Vergrößert sich die Kluft zwischen Europa und den USA bezüglich Forschungsprioritäten?
Die US-Regierung hat bereits heftig auf die Verabschiedung eines Vorschlags der Europäischen Kommission zur Kennzeichnung von GVO (genetisch veränderten Organismen) reagiert. Der Vorschlag, der eine Kennzeichnung von GVO von der Produktion bis zum Verzehr vorsieht, wurde von der Bush-Regierung feindlich aufgenommen. Sie sagte offen, sie werde versuchen, den Vorschlag zu kippen, bevor er vom Europäischen Parlament und vom Ministerrat ratifiziert wird. Die Kennzeichnungsvorschriften wurden nach Beratungen mit der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) der Europäischen Kommission entworfen und werden als vertrauensbildende Maßnahme für europäische Verbraucher betrachtet. Die Untersuchung auf das Vorhandensein von GVO soll von der neuen Europäischen Lebensmittelbehörde durchgeführt werden. Dieser Schritt fügt sich in die Forschungsprioritäten des nächsten Rahmenprogramms ein, in dem die Bereiche Genome und Lebensmittelsicherheit weiter untersucht werden sollen. Die US-Regierung behauptet jedoch, dass die neuen Vorschriften Produkte aus den USA auf unfaire Weise diskriminieren würden, da dort nicht allgemein zwischen veränderten und konventionellen Nutzpflanzen getrennt wird. Außerdem sind die USA eines der Länder, die weltweit am meisten GVO verwenden. Beispielsweise stammen 75 Prozent der Sojabohnenproduktion aus genetisch verändertem Saatgut. Bereits vor der Verabschiedung des Vorschlags durch die Kommission wurde eine Kampagne gegen die Vorschrift begonnen. Präsident George W. Bush soll die Frage mit den europäischen Staats- und Regierungschefs beim G8-Gipfel in Genua im Juli diskutiert haben. Außerdem hat sich Staatssekretär Alan Larson kürzlich gegen die Vorschrift ausgesprochen. Er erklärte: "Offensichtlich ist dies ein sehr ernstes Problem, dass einen äußerst wichtigen Industriezweig betrifft, der für eine sehr wichtige Wählerschaft in den Vereinigten Staaten von entscheidendem Interesse ist." Die amerikanische Regierung ist besorgt, dass die europäischen Vorschriften zu einem Maßstab für andere Länder werden könnten, die das Vorhandensein von GVO kontrollieren möchten, wie z.B. Mexiko. Ende August gab es weitere Anzeichen dafür, dass GVO in Europa ein Streitpunkt bleiben werden. Eine Reihe von Landwirten, angeführt von dem Landwirtschaftsaktivisten José Bové, zerstörte genetisch verändertes Getreide in der Region Drôme im Südosten Frankreichs. Er hinterließ das Getreide vor einem Büro der französischen Regierung und verlangte, dass genetisch veränderte Nutzpflanzen nur in abgegrenzten Gebieten angebaut werden dürfen, um die gegenseitige Befruchtung mit konventionellen Nutzpflanzen zu verhindern. Einen weiteren Beweis für die Unterschiede zwischen europäischen und US-amerikanischen Forschungsprioritäten lieferte die Nachricht Ende August, dass die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA die Überwachung der Zerstörung der Ozonschicht einschränken werde. Während die Forschung über den Klimawandel weiterhin ein wichtiger Bestandteil des nächsten Rahmenprogramms für Forschung der Europäischen Union sein wird, sagte die NASA, dass eine 1 Mrd. US-Dollar teure Satellitenmission zur Überwachung der Ozonschicht im September eingestellt werde, da der Betrieb zu teuer sei. Der Forschungssatellit in der Hochatmosphäre wird entweder durch das Spaceshuttle zurückgeholt oder man lässt ihn auf die Erde abstürzen, da die NASA behauptet, sie könne sich die jährlichen Betriebskosten von 10 Millionen US-Dollar nicht leisten.