Britischer Bericht: Wenn es um den Weltraum geht, ist Amerika vom Mars und Europa von der Venus
Die britische Denkfabrik Demos hat einen neuen Bericht veröffentlicht, in dem die vollkommen unterschiedlichen Raumfahrtstrategien der EU und der USA beleuchtet werden und festgestellt wird, dass Europa seinem einzigartigen Weg treu bleiben sollte. "Wenn man durch die Hochglanzbroschüren der ESA [Europäische Raumfahrtagentur] und der NASA [US-amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde] blättert, könnte man meinen, Europa und die USA verfolgten einen vergleichbaren Ansatz", ist in dem Bericht mit dem Titel "Masters of the Universe" zu lesen. "Man entdeckt die gleichen Bilder von leuchtenden Satelliten, Astronauten, die sich mit Kindern unterhalten, und entfernten Planeten. Beide spielen mit den magischen Attributen Erforschung, Bildung, Inspiration, Industrie und Zusammenarbeit. Wenn man jedoch ein wenig genauer hinschaut, treten die Unterschiede deutlicher zutage", so der Bericht. Die unterschiedlichen Ansätze werden in einem Interview mit dem ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain beschrieben: "Für die Vereinigten Staaten ist der Weltraum ein Machtinstrument - Macht über Informationen und Führungsanspruch. Doch der Weltraum ermöglicht die genau entgegengesetzte Art der Weltführung [...] Er ist das perfekte Mittel, um Informationen zu verbreiten, die Kluft zwischen der reichen Nordhalbkugel und der armen Südhalbkugel zu schließen [...]. Europa sollte daher einem anderen Modell den Vorzug geben und den Weltraum als öffentliches Gut betrachten." Unter Berufung auf die Argumente des US-Kommentators Robert Kagan geben die Autoren des Berichts Melissa Mean und James Wilsdon an, dass "Amerika von Mars stammt und Europa von der Venus." Im Bericht wird herausgestellt, dass die unterschiedlichen Raumfahrtphilosophien sich auch in den Gesprächen zwischen der EU und den USA über Galileo, das europäische Satellitennavigationssystem, gezeigt haben: "Beim Streit über Galileo geht es um mehr als nur das übliche Machtgerangel zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Es geht vielmehr um eine Grundsatzentscheidung über offene oder geschlossene Innovationsmodelle." Während das amerikanische GPS als geschlossenes System zu militärischen Zwecken konzipiert war, wird es sich bei Galileo um ein zivil kontrolliertes System handeln, das für den zivilen Nutzer entwickelt wurde. Die Autoren des Berichts heißen den europäischen Ansatz gut und bezeichnen ihn als "typisch europäisch, basierend auf Wertvorstellungen wie Frieden, Wohlstand und Freiheit und einem starken Engagement für internationale Entwicklung und Umweltschutz." Damit Europa einen anderen Weg als die USA einschlagen und die Erschließung des Weltraums im Dienste der Bürger vorantreiben kann, müssen die Budgets für die Weltraumforschung überarbeitet werden, so der Bericht. Ferner wird die Erfordernis betont, eine neue Haltung gegenüber der Raumfahrt einzunehmen. Während sich in Großbritannien eine neuerliche Begeisterung für den Weltraum speziell in der jüngeren Bevölkerung (16- bis 34jährige) abzeichnet, wird die Raumfahrtindustrie des Landes von männlichen Forschern dominiert, die kurz vor der Pensionierung stehen. "Wir hören seit Jahren das Argument, dass die Weltraumwissenschaften aufgrund ihres wirtschaftlichen und technologischen Nutzens wertvoll sind. Der unbeabsichtigte Nebeneffekt dieser Botschaft war bislang jedoch, dass der Weltraum als "wichtig aber langweilig" wahrgenommen wurde", so der Wortlaut des Berichts. Die Autoren loben daher Colin Pillinger, den Leiter des Teams, das versucht hatte, Beagle 2 auf dem Mars landen zu lassen. "Der Geniestreich von Pillinger bestand darin, den Weltraum als eine erweitere Bühne des Show-Geschäfts zu betrachten", erklären sie. "Trotz seines Status als renommierter Vertreter der britischen Weltraumwissenschaften erkannte er, dass die Raumfahrt irgendetwas vermissen ließ und dass das Erreichen eines neuen Publikums eine wichtige Komponente für den langfristigen Erfolg des Programms war." Der Bericht "Masters of the Universe" erläutert darüber hinaus, warum die Raumfahrtindustrie einen wichtigen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit als Innovationsquelle leistet und warum die Weltraumwissenschaften und die Erdbeobachtung nicht vernachlässigt werden sollten. Die Autoren schlussfolgern, dass "sich zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass der Weltraum wichtig ist." Die EU hat ein Weißbuch über die Entwicklung der europäischen Weltraumpolitik veröffentlicht, der amerikanische Präsident eine neue Weltraumstrategie angekündigt, und Wachstumsländer wie Indien und China investieren intensiv in diesen Bereich. "Allerdings gibt es noch keinen Konsens darüber, in welcher Form der Weltraum wichtig sein wird", so die Autoren Mean und Wilsdon. "Je weiter die EU und die USA ihre unterschiedlichen Ansätze vorantreiben, desto mehr Klarheit werden wir wohl dahingehend gewinnen."
Länder
Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten