Neuseeländischer Forschungsminister erklärt, warum Europas Forscher über eine Zusammenarbeit mit seinem Land nachdenken sollten
Neuseeland liegt als Partner für europäische Forscher nicht gerade auf der Hand, denn das Land liegt immerhin so weit von Europa entfernt wie nur irgend möglich und ist vor allem für seine wichtigste Industrie, die Milchwirtschaft, bekannt. Neuseeland habe jedoch in Bezug auf eine Forschungszusammenarbeit viel zu bieten, wie Forschungsminister Pete Hodgson in einem Interview mit CORDIS News erklärte. Da Neuseeland zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit gehört, muss man sich nicht allein auf die Aussage des neuseeländischen Forschungsministers verlassen, um zu sehen, dass das Land ein attraktiver Partner sein könnte. Die neuseeländische Wirtschaft ist im Wandel begriffen, wie sich unter anderem an der Tatsache ablesen lässt, dass die Software-Exporte in vier oder fünf Jahren den Wollexport überholt haben werden. Ein Großteil dieses Wandels ist laut Hodgson darauf zurückzuführen, dass die Regierung der Innovation großen Wert beimisst. Das "Growth and Innovation Framework" (Wachstums- und Innovationsrahmenwerk) stelle das "zentrale Dokument unserer Regierung dar", erklärte Hodgson. "Es beschäftigt sich nicht nur mit Wissenschaft, vielmehr ist die Wissenschaft oft die Quelle von Innovation. Und arbeitet für uns." Tatsächlich hat Neuseeland nicht nur eine Wachstumsrate von etwa vier Prozent, sondern auch die zweitniedrigste Arbeitslosenquote der Welt zu verzeichnen. Die Wirtschaft wird immer vielfältiger und die im Ausland lebenden Neuseeländer strömen in ihr Heimatland zurück. Im Gegensatz zu Europa, wo die Abwanderung von Wissenschaftlern ins Ausland für die meisten Länder ein echtes Problem darstellt, erlebt Neuseeland gerade das Gegenteil: "Wir haben kein Problem mit dem Brain Drain, sondern mit dem Brain Gain - wir befinden uns in einem anderen Zyklus als Europa", erklärte Hodgson. "Wir leiden nun unter Qualifikationsmangel und Infrastrukturproblemen. Viele Probleme, nach denen wir uns vor fünf Jahren geradezu gesehnt hätten, haben wir nun [...]. Meine Aufgabe ist es, das Wachstum im Wissenschaftsbereich zu beschleunigen, damit wir weiterhin die Absolventen unserer Hochschulen beschäftigen können", erklärte der Minister. Die Hauptstadt Wellington liegt etwa 19.000 Kilometer von Brüssel entfernt, doch ist und sollte dies nach Meinung von Hodgson kein Hindernis für die Zusammenarbeit zwischen Neuseeland und der EU darstellen. Die Regierung hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, unter anderem mit der Einführung eines neuen Finanzierungsrahmenwerks (International Investment Opportunities Fund) zur Förderung der internationalen Forschungszusammenarbeit und der Ernennung des ersten in Brüssel tätigen Wissenschaftsberaters Neuseelands. "Kleine Länder sind immer mit Kooperationen befasst. Wir haben keine Alternative", erklärte Hodgson. "Fast alles, was in der Welt entdeckt wird, wird nicht in Neuseeland entdeckt!" Obgleich Neuseeland immer Forschungsverbindungen mit einzelnen europäischen Ländern gepflegt hat, weiß die Regierung inzwischen, "dass nun, wo sich der Gedanke eines vereinten Europas festigt, wir uns auf die EU als Ganzes konzentrieren müssen." Als Mitglied des Commonwealth unterhält Neuseeland traditionell enge Verbindungen zum Vereinigten Königreich, jedoch auch zu Ländern wie Deutschland und Frankreich. Der Status quo ändert sich jedoch: "Es reicht nicht mehr aus, loszuziehen und unsere alten Freunde in Oxford oder Cambridge zu treffen. Wir müssen mehr tun als das, und wir tun es gerne", sagte Hodgson gegenüber CORDIS News. Mit dem Internet und dem zunehmenden Flugverkehr ist die Zusammenarbeit nicht mehr so schwierig, wie es einmal der Fall war: "Der Schrecken der Distanz lässt nach, ist jedoch noch nicht ganz beseitigt", erklärte der Minister. Laut Hodgson werden die Schwierigkeiten der Isolation für die Forschungsgemeinschaft durch drei Faktoren ein wenig aufgewogen. Erstens sei die Tatsache, dass die Arbeit jahreszeitlich versetzt durchgeführt werden kann, für viele Wissenschaftler von Interesse, insbesondere für diejenigen, die mit Pflanzen arbeiten. Wenn für ein Forschungsprojekt zwei aufeinanderfolgende Sommer notwendig