Patten: Europa kann noch große Fortschritte in Richtung Lissabon-Ziele machen
Lord Patten, der ehemalige EU-Kommissar und jetzige Kanzler der Universitäten Oxford und Newcastle, machte fehlende Investitionen in Hochschulbildung und Forschung für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Europas verantwortlich. Das größte Problem, so Lord Patten in einer Rede vor der Academie des Technologies am 28. Februar in Paris, sei die ungenügende finanzielle Unterstützung von Regierungen und Unternehmen für Investitionen in Wissen - eine Diagnose, die von der derzeitigen Kommission voll und ganz geteilt wird. Um das "heroische" Ziel, Europa in die wettbewerbsfähigste wissensbasierte Gesellschaft weltweit zu verwandeln, so Patten weiter, "wurden diverse einschneidende Reformen vorgeschlagen. Einige davon wurden umgesetzt, wobei manche Länder erfolgreicher sind als andere. Aber im Großen und Ganzen sieht es nicht besonders gut aus." Es sei ein Paradox, erklärte Lord Patten, dass Europa es in einer Phase von nie dagewesenem Wohlstand und Stabilität zugelassen habe, dass die öffentlichen Mittel für Universitäten auf ein so erbärmliches Niveau gesunken sind. "Universitäten sind die wichtigsten Inkubatoren für Forschung. Wenn die Universitäten unterbewertet sind, was wird dann aus der Forschung? Wir lassen es zu, dass unsere Kultur ausdörrt", warnte Lord Patten. Um das Problem der Unterinvestition zu lösen, konstatierte der ehemalige Kommissar, sei es leichter, die öffentlichen Ausgaben zu erhöhen, als die privatwirtschaftlichen Investitionen anzukurbeln. Aber wenn Ersteres gelänge, dann werde Letzteres eventuell folgen. "Wir sollten auch erkennen, dass wir mit einem Riesenvorsprung starten und - wenn wir es wollten - sehr schnell Fortschritte machen könnten", fügte er mit Blick auf den hohen Lebensstandard in Europa und seine weltweit renommierten Institutionen und Unternehmen hinzu. "In Asien gibt es ein Sprichwort: Es ist besser, in einer kurzen Schlange zu stehen als in einer langen. Wir stehen in einer kurzen Schlange." Was die EU-Ebene betrifft, so begrüßt Lord Patten die Tatsache, dass die Kommission Wesen und Ausmaß des Problems erkannt hat und durchaus gewillt ist, etwas zu tun. Zunächst habe die Kommission versucht, den Schwerpunkt des EU-Haushalts auf Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zu verlegen, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. "Im Dezember hat der Europäische Rat ein Ergebnis vorgelegt, demzufolge der Anteil des EU-Haushalts für Landwirtschaft bis 2013 von heute 40 auf 44 Prozent steigt. Gleichzeitig wurde das Budget für Wettbewerbsfähigkeit stark gekürzt. Warum das? Geben wir zu viel für die GAP aus? Oder sollten wir ein größeres Gesamtbudget haben, auch wenn die meisten Finanzminister Zeter und Mordio schreien? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich Ihnen." Zweitens habe die Kommission - wesentlich erfolgreicher - den Europäischen Forschungsrat (ERC) eingerichtet. Ziel des Rats sollte es sein, einen Finanzierungsmechanismus für Grenzforschung zu schaffen, der noch weniger der Einmischung der Politik unterliegt als in den USA, so Lord Patten, wo wissenschaftliche Forschung sich den Angriffen anti-aufklärerischer Kräfte erwehren muss. Die einzige größere noch offene Frage, fügte er hinzu, betreffe das künftige Budget des ERC. Aber es sei gerade dieser Aspekt, das ERC-Budget, der ihn an der dritten und jüngsten Initiative der Kommission, dem European Institute of Technology (EIT), zweifeln lasse: "Wer garantiert uns, dass zu einem Zeitpunkt, zu dem bekannterweise das europäische Forschungsbudget unter Druck ist, das Geld für das neue Gremium nicht aus dem Budget abgezweigt wird, das für den [ERC] gedacht war? Wir brauchen keine neue Institution, wir brauchen eine bessere finanzielle Unterstützung einiger unserer bestehenden Universitäten und Forschungsinstitutionen", sagte der Universitätskanzler. Bei dieser Herausforderung, schloss Lord Patten, gehe es um mehr als um BIP-Wachstum, es gehe um unsere gesellschaftlichen Werte und um unsere Vitalität als Zivilisation. "Zivilisationen steigen auf und gehen unter. Ihnen folgen oft - sei es durch Tat oder durch Unterlassung - finstere Zeiten. [...] Sind wir in Europa heute mit der Aussicht konfrontiert, in die Bedeutungslosigkeit zu versinken? Vielleicht nicht. Die Entscheidung liegt in unseren Händen."
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