Patten: Wirtschaftliche Argumente für Investitionen in Forschung und Bildung "sind nicht unbedingt die besten"
Chris Patten, ehemaliger Kommissar für Außenbeziehungen und derzeitiger Kanzler der Universitäten Oxford und Newcastle, hat davor gewarnt, dass wirtschaftliche Argumente für höhere Investitionen in die Hochschulbildung und Forschung "weder die einzigen, noch die besten" Argumente seien. Patten sprach als Redner auf der jährlichen Save British Science Distinguished Lecture, die am 18. November in London, Großbritannien, stattfand. Er stellte heraus, dass Europa seiner Ansicht nach mehr Geld für die Hochschulbildung bereit stellen sollte, da in der EU15 nur 1,4 Prozent des BIP in diesem Bereich investiert werden, verglichen mit drei Prozent in den USA. "Die Bedenken hinsichtlich der Geschwindigkeit, mit der Amerika Europa bei den Investitionen in Hochschulbildung und FuE [Forschung und Entwicklung] überholt hat, spielen eine wesentliche Rolle bei dem Versuch Europas, eine glaubwürdige Strategie zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln", erklärte Patten. Hinsichtlich des Ziels der EU, bis 2010 zur wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaft weltweit zu werden, erklärte er gegenüber den Zuhörern: "Erschrecken Sie nicht. Es ist davon auszugehen, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs in den kommenden Monaten eine realistischere Strategie erarbeiten werden." Ausgangspunkt könne eine Untersuchung der bisherigen Entwicklung von FuE in Europa sein, schlug Patten vor und wies auf die "enorme und sich schnell vergrößernde Kluft" zwischen den Forschungsausgaben in der EU und den USA hin. "Auch wenn [mangelnde Investitionen vonseiten] der Privatwirtschaft für den Großteil dieses Unterschieds verantwortlich sind, bedeutet dies nicht, dass die öffentlichen Forschungsbudgets in Europa schuldlos an dieser Entwicklung sind. Gemessen am BIP musste ein Rückgang von 0,91 Prozent in 1991 auf 0,73 Prozent in 2000 hingenommen werden", so Patten. "Es ist interessant, dass als Argument für höhere Investitionen in die Hochschulbildung sowie in FuE in der Regel die positiven Auswirkungen auf das Wachstum angeführt werden", fuhr er fort. "Und mit "in der Regel" habe ich eigentlich noch untertrieben. Ich kann mich nicht an einen einzigen Fall in jüngster Zeit erinnern, bei dem Investitionen in Universitäten und Forschung nicht mit wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit in Verbindung gebracht wurden." Patten erkannte zwar an, dass höhere Forschungs- und Bildungsbudgets in manchen, bei weitem jedoch nicht in allen Fällen zu mehr Wachstum und Wohlstand führen können, das wirtschaftliche Argument jedoch keineswegs schlüssig sei. Er forderte seine Zuhörer auf, "sich die Frage zu stellen, ob wir nicht etwas Wichtiges verpassen, wenn wir die Debatte über Bildung und Forschung auf ein rein wirtschaftliches Kalkül beschränken." "Wenn wir in unserer Argumentation für wissenschaftliche Forschung nicht sehr umsichtig vorgehen und die Forschungsfinanzierung transparent darlegen, laufen wir Gefahr, die Sympathie der Öffentlichkeit zu verspielen. Dies würde neben wirtschaftlichen Nachteilen auch in intellektueller, gesellschaftlicher und menschlicher Hinsicht negative Auswirkungen nach sich ziehen. Die Politisierung der Stammzellenforschung in den Vereinigten Staaten ist ein typisches Beispiel hierfür", erklärte Patten. Er ging zudem auf die zahlreichen Forderungen nach engeren Verbindungen zwischen den Universitäten und der Industrie zur Förderung des Wirtschaftswachstums ein. "Ich befürworte die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen und der Industrie sehr. Wenn man [jedoch] darauf hinweist, dass diese Beziehung sorgfältig und transparent ausgestaltet werden muss, bedeutet dies nicht, dass man eine [...] ausschließliche und möglichst enge Abhängigkeit vom Staat befürwortet. Ich bin lediglich der Meinung, dass wir diese Frage sehr viel offener diskutieren müssen, denn wenn wir dies nicht tun, schüren wir den Argwohn der Öffentlichkeit gegenüber der Wissenschaft und bewirken eine Verschlossenheit gegenüber vernünftigen Argumenten." Der frühere Kommissar erklärte, es gebe zudem Bedenken dahingehend, dass das Engagement der Universitäten für eine rein interessebedingte Grundlagenforschung durch kurzfristige Gewinnaussichten und schnelle finanzielle Erträge untergraben werden könnte. Er stellte fest: "Es ist komisch, dass die Universitäten, die ja tagtäglich mit neuen Ideen zu tun haben, derart zögerlich waren, als es darum ging, Ideen zu unserer eigenen Zukunft zu entwickeln und unsere eigene Zukunftsvision durchzusetzen. Ich hoffe, dass wir unsere Interessen in den kommenden Jahren selbstbewusster zu vertreten wissen werden." Abschließend erklärte Patten: "Es gibt wesentlich Schlimmeres, als in einer pluralistischen Demokratie als Rechtfertigung für unabhängige, forschungsorientiert arbeitende Universitäten das leidenschaftliche Streben danach anzuführen, ein wenig mehr über unsere Welt erfahren zu wollen."
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Vereinigtes Königreich