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Inhalt archiviert am 2023-03-02

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Neue Forschung stellt Gesetze der Vererbungslehre infrage

Französische Forscher haben herausgefunden, dass die RNA, eine mit der bekannteren DNA verwandte Säure, bei der Übertragung genetischer Informationen eine Rolle spielt. Dies revolutioniert unsere bisherigen Erkenntnisse von der Vererbung. In Experimenten mit Mäusen hat ein F...

Französische Forscher haben herausgefunden, dass die RNA, eine mit der bekannteren DNA verwandte Säure, bei der Übertragung genetischer Informationen eine Rolle spielt. Dies revolutioniert unsere bisherigen Erkenntnisse von der Vererbung. In Experimenten mit Mäusen hat ein Forscherteam vom französischen Institut für Gesundheitswesen und medizinische Forschung INSERM und der Universität Nice Sophia Antipolis herausgefunden, dass manche genetische Informationen auch ohne die entsprechende DNA an die Folgegeneration weitergegeben wurden. Die Experimente, deren Ablauf sehr einfach war, wurden an Mäusen mit und ohne Tupfen auf Schwanz und Füßen durchgeführt. Die Forscher wussten, dass die genetische Information für diese Mutation von einem speziellen Gen, dem so genannten Kit-Gen, übertragen wird. Das veränderte Kit-Gen ist dominant, daher weisen auch Mäuse mit einer normalen und einer veränderten Kopie des Kit-Gens diese Tupfen auf. Die Genetik lehrt uns, dass Mäuse mit drei verschiedenen genetischen Kombination möglich sind: Mäuse mit zwei veränderten Genen, die die Tupfen aufweisen, Mäuse mit einem veränderten und einem normalen Gen, bei denen die Tupfen ebenfalls auftreten, und Mäuse mit zwei unveränderten Genen, bei denen man keine Tupfen erwarten sollte. Bei der Züchtung der Mäuse konnten die Forscher um Minoo Rassoulzadegan jedoch beobachten, dass bei Jungen von Mäusen mit zwei unveränderten Genen wider Erwarten Tupfen auftraten. Dieses Ergebnis widerspricht allen bisherigen Erkenntnissen der Genetik. Die einzige Erklärung, die die Forscher für dieses unerwartete Auftreten der Tupfen finden konnten, stand im Zusammenhang mit der RNA. Es ist bekannt, dass das veränderte Kit-Gen RNA in riesigen Mengen bildet. Bislang hatte man RNA lediglich eine Hilfsrolle bei der Übertragung der genetischen Informationen von der DNA auf Proteine zugesprochen. DNA produziert RNA, die wiederum bei der Bildung von Proteinen zum Einsatz kommt. Um ihre Theorie auf den Prüfstand zu stellen, injizierten die Forscher RNA-Proteine von mutierten Zellen in Mäuse-Embryonen ohne veränderte Kit-Gene, aus denen demzufolge normale Mäuse entstehen sollten. Die in der Folge geborenen Mäuse wiesen allerdings Tupfen auf, was ein deutliches Indiz für die Rolle der RNA bei der Vererbung ist. "Als wir sahen, dass aus den Embryonen, in die wir RNA injiziert hatten, Mäuse mit weißen Tupfen auf dem Schwanz entstanden, war uns klar, dass allein die RNA für die Vererbung dieses phänotypischen Merkmals verantwortlich sein konnte", erklärte Professor Rassoulzadegan in einem Interview mit der BBC. Diese Erkenntnisse revolutionieren die genetische Forschung. "Wir sind überzeugt, dass dieses Phänomen nicht nur bei Mäusen auftritt", sagte François Cuzin, Forscher am INSERM in Nizza, Frankreich, und Mitglied des Forscherteams gegenüber der Fachzeitschrift "Nature". Diese Erkenntnis erklärt in gewisser Weise jüngste Entdeckungen, bei denen Erbgut auch ohne die entsprechende DNA an die Nachkommen weitergegeben wurde. Beispielsweise ergaben Studien Ende der 90er Jahre, dass die Gegend, aus der die Eltern stammten, einen größeren Einfluss auf das Risiko, an Diabetes zu erkranken, hatte, als die genetischen Erbanlagen. Das steht in krassem Widerspruch zu Darwins klassischer Theorie. Diese gleichsam "verhaltensbestimmte Beeinflussung" könnte unsere Vorstellung von Vererbung gründlich verändern. Das Team will nun untersuchen, auf welchen Wegen RNA vererbliche Eigenschaften noch übertragen kann und ob solche Prozesse auch beim Menschen ablaufen. "So erschließen wir uns wertvolle Informationen über die Veränderung des menschlichen Genoms", erklärte Professor Rassoulzadegan, "und unter Umständen gelingt es uns so letzen Endes, zu verstehen, warum Menschen so unterschiedlich sind".

Länder

Frankreich