einsatzbereit und wir pflegen derzeit die Ergebnisse aus verschiedenen SEURAT-1-Projekten sowie Daten aus externen Quellen wie ToxCast ein. Wie schätzen Sie die Auswirkungen ein, die Ihre Arbeit auf die Forschung in diesem Bereich haben wird? Mit dem TOXBANK-Projekt unterstützen wir alle SEURAT-1-Projekte mit einer wichtigen Infrastruktur und unverzichtbaren Funktionen, indem wir ihnen zentral einige standardisierte Datenressourcen sowie Daten zu Verbindungen und biologischen Proben zusammen mit standardisierten Vorgehensweisen und Leitfäden zur Verfügung stellen. Indem wir Wissenschaftlern profunde Daten zu Verbindungen, Zellen und Geweben bereitstellen, fördern wir innovative Tests auf Basis menschlicher Zellen, die eine präzisere Toxizitätsbestimmung ermöglichen werden. Diese Ressourcen sollen SEURAT-1-Forscher von der Anfangsphase der Entwicklung alternativer In-Vitro-Tests ab unterstützen und leiten. Damit möchten wir die Chancen maximieren, dass die Tests die vom ECVAM definierte Prävalidierungsphase erreichen und letztendlich gemäß der REACH-Verordnung validiert und rechtlich anerkannt werden. Regulierungsbehörden sind also derzeit die Hauptzielgruppe für unsere Infrastruktur. REACH stellt hohe Erwartungen an Unternehmen, die auf europäischen Märkten agieren und dort am Import oder der Herstellung von Produkten beteiligt sind, die chemische Substanzen enthalten. Von diesen Unternehmen wird erwartet, dass sie möglichst immer das 3R-Prinzip erfüllen und wenn möglich Alternativen bewerten, darauf zurückgreifen und Bericht dazu erstatten. Da Ressourcen wie TOXBANK, die Branchenstandards erfüllen, für die Sicherheitsbewertung erforderlich sind, ist diese Branche also eine weitere wichtige Zielgruppe für unsere Infrastruktur. REACH wird insbesondere eine Herausforderung für kleine und mittlere Unternehmen darstellen, da diese häufig nicht über interne Tools oder Wissensressourcen für Bewertungen verfügen. Unsere Infrastruktur sollte sich zudem positiv auf die europäische Kosmetikbranche und weitere Unternehmen, für die die Kosmetikrichtlinie gilt, auswirken. Diese Richtlinie stellt sehr hohe 3R-Anforderungen an Hersteller von Endverbraucherprodukten: Sie schreibt vor, dass alle Tierversuche zum Test systemischer Toxikologie bis 2013 von anderen Tests abgelöst werden müssen. Letztendlich erwarten wir einen Schneeballeffekt, durch den alle Daten nach und nach verfügbar gemacht werden, und der es möglich macht, dass die verschiedenen Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Datensätzen erforscht werden können. Da die TOXBANK-Ergebnisse von einem einfachen Computer aus eingesehen werden können, gehen wir davon aus, dass noch viele weitere Parteien von ihnen profitieren werden. Wann wird die Plattform voll funktionsfähig sein? TOXBANK kann bereits verwendet werden. Bisher wurden bereits 61 Protokolle und Daten zu 39 Tests auf die Datenplattform geladen und acht Tests werden derzeit vorbereitet. Die TOXBANK-Projektteilnehmer wandelten die von USEPA bereitgestellten Dateien und Datenbanken in das ISA-Tab-Format um, sodass sie sie in die Plattform einspeisen konnten. Das Projekt wird Ende Dezember 2015 abgeschlossen werden; wir erwarten in den letzten Monaten also noch weitere Daten aus den laufenden SEURAT-1-Projekten. Welches Feedback haben Sie bisher von Forschern erhalten? Wir haben TOXBANK bei verschiedenen Konferenzen und Veranstaltungen vorgestellt. Unser Projekt fand aufgrund von zwei Aspekten Anklang. Der erste war der praktische Aspekt: Es ermöglicht den Zugriff auf Daten, die für gewöhnlich auf die Berichte zu individuellen Experimenten verteilt und in diesen versteckt sind. Dank TOXBANK können Daten, die genutzt werden können, um die Anzahl an Tierversuchen zu reduzieren, aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet werden. Für die Kosmetikbranche ist offensichtlich der beweisbasierte Ansatz der interessanteste, da sie die Sicherheit kosmetischer Inhaltsstoffe gewährleisten muss. Für diese Branche ist es von entscheidender Bedeutung, alle Daten optimal nutzen zu können. Der zweite Aspekt, der Interesse hervorrief, war der theoretische: Allgemein formuliert fand die Tatsache Anklang, dass das Potenzial der Daten voll ausgeschöpft werden kann. Dies kommt natürlich nicht nur der Kosmetikbranche zugute. Auch die für die REACH-Verordnung zuständigen Regulierungsbehörden zeigen Interesse an den Ergebnissen von TOXBANK und SEURAT-1. Zudem befasst sich auch EFSA intensiv mit der optimalen Verwendung von Daten sowie den besten Ansätzen und liefert Informationen für den beweisbasierten Ansatz. Sehr allgemein formuliert möchten die Forscher also den Zugriff auf Daten und deren Verwendung optimieren. Dies ist ein strategisches Ziel für den Bereich der Toxikologie. Sie werden das öffentliche Forum zu TOXBANK im Oktober leiten. Was erwartet die Besucher dieser Veranstaltung? Diese Veranstaltung richtet sich speziell an Branchenbeteiligte. Die Kosmetikbranche muss die Sicherheit kosmetischer Inhaltsstoffe mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Methoden prüfen, jedoch ohne dazu auf Tierversuche zurückzugreifen. Für diese Branche ist es von entscheidender Bedeutung, so schnell wie möglich genügend Beweise für die Sicherheit ihrer Inhaltsstoffe zu sammeln. Hier wird die Branche von TOXBANK profitieren, da sie alle verfügbaren Daten zu bestimmten Substanzen übersichtlich anzeigen und effizient prüfen kann, wobei sie problemlos Daten verschiedener Quellen kombinieren kann – ein Unterfangen, das bisher sehr schwierig war. TOXBANK stellt Ihnen eine erweiterte, leistungsstarke Plattform zur Verfügung. Diese Veranstaltung wird aber auch eine perfekte Gelegenheit bieten, um Kontakte mit anderen Beteiligten zu knüpfen und den Grundstein für künftige Zusammenarbeit zu legen. Ist die EU Ihrer Meinung nach auf dem richtigen Weg, um das Ziel der Abschaffung von Tierversuchen zu erreichen? Die EU ist eine komplexe Gemeinschaft mit vielen verschiedenen Mitgliedstaaten und zahlreichen Verordnungen. Sie hat sich tatsächlich zum Ziel gesetzt, Tierversuche abzuschaffen, doch sie verfolgt auch weitere Ziele, wie unsere Sicherheit oder den Umweltschutz. In manchen Fällen geraten diese mit dem Ziel der Abschaffung von Tierversuchen in Konflikt. In Bezug auf Tierversuche mit kosmetischen Inhaltsstoffen hat die EU ihr Ziel sicherlich schon fast erreicht, doch andere Verordnungen schlagen einen ganz anderen Weg ein. Um Tierversuche abschaffen und gleichzeitig unsere Gesundheit und die Umwelt schützen zu können, müssen wir einen ähnlichen Weg gehen, wie ihn beispielsweise die USA gegangen sind: Wir benötigen eine einheitliche Strategie, die von verschiedenen Regulierungsbehörden umgesetzt wird, und eine gemeinsame Vision. Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem Abschluss des Projekts? Die EU hat weiterhin vor, sich für die Abschaffung von Tierversuchen einzusetzen, beispielsweise in Form der Initiative H2020. Auch mit dem neuen Projekt EUTOXRISK21, an dem sich 10 Labors beteiligen, wird dieses Ziel verfolgt. Das neue Projekt, das ab Januar 2016 laufen soll, wird ebenfalls von TOXBANK profitieren können, da sich einige TOXBANK-Partner daran beteiligen und ihre Erfahrung und Ressourcen miteinbringen werden. Weitere Informationen sind verfügbar unter: TOXBANK-Projektwebsite

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