Europa verpasst den Anschluss an landwirtschaftliche Biotechnologie, warnen Anhänger
Im Anschluss an die jüngste Veröffentlichung von Zahlen, die einen elfprozentigen Anstieg der mit gentechnisch veränderten (GV) Nutzpflanzen bebauten weltweiten landwirtschaftlichen Fläche im Jahr 2005 zeigen, haben Anhänger der landwirtschaftlichen Biotechnologie davor gewarnt, dass Europa Gefahr laufe, eine weltweite Revolution zu verpassen. Dem Bericht des International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA) zufolge gibt es weltweit derzeit etwa 222 Millionen Acre in 21 Ländern, darunter fünf europäische Länder, auf denen der Anbau von Biotech-Nutzpflanzen zugelassen ist. Während einige Gegner der landwirtschaftlichen Biotechnologie die Genauigkeit dieser Zahlen in Frage gestellt haben, ist es klar, dass Millionen von Landwirten die Technologie seit ihrer Einführung im Jahr 1996 einsetzen. Während GV-Befürworter den erstmaligen Anbau von Bt-Mais im Jahr 2005 in der Tschechischen Republik sowie die Wiedereinführung derselben transgenen Nutzpflanze in Frankreich und Portugal begrüßten, belief sich die Gesamtanbaufläche für GV-Mais in diesen drei Ländern auf lediglich 3.500 Acre. Einige sind besorgt, dass dieses mangelnde Interesse an der GV-Kommerzialisierung dazu führen wird, dass Europa in einem Schlüsselbereich der wissensbasierten Technologie weiter hinter seinen Konkurrenten zurückfällt. Bei einem von der europäischen Biotechnologie-Lobbygruppe EuropaBio organisierten Briefing sagte ihr Generalsekretär Johan Vanhemelrijck: "Die Tatsache, dass Europa hinter der Kommerzialisierung von GV-Nutzpflanzen hinterherhinkt, macht die Situation für junge F&E-orientierte Unternehmen [F&E -Forschung und Entwicklung] nicht leichter. Die Frage ist, wie viele Unternehmen beschlossen haben, nicht in diesem Bereich in Europa tätig zu werden, und wie viele Chancen wir verpasst haben, um unsere Führungsposition zu behaupten." Der Leiter des Bereichs "Unternehmensentwicklung" eines solchen F&E-orientierten Biotech-Unternehmens, Erik Jongedijk of Devgen, fügte hinzu: "In Europa können wir uns glücklich schätzen, dass wir noch über eine sehr starke Forschungsbasis in der Biotech-Landwirtschaft verfügen. Aber es sind nur ein paar Perlen in ein paar Ländern. Es wäre traurig, wenn Europa von dem abhängig würde, was andere Länder produzieren, und daher ist es wichtig, eine starke Forschungsbasis aufrechtzuerhalten." Der belgische Erfinder der am häufigsten verwendeten Methode zur Erzeugung von GV-Pflanzen und Präsident des Europäischen Biotechnologieverbands, Professor Marc Van Montagu, betonte, dass die Leute bei der landwirtschaftlichen Biotechnologie nicht nur an Lebens- und Futtermittel denken sollten. "Die Pflanzen können als Rohstoff für viele verschiedene Verbindungen und Materialien verwendet werden, und wir müssen sie verwenden, um Erdöl als unseren wichtigsten Rohstoff zu ersetzen." Wenn die Politiker in Europa über das Potenzial von Biobrennstoffen sprechen, um zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen, scheinen sie sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass die derzeit in den Mitgliedstaaten geltenden Vorschriften die Fähigkeit der landwirtschaftlichen Biotechnologie, Lösungen zu liefern, behindern, so Professor Montagu weiter. "Dies ist ein großes Handicap für Europa und führt außerdem dazu, dass ärmere Länder beispielsweise in Afrika zögern, die Technologie einzusetzen, was ebenfalls schlecht ist." Eine Reihe von Rednern hob das Potenzial von GV-Nutzpflanzen zur Verringerung von Armut und Hunger in den Entwicklungsländern hervor, und Professor Montagu ist der Ansicht, dass "die Bekämpfung des Teufelskreises von Hunger und Armut [...] eine Neuformulierung der aktuellen Landwirtschaftsmodelle erfordern wird". Da die Verwendung derartiger Argumente zur Rechtfertigung der Kommerzialisierung von GV-Nutzpflanzen in Europa zu Recht oder zu Unrecht häufig zu Empörung oder bloßer Gleichgültigkeit bei den Bürgern führen kann, fragte CORDIS-Nachrichten Professor Montagu, ob dies die richtige Herangehensweise in Bezug auf diese Frage sei. "Ich stimme zu, dass es notwendig ist, die Vorteile für Europa hervorzuheben, um eine Akzeptanz in Europa zu erzielen. Aber global gesehen sowie aus meiner Sicht als Wissenschaftler und Privatmensch ist es absolut notwendig, dass die Entwicklungsländer ein höheres Einkommen erzielen", antwortete der Professor. Eines der Hauptprobleme bei der Betonung der Vorteile für die europäischen Bürger besteht jedoch darin, dass von den Einsparungen in Höhe von 30 USD pro Acre, die Jongedijk zufolge durch GV-Nutzpflanzen erzielt werden können, fast nichts an die Verbraucher weitergegeben wird. Stattdessen gehen etwa zwei Drittel an die Landwirte und ein Drittel an die Biotech-Saatgutfirmen. EuropaBio ist jedoch weiterhin zuversichtlich, dass die Europäer mittel- bis langfristig die Vorteile der Pflanzenbiotechnologie nicht ignorieren können. Dennoch erwartet Vanhemelrijck in der nahen Zukunft keine großen politischen Fortschritte. "Ich setze keine großen Hoffnungen in die österreichische Ratspräsidentschaft", sagte er abschließend. "Langfristig bin ich optimistisch, aber nicht in Bezug auf die kommenden sechs Monate."