seien, stelle Neuseeland den idealen Standort für einen dieser Sommer dar. Zweitens gebe es in Neuseeland viele Krankheiten nicht, die im Rest der Welt anzutreffen sind, wie z.B. BSE und Scrapie. Drittens bedeute die Entfernung zwischen neuseeländischen Wissenschaftlern und ihren Kollegen in anderen Ländern, dass sie nicht durch die übliche Orthodoxie in ihrer Arbeit eingeschränkt werden, erklärte Hodgson. Der Minister räumte ein, dass dies "eher eine Behauptung als eine Tatsache" sei, erklärte aber, dass "die Neuseeländer in der Lage sind, etwas auf andere Art und Weise zu tun, außerhalb der üblichen Bahnen zu denken oder eine funktionierende Abkürzung zu finden." In Neuseeland sind alle wissenschaftlichen Disziplinen vertreten. Das Land hat sich jedoch auf bestimmte Bereiche spezialisiert, hauptsächlich auf diejenigen, die die Wirtschaft des Landes unterstützen. "Wir verbringen nur wenig Zeit damit, Teilchenbeschleuniger zu bauen oder zu versuchen, in den Weltraum zu fliegen", erklärte Hodgson. Neuseeland sei z.B. sehr gut im gesamten Bereich der Biologie, erklärte er. Das Land nehme daher eine sehr starke Position in der modernen Biotechnologie ein. "Wir können fast jedes beliebige Genom entschlüsseln. Genauso können wir diverse Dinge klonen und tun dies auch", erklärte Hodgson. Beispielsweise verfügt das Land über die weltweit größte Datenbank mit Genomen von Früchten. "Wir haben hier einen kleinen Vorsprung", sagte der Minister. Der neuseeländische Haushalt für das Jahr 2004 wurde im Mai verabschiedet und sieht mit neu bereitgestellten 50 Millionen neuseeländischen Dollar (etwa 27 Millionen Euro) die stärkste Erhöhung von Regierungsgeldern für Forschung, Wissenschaft und Technologie vor, die es jemals gab. Der Minister hofft, dass sich dieser Trend in 2005 fortsetzen wird. Denn obgleich Neuseeland "Finanzmittel in nie da gewesener Höhe in die Forschung fließen lässt", liegen die Forschungsinvestitionen noch immer unter denen Europas. Ein Teil der neu bereitgestellten Gelder wird über den International Investment Opportunities Fund verfügbar gemacht. Die Initiative soll mögliche Konflikte in den Finanzierungszyklen abbauen und so die internationale Zusammenarbeit fördern. Wenn sich beispielsweise die Möglichkeit für ein Kooperationsprojekt ergibt, die neuseeländischen Partner ihren Anteil der Finanzierung jedoch bereitstellen müssen, bevor das nächste nationale Budget bekannt gegeben wird, könnte dieser Fonds genutzt werden. Die erste Ausschreibung wird Anfang Oktober veröffentlicht. Es wird mit großem Interesse vonseiten der Forschungsgemeinschaft gerechnet. "Die zugrunde liegende These ist die, dass Wissenschaftler kooperieren, ob wir dies wollen oder nicht. Die derzeitige Regierung befürwortet die Zusammenarbeit, daher tun wir alles in unserer Macht Stehende, um die Zusammenarbeit zu erleichtern. Ich habe keinen Zweifel daran, dass das Geld gut investiert werden wird", sagte Hodgson gegenüber CORDIS News. Die Forschungsinvestitionen aus der Privatwirtschaft waren immer sehr gering. Wie der Minister erklärte, war für die wichtigste Industrie des Landes, die Milchwirtschaft, allerdings auch kein hohes Forschungsniveau erforderlich: "Milchbauern geben nicht 15 Prozent ihres Umsatzes für die Forschung aus, Pharmaunternehmen schon." Dies bedeutet nicht, dass Neuseeland nicht in die landwirtschaftliche Forschung investiert. "Nur aufgrund der Qualität unserer Landwirtschaftsforschung gehören wir eigentlich zur sog. ersten Welt. Durch Forschung konnten wir die Produktivität beträchtlich steigern." Mit der Umgestaltung der Wirtschaft bewegt sich laut Hodgson jedoch auch die Forschung von einem Primärsektor auf ein höheres Niveau. Die Forschungsausgaben vonseiten der Privatwirtschaft erhöhten sich zwischen 2000 und 2002 um 32 Prozent, und der Minister hofft auf eine ähnliche Steigerung in den kommenden zwei Jahren. Obgleich sich Hodgson der Tatsache bewusst ist, dass Europa immer noch beträchtlich mehr in die Forschung investiert als Neuseeland, freute es ihn, verkünden zu können, dass die EU derzeit als Ganzes nicht so gute Leistungen erbringt wie Neuseeland. Könnte es sich hier um ein weiteres Land handeln, das die politischen Entscheidungsträger Europas auf ihre Liste neuer Mitwettbewerber setzen müssen?