Busquin und die Sache mit der Forschung
Philippe Busquin sollte eigentlich erschöpft aussehen. Seit er im Januar diesen Jahres zum ersten Mal die Mitteilung der Kommission "Hin zu einem europäischen Forschungsraum" veröffentlichte, ist der Europäische Kommissar kreuz und quer über den Kontinent gereist und hat seine Vision von einer grundlegenden zukünftigen europäischen Forschungspolitik unter das Volk gebracht. In den Tagen vor dem Treffen mit dem CORDIS-Nachrichtendienst ist der belgische Kommissar nach Kreta, Genf und wieder zurück nach Brüssel gereist, wo er mit beinahe missionarischem Eifer die Idee vom Europäischen Forschungsraum (EFR) verbreitete und zu einem Feedback über den EFR aufrief. Ist er müde, so zeigt er es nicht, wenn er die wichtigste Nachricht seiner ersten Mitteilung als Forschungskommissar immer wieder ausführt. "Die Probleme der Wissenschaftler von morgen werden zweifellos enorme, mit sozialen Fragen verknüpfte Probleme sein und eine ganze Reihe von Disziplinen betreffen", erklärt der belgische Kommissar. "Die Wissenschaft ist heute globaler, und die einzelnen Mitgliedstaaten sind einfach zu klein, um die wichtigsten Fragen alleine lösen zu können. Um vorwärts zu kommen, müssen wir zusammenarbeiten", fügt er hinzu. Nach Ansicht von Busquin wird Europa eine größere Chance auf Erfolg haben, wenn die Ressourcen in einem EFR koordiniert werden. "Sehen Sie sich doch nur die Veröffentlichungen der Zeitschrift Nature dieser Tage an, dann werden Sie erkennen, dass es manchmal 15 bis 20 Mitautoren verschiedener Nationalitäten gibt. Das ist ein Zeichen dafür, dass auf wissenschaftlicher Ebene bereits ein Austausch des Fachwissens stattfindet", führt Busquin an. In den vergangenen Monaten gab es immer mehr Diskussionen über Form und Inhalt des nächsten Rahmenprogramms der Kommission, bei denen der EFR fast immer zur Sprache kam. Aber der Kommissar macht ohne Zögern deutlich, dass das Konzept eines Europäischen Forschungsraumes doch von dem des Rahmenprogramms der Gemeinschaft abzugrenzen sei. "Das Fünfte Rahmenprogramm hat bereits einige Aspekte eines EFR," erklärt der belgische Forschungskommissar. "Beispielsweise finden alle Projekte auf europäischer Ebene statt, und die Betonung liegt in gewisser Hinsicht auf der Mobilität der Forscherinnen und Forscher. Es ist aber kein Europäischer Forschungsraum. Das Rahmenprogramm ist ein Instrument, um die Ziele des EFR zu erreichen - man erinnere sich nur daran, dass es für lediglich fünf Prozent der für die Forschung in der EU ausgegebenen öffentlichen Mittel steht. Für mich ist der EFR ein politisches Konzept von Kommission, den Mitgliedstaaten und zwischenstaatlichen Institutionen, das den Zweck verfolgt, zwischen all diesen Einrichtungen mehr Kohärenz zu erzielen und eine europäische Wissenschaftsgemeinschaft mit Verbindungen zur europäischen Industrie zu begründen." Im Anschluss an die eingehende Erörterung der Januar-Mitteilung mit anderen Generaldirektionen sowie dem Europäischen Parlament und dem Rat mittels interinstitutioneller Konsultation, forderte Herr Busquin zu einer öffentlichen Debatte auf. "Diese Mitteilung ist weit verbreitet worden und alle Interessenten hatten die Chance, ihre Kommentare dazu abzugeben, welche nun in der [neuen] Mitteilung Berücksichtigung gefunden haben", sagt Busquin. Dabei bezieht er sich auf seine zweite Mitteilung über einen EFR, in der die Leitlinien zur bestmöglichen Vorgehensweise für die Realisierung festlegt sind. Die neue Mitteilung ist im Vergleich zur vorhergehenden eine ausgefeilte, auf Schwerpunkte konzentrierte und prägnantere Version. Auf gerade mal 22 Seiten sind die Prioritäten festgelegt, die zur Erreichung eines EFR notwendig sind, und Vorschläge zur Erarbeitung erster Wege in Richtung einer erfolgreichen Zusammenarbeit in der europäischen Forschungspolitik aufgezeigt. Eine Synopse der Kommunikation ist in den CORDIS-Nachrichten (RCN 15589) zu finden, doch im Wesentlichen werden zwei Zielsetzungen herausgearbeitet: - die Verbesserung der Kohärenz der in Europa durchgeführten Forschungsaktivitäten und Forschungskonzepte; und - die Forschung wieder zu einem zentralen Interesse der Gesellschaft zu machen. Auf die Frage hin, ob irgendwelche Punkte seiner Januar-Mitteilung kritisiert worden wären, entgegnete der Kommissar, dass dies nicht der Fall gewesen sei. "Sie fand auf breiter Basis Akzeptanz. Mir sind bislang keinerlei nachteilige Bemerkungen über die Mitteilung vom 8. Januar zu Ohren gekommen. Es gibt sehr wenige Punkte, die Anlass zu Kritik geboten hätten. Der schwierige Punkt ist die praktische Umsetzung. Jeder ist sehr glücklich über die politische Idee und das Konzept, aber nun müssen wir konkrete Schritte unternehmen. Um seinen Standpunkt zu veranschaulichen, beschreibt der Kommissar, wie schwierig es ist, die Barrieren der Mobilität für Forscher in der EU zu überwinden. Unterschiede in der Gesetzgebung und bei sozialen Aspekten zwischen den Mitgliedstaaten stellen Hindernisse dar, so etwa Unterschiede bei den Löhnen und Steuern. Die Gehälter der Forscher variieren innerhalb der EU enorm, wobei die am schlechtesten bezahlten Wissenschaftler in Portugal und die mit den höchsten Gehältern in Deutschland zu finden sind. In gewissem Umfang wird dies durch den Steuerstatus bedingt, ein Problem, dem er, so hofft Kommissar Busquin, mit seiner Arbeit Rechnung tragen kann, entsprechend dem Vorbild des belgischen Premierministers Guy Verhofstad, der zu einem früheren Zeitpunkt im Sommer diees Jahres zur Festlegung eines Sondersteuerstatus für Forscher aufrief, die von einem Land zum anderen ziehen. Dies wäre ein politisch schwieriges Unterfangen, über das der Kommissar nicht mit anderen Forschungsministern verhandeln müsste, sondern mit den Kanzlern der Mitgliedstaaten. Doch Busquin ist sich seiner Sache sicher. "Wir müssen die Schwierigkeiten erkennen und dann eine gemeinsame Entscheidung treffen, um weiter zu kommen. Das ist etwas, was wir nicht an einem Tag schaffen. Es ist ein dynamischer Prozess", so Busquin. Doch es gibt einige Sektoren - insbesondere im Bereich der "wichtigen Forschung", wo die Forschung einfach zu kostenintensiv oder risikoreich ist, als dass sie von einem Staat alleine durchgeführt werden könnte -, die sich schnell mit dem Konzept anfreundeten. Nach einem Treffen in Brüssel am 10. und 11. Oktober (siehe RCN 15628) haben sich in der Tat hochkarätige Vertreter der Luft- und Raumfahrtindustrie bereits verpflichtet, die Philosophie in die Praxis umzusetzen. Und auch die Kommission treibt die Bemühungen einer Kooperation mit der Europäischen Raumfahrtbehörde und dem Russischen Weltraumprogramm voran (siehe CORDIS Focus 159, RCN 15555). Nun fordert Herr Busquin die Mitgliedstaaten auf, in einer "offenen Kooperation" zusammenzuarbeiten, um auf diese Weise eine umfassende europäische Forschungsstrategie zu erreichen. "Es ist im Interesse aller Menschen, eine kritische Masse zu haben, denn eine derart offene Koordination ist auch für die Forschung in vielen Bereichen möglich. Da nun eher ein Gefühl von Interdisziplinarität und Globalität vorhanden ist, ... müssen wir in Netzwerken mit den besten in Teams in Europa zusammenarbeiten." Bislang scheint der Vorschlag von Busquin, die Kommission solle als zentrale Koordinationsstelle für den EFR fungieren, bei den Mitgliedstaaten gut anzukommen, obgleich der Kommissar einräumt, dass es einige Schwierigkeiten gebe. "Alle Mitgliedstaaten haben nationale Modelle für Forschungspolitik und nicht so viel Geld für ihre eigene Forschung, und deshalb werden sie Schwierigkeiten haben, sich für andere Länder zu öffnen." Doch", so fügt er hinzu, "am Beispiel Finnlands zeigt sich, dass diese Öffnung bereits im Gange ist." Finnlands Forschungsprogramme werden von nicht-einheimischen Experten überprüft. "Es ist ein kleines Land, das hinter seiner Öffnung steht, und die Ergebnisse sind gut. Finnland ist ein sehr fortschrittliches Land. Es betreibt eine Menge industrieller und wissenschaftlicher Forschung und investiert auch sehr viel, und die Finnen stehen dem Urteil anderer Länder offen gegenüber. Somit ist Finnland ein gutes Beispiel für Benchmarking." Herr Busquin hat zu einer umfangreichen Erprobung des Benchmarking in der EU aufgerufen, mit dem Ziel, die beste Praxis in der Forschung und technologischen Entwicklung in jedem Land zu vergleichen. Die Veröffentlichung des Berichts ist für einen späteren Zeitpunkt dieses Jahres geplant, und der Kommissar freut sich auf die Ergebnisse. "Benchmarking wird der Industrie und den Menschen ermöglichen, das Niveau des Fachwissens in den verschiedenen Ländern miteinander zu vergleichen, und die Industrie wird schon merken, welches die guten Länder sind", so Busquin. "Das könnte die besten [Forscher] anziehen. Bei CERN in Genf habe ich gesagt, dass wir die besten...der Welt zu uns locken müssen. Jetzt ist es die USA, die attraktiv erscheint. Europa hat ebenso Möglichkeiten, doch sie sind zu sehr verteilt. Wenn man aber ein Netz führender Forschungsgruppen in allen Bereichen einrichtet, kann man Spitzenforschung in Europa sichtbar machen und damit Europa für die besten Wissenschaftler anziehend machen." Gemäß dieser Denkweise möchte der Kommissar zu größeren Projekten bestehend aus Paketen kleinerer Projekte ermutigen. "Damit", so sagt er, "können wir von einem auf Einzelprojekten beruhenden Ansatz zu einem Ansatz auf breiter Basis gelangen." In einer neuesten Mitteilung ruft er außerdem zu einem strukturierteren Ansatz und längerfristigen Plänen (länger als vier Jahre) auf, was sowohl von der EU als auch auf nationaler Ebene unterstützt und die organische Natur der Forschung in der Praxis berücksichtigen würde. "Auf lange Sicht angelegte Forschungsprojekte sind besonders dynamisch. Mit der Zeit kann ein Projekt interessante Ergebnisse hervorbringen, die das ursprünglich daran arbeitende Team nicht verwerten kann, weil es nicht zu seinem Fachgebiet gehört und von einem anderen Team übernommen wird", erklärt der Forschungskommissar. "Es ist nicht unser Ziel, ständig nur bestimmte Forschungsteams oder Strukturen finanziell zu unterstützen. Unser Ziel ist es, Gemeinschaftsprojekte zu entwickeln. Deshalb kann mit den Fördergeldern der Gemeinschaft eine verhältnismäßig größere Wirkung entfaltet werden. Ziel ist es, die unmittelbare Produktivität der Gemeinschaftsmittel zu erreichen und auch ein Anreiz zur Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Industrie zu schaffen." Die Pläne des Kommissars für die unmittelbare Zukunft sind in der Oktober-Mitteilung festgelegt und werden Schritte beinhalten, um die Verfahren zu vereinfachen sowie die Projekte des Fünften Rahmenprogramms "bedeutend" größer zu gestalten, und zwar durch die Anhebung der finanziellen Schwellen. Diese Schritte sind wohl bereits in der letzten Runde der Aufforderungen zur Einreichung von Vorschlägen unter den Programmen "Informationsgesellschaft und Technologien" und "Growth" deutlich geworden (siehe RCN 15627 bzw. RCN 15625). So weit, so gut. Doch was plant der Kommissar, um in der europäischen Gesellschaft wieder das Interesse für die Wissenschaft zu wecken und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft und in die Wissenschaftler wiederzugewinnen? "Ich bin gerade dabei, ebenfalls auf diesem Gebiet eine Reihe von Aktionen zu starten. Es wird eine Mitteilung über Wissenschaft und Gesellschaft geben und das Biowissenschaftsforum wird alle Interessierten, einschließlich Bürger, Presse, Regierungsorganisationen und Wissenschaftler zusammenbringen. Wir möchten einen anderen Dialog zwischen Experten und Nicht-Experten zustande bringen, mit dem Ziel, nicht nur die Wissenschaft für den Bürger verständlicher zu machen, sondern auch zu versuchen, Wissenschaftler dazu zu ermutigen, Bilanz aus dem zu ziehen, was die Öffentlichkeit über sie denkt. Es ist keine einseitige Sache